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15.09.2009
 

Studie zur Finanzkrise

Europa überholt Nordamerika als reichste Region der Welt

Von Sven Böll

Millionärsmesse in München: Reicher Mann zum Mitreisen gesuchtZur Großansicht
ddp

Millionärsmesse in München: Reicher Mann zum Mitreisen gesucht

Viele Amerikaner blicken verächtlich auf die risikoscheuen Europäer herab - doch in der Finanzkrise zahlt sich die Vorsicht aus: Laut einer Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting ist Europa jetzt die reichste Region der Welt. Der Wohlstand in Nordamerika dagegen hat rasant abgenommen.

Hamburg - Vom Tellerwäscher zum Millionär - für diese Karriere stehen die USA wie kein zweites Land. Doch nach einem Jahr globaler Finanzkrise, die in amerikanischen Ramschkrediten ihren Ursprung hatte, muss man wohl sagen: Sie standen dafür. Denn in den vergangenen zwölf Monaten lernten viele Amerikaner den Weg kennen, den sie im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bisher für unmöglich hielten: vom Millionär zum Tellerwäscher.

In keinem Land hat die schwerste Rezession seit Jahrzehnten so starke Spuren hinterlassen wie in den USA: Im Vergleich zu 2007 büßte die größte Wirtschaftsmacht der Welt im vergangenen Jahr sagenhafte 22 Prozent ihres Wohlstands ein. Es ist eine Reichtums-Kernschmelze, schließlich war der Absturz fast doppelt so heftig wie im globalen Schnitt.

Diese Ergebnisse gehen aus dem "Global Wealth Report 2009" der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) hervor, der ausgerechnet an diesem Dienstag, also dem Jahrestag des Lehman-Zusammenbruchs, veröffentlicht wurde. Die Berater haben in ihrer Studie die Entwicklung des Vermögens untersucht, das Finanzinstitute wie Banken und Fondsgesellschaften für ihre Kunden verwalten - im Fachjargon "Assets under Management" genannt.

Die Zahlen beziehen sich somit auf das Finanzvermögen, zu dem unter anderem Bargeld, Aktien und Fonds zählen. Sachwerte wie Immobilien oder Gold sind nicht einbezogen. Dennoch zeichnen die Ergebnisse ein realistisches Bild von der Entwicklung des Wohlstands - hängt dieser doch in besonderem Maße vom liquiden Vermögen ab. Getreu dem Motto: Was nützt mir eine Villa, wenn ich sie nicht verkauft bekomme?

Amerikaner setzen noch immer stark auf Aktien

Wie heftig der globale Abschwung durch die Finanzkrise ist, zeigt ein Blick auf die weltweite Vermögensentwicklung: Im vergangenen Jahr schrumpften die verwalteten Finanzanlagen um fast zwölf Prozent - von 104,7 auf 92,4 Billionen Dollar. Dass es die USA mit einem Minus von 21,8 Prozent fast viermal so heftig erwischte wie Europa (minus 5,8 Prozent), hat vor allem mit dem deutlich risikofreudigeren Anlageverhalten zu tun. Kein Volk setzt so sehr auf Aktien wie die Amerikaner - entsprechend hat es den Niedergang der Finanzmärkte am stärksten gespürt.

Dass global deutlich weniger Geld in Aktien investiert ist als noch 2007, hat aber nicht nur mit dem Absturz der Märkte zu tun. "Viele Anleger haben auch Geld abgezogen, etwa um damit Schulden zu begleichen oder sie in Anlagen umzuschichten, die weniger anfällig sind - so wie Immobilien oder Gold", sagt Ludger Kübel-Sorger, Finanzexperte bei der Boston Consulting Group.

Jahrelang mussten sich die nicht gerade aktieneuphorischen Europäer für ihre konservative Geldanlage verlachen und als rückständig brandmarken lassen - gerade auch von US-Finanzjongleuren, die den ganzen Schlamassel verursacht haben.

Deutlich weniger US-Millionäre

In der Krise werden die Europäer für ihre traditionelle Vorsicht jedoch belohnt: Mit einem Vermögen von 32,7 Billionen Dollar ist Europa jetzt erstmals die reichste Region der Welt und hat damit Nordamerika (USA und Kanada) vom Spitzenplatz verdrängt. Es müsste schon zu einem langanhaltenden Anstieg der Aktienmärkte kommen, damit die Amerikaner den Europäern den Platz auf absehbare Zeit wieder streitig machen können.

Bei aller Freude der Europäer: Trotz des nordamerikanischen Absturzes bleiben die USA das reichste Land der Welt. Mit Finanzanlagen in Höhe von 27,1 Billionen Dollar verfügen die Amerikaner nicht nur über ein Vermögen, das nahezu doppelt so hoch ist wie ihr Bruttoinlandsprodukt (in Europa ist es nur das 1,7-fache). Die USA vereinen auch jetzt, wo das Schlimmste der Finanzkrise überwunden scheint, noch immer fast ein Drittel des weltweiten Vermögens auf sich.

Allerdings unter stark veränderten Vorzeichen: Denn die Zahl der zwischen Ost- und Westküste lebenden Millionäre rauschte seit 2007 um beachtliche 22 Prozent nach unten. Das heißt: Fast jeder vierte Amerikaner, der sich noch vor nicht allzu langer Zeit in lebenslanger finanzieller Sicherheit wähnte, ist jäh in die deutlich bescheidenere Realität zurückkatapultiert worden. Da wirkt es wie eine Ironie der Geschichte, dass ein solcher Massenexodus ausgerechnet in der Nation passiert, die das Streben nach Glück in ihrer Verfassung verankert hat.

Je reicher die Leute vor der Krise, desto ärmer heute

Um beim Blick auf ihren Konto- und Depotauszug trotzdem noch so etwas wie Freude zu empfinden - wenn auch eher Schadenfreude - hilft den Ex-Millionären aus den USA nur ein Blick nach Großbritannien. Im Mutterland des Kapitalismus hat die Finanzrevolution des vergangenen Jahres besonders viele Opfer gefordert: Die Anzahl der Dollar-Millionäre halbierte sich im Vergleich zu 2007 nahezu.

Gegen die Millionärsbereinigung in Großbritannien und den USA erscheinen die globalen Zahlen geradezu putzig: Weltweit ging die Zahl der Millionärshaushalte um fast 18 Prozent zurück - von elf auf neun Millionen. Weil Deutschland mit knapp 14 Prozent selbst noch unter diesem Schnitt lag, gibt es zwischen Blankenese und Starnberger See noch immer gut 370.000 Millionäre. In der "Wo die meisten Reichen leben"-Rangliste konnte die Bundesrepublik immerhin einen Platz auf Rang vier gutmachen - die deutschen Millionäre sind damit Gewinner der Finanzkrise. Fürs Treppchen hat es dennoch nicht gereicht: Denn in China (417.000), Japan (1,09 Millionen) und den USA (4,0 Millionen) freuen sich noch mehr Bewohner über ein siebenstelliges Dollar-Vermögen.

Ein wichtiges Fazit lässt sich aus der Studie ziehen: Je mehr Geld jemand vor der Finanzkrise besaß, desto risikoreicher war tendenziell seine Geldanlage und desto ärmer - zumindest relativ - steht er heute da. Besonders hart traf die Wirtschaftskrise deshalb die Crème de la Crème der Finanzelite, also die Personen, die nach Definition der Studie über liquide Anlagen von mehr als fünf Millionen Dollar verfügen.

Ihr Gesamtvermögen nahm von 22,6 auf 17,7 Billionen Dollar ab - immerhin um 22 Prozent und damit doppelt so stark wie im Schnitt aller Haushalte. Gleichzeitig konnten sich die Haushalte, die über weniger als 100.000 Dollar verfügen, laut Studie also als arm gelten, trotz Finanzkrise über etwas mehr Wohlstand freuen: Ihr Vermögen nahm um zwei Prozent zu.

Asien könnte Europa als reichste Region ablösen

Die Reichen verlieren, die Armen gewinnen - trotzdem ist die Finanzkrise alles andere als ein probates Mittel für eine gerechtere Welt. Denn nur 15 Prozent aller Haushalte weltweit sind reich, ihnen gehören aber satte 85 Prozent des globalen Wohlstands. Und die gerade einmal 0,6 Prozent Millionärshaushalte vereinen sogar mehr als 35 Prozent des weltweiten Vermögens auf sich.

Wer selbst Millionär werden will und dieses Ziel nicht durch Heirat oder andere legale Mittel erreichen kann, könnte seinem Glück eventuell durch einen Umzug auf die Sprünge helfen: In der Schweiz verfügen immerhin fast sieben Prozent aller Haushalte über ein entsprechendes Vermögen. Noch attraktiver ist nur Singapur, wohl nicht umsonst die "Schweiz Asiens" genannt: In dem asiatischen Stadtstaat lebt in fast jedem zehnten Haushalt ein Millionär.

Überhaupt ist die Chance, reich zu werden, in den kommenden Jahren in Asien deutlich größer als in den USA oder Europa: Auch wenn diese Regionen derzeit noch zwei Drittel des weltweiten Vermögens auf sich vereinen und der asiatisch-pazifische Raum (ohne Japan) nur zwölf Prozent, prognostiziert die Boston Consulting Group, dass es bis 2013 schon 16 Prozent sein werden. "Angesichts der weit überdurchschnittlichen Zuwachsraten dürfte es auch nicht mehr ewig dauern, bis Asien Europa als reichste Region der Welt ablösen wird", sagt BCG-Geschäftsführer Kübel-Sorger.

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insgesamt 216 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
18.11.2009 von grauer kater:

Es könnte sogar sein, dass dieser Zustand eher eintritt! Und insbesondere Europa muss aufpassen, dass seine blinde Vasallenschaft uns nicht in den Strudel des Niedergangs der USA hineinreisst! Europa könnte die Alternative zu [...] mehr...

18.11.2009 von founder: Ohne den Republikaner würde ich heute

Ohne den Republikaner würde ich heute über die ersten 100.000 km Dauertest eines GM Plug-in Hybrid schreiben. Die USA könnten führend bei modernen Autos sein, der California Clan Air Act war der Schlüssel zur Modernisierung [...] mehr...

17.11.2009 von Montanabear: Ruiniert sich Amerika selbst ?

Interessant - genau das ist es, was die Republikaner verhindern wolen : daß die USA wie China wird ! Sie wollen die Vielfältigkeit auf dem Ideenmarkt erhalten, weil der den Menschen mehr Freiheit und politische Macht gibt. So [...] mehr...

16.11.2009 von Michael KaiRo: Wettbewerb der Inkompetenzen ;-)

Och, da können wir mit den USA aber locker mithalten - unsere Bundesregierung trieft auch nicht gerade vor Kompetenz! mehr...

15.11.2009 von rabenkrähe:

..... Das stimmt zwar, aber dafür werden Politiker einfach viel zu schlecht bezahlt, gerade in den USA. Jeder Spitzensportler, Wissenschaftler und erst recht jeder halbgare Ökonom bekommen mehr, als die Vertreter der Politik. [...] mehr...

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