Rüsselheim - Als der Verkauf von Opel an den Zulieferer Magna und die russischen Sberbank endlich stand, war die Freude bei der Bochumer Belegschaft groß - doch jetzt bekommen die Mitarbeiter des Autowerks täglich neue Hiobsbotschaften zu hören: Laut Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") will Magna deutlich mehr Stellen streichen als bisher bekannt. Insgesamt sollten nach der geplanten Übernahme des Autobauers knapp 11.000 der derzeit noch etwa 46.000 Stellen in Europa wegfallen.
Die Zeitung beruft sich auf Unterlagen des Opel-Treuhandbeirats über den Geschäftsplan von Magna. Eine Stellungnahme des Zulieferers war zunächst nicht einzuholen. Die Angaben decken sich aber mit den Zahlen im Magnas finalem Angebotsvergleich, dem sogenannten Lazard-Papier. Laut diesem werden in Europa bis 2013 rund 10.000 Stellen an den Produktionsstandorten gestrichen - und weitere 1600 in Verwaltung und Vertrieb.
Laut "FAZ" ist vor allem das Werk in Bochum stärker als bekannt betroffen - dort sollen nun bis 2011 knapp 2200 der zuletzt rund 4900 Arbeitsplätze gestrichen werden, das wären 200 mehr als bislang im Gespräch waren. Bochum sei besonders stark betroffen, da die dortige Getriebeproduktion nach dem Plan des kanadisch-österreichischen Autozulieferers an den österreichischen Standort Aspern verlagert wird. Im Stammwerk Rüsselsheim sollen dagegen weniger Stellen wegfallen - 1400 statt der bislang diskutierten 1800. Im Ausland sei Belgien am härtesten getroffen. Dort sei die Schließung des Werks in Antwerpen geplant. 2500 Stellen sollen wegfallen. In Spanien würden knapp 2100 der 6400 Arbeitsplätze abgebaut.
Bislang war davon die Rede, dass 10.560 Jobs wegfallen sollen. Der mit öffentlichen Milliardenhilfen gestützte Geschäftsplan des Magna/Sberbank-Konsortiums sieht nach bisherigen Erkenntnissen vor, dass in den vier deutschen Werken 4500 der gut 25.000 Stellen wegfallen.
Betriebsrat wettert gegen Planzahlen
Seit Montag werden die Details der Übernahme ausgehandelt. Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz hatte vor dem ersten Treffen deutlich gemacht, dass die Arbeitnehmer den Abbau Tausender Stellen nicht mittragen werden: "Das sind Planzahlen, die wir so nicht akzeptieren", sagte er.
Die Einigung in den Gesprächen von Magna, Opel, dem Alteigentümer General Motors (GM) und den europäischen Arbeitnehmervertretern ist eine Voraussetzung für die Unterzeichnung des Kaufvertrags. Die Belegschaft soll zehn Prozent an dem neuen Unternehmen halten und bietet dafür bis 2014 einen Verzicht auf jährlich 265 Millionen Euro an. Magna und die russische Sberbank beteiligen sich mit jeweils 27,5 Prozent, der bisherige Eigentümer GM will 35 Prozent behalten.
Am Rande der Verhandlungen verteidigte Opel-Aufsichtsratschef Carl-Peter Forster den von Magna geplanten Stellenabbau. "Wir haben immer gesagt, dass wir angesichts der massiven Krise, in der sich die Autoindustrie bewegt, restrukturieren müssen, um langfristig wettbewerbsfähig zu sein", sagte der designierte NewOpel-Chef. Wo genau wie viele Arbeitsplätze wegfallen, müsse nun in den Gesprächen geklärt werden. Ziel sei, den Abbau so sozialverträglich wie möglich zu gestalten, sagte Forster.
Heftige Proteste in Belgien, Spanien und Großbritannien
Die Regierungen der Opel-Länder Belgien, Spanien und Großbritannien hatten kritisiert, dass die deutschen Standorte wegen der Milliardenhilfen aus Berlin und den Bundesländern gegenüber anderen Werken bevorzugt würden.
Bei den Verhandlungen geht es unter anderem um das industrielle Konzept, die Verteilung der Produktion, die Sanierungsbeiträge der einzelnen Werke und die Abwicklung des Stellenabbaus. Trotz der Haltung des Betriebsrats rechnet Forster mit einer baldigen Einigung und einer Vertragsunterzeichnung bis Anfang Oktober. "Wir wollen die Verhandlungen sehr schnell zu einem Abschluss bringen. Wir sind alle sehr daran interessiert, diese Diskussion nicht zu lange zu führen."
Verhindern wollen Gewerkschaften und Betriebsräte die drohende Schließung der Fabrik im belgischen Antwerpen. Aus Forsters Sicht sind die Chancen auf eine Rettung des Werks aber gering: "Wir werden natürlich noch einmal alle Möglichkeiten für Antwerpen durcharbeiten und schauen, ob es noch eine Möglichkeit gibt. Uns stimmt natürlich bedenklich, dass alle Investoren letztendlich gesagt haben, dass Antwerpen auf Dauer nicht zu halten sei." Die Verhandlungspartner beschlossen allerdings, eine Arbeitsgruppe zu bilden, die sich mit der Zukunft des Werkes in Antwerpen befassen soll.
Forster widersprach der belgischen Regierung, wonach der Standort im Wettbewerb mit anderen Werken noch alle Chancen hätte, wenn man der wirtschaftlichen Logik folgen würde. "Wir haben das anders errechnet." Betriebsratschef Franz, der sich für den Einstieg des Zulieferers Magna mit seinen russischen Partnern stark gemacht hatte, warb erneut für eine gesamteuropäische Lösung des notwendigen Kapazitätsabbaus. "Die Produktionsvolumen und auch die zu tragenden Lasten müssen gerecht auf die europäischen Werke aufgeteilt werden."
Magna weist Gerüchte über Interesse aus China zurück
Der chinesische Autohersteller Geely ist nach Worten von Magna-Co-Chef Donald Walker nicht an einer Produktionspartnerschaft mit Opel interessiert. Er wisse nichts von solchen Plänen, sagte Walker am Dienstag in Tokio. Er sei aber auch nicht an solchen Diskussionen beteiligt.
In Unternehmenskreisen hatte es in der vergangenen Woche geheißen, Geely habe dem kanadischen Zulieferer eine Zusammenarbeit bei Opel vorgeschlagen. Dabei soll Geely auch die Übernahme eines Anteils an Opel erwogen haben. Magna sei an solchen Partnerschaften aber derzeit nicht interessiert.
ssu/dpa-AFX/Reuters
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