Wirtschaft


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07.10.2009
 

Ökologische Landwirtschaft

Bauer sucht Aktionär

Von Julian Trauthig

Ökologische Landwirtschaft: Bullish mit Kuhaktien
Fotos
SPIEGEL ONLINE

Ein Biolandwirt aus Schleswig-Holstein expandiert - ganz ohne Hilfe von Banken: Mit originellen Ideen wie einer Kuhaktie oder einer Hof-Flatrate finanziert er seinen Hof und schafft Arbeitsplätze.

Kattendorf - Bauer Mathias von Mirbach hätte nicht gedacht, dass er einmal Post von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) bekommen würde. Bislang hatte sein ökologischer Hof in Schleswig-Holstein wenig mit der Finanzbranche zu tun. Gemächlich geht es im 900-Einwohner-Ort Kattendorf zu, der etwa eine Autostunde nördlich von Hamburg entfernt liegt. Anstrengend ist es oft, stressig eher selten. Hier streunen die Katzen durchs Heu, die Hühner suchen auf dem Boden nach Körnern.

Dann lag eines Morgens ein Brief der BaFin im Briefkasten des 50-Jährigen. Ob mit der sogenannten Kuhaktie seines Kattendorfer Hofs alles in Ordnung sei, und ob er nicht etwas zu melden hätte, wollte die Aufsichtsbehörde wissen.

Dass die Frankfurter und Bonner Beamten, die sich sonst um Banken und Versicherungen kümmern, auf den Landwirt aufmerksam wurden, hat eine kuriose Vorgeschichte: Vor vier Jahren wollte ein junger Kollege in den Betrieb einsteigen, der Mirbach und seinem Geschäftspartner Klaus Tenthoff gehört. Er brachte Kühe mit auf den Hof, Mirbach schlachtete einige seiner eigenen Tiere. Aber nach zwei Jahren entschied sich der Kollege dann doch gegen den Einstieg. Mirbach wollte die Kühe behalten, der Kollege verlangte Geld. Über Nacht brauchte Mirbach 20.000 Euro. An einen Bankkredit war nicht zu denken: Der Hof ist gepachtet, finanzielle Rücklagen gab es keine. So entstand aus der Not die Idee der Kuhaktie. Für 500 Euro pro Aktie sollten Kunden Anteile an der Kuhherde kaufen können. Als Rendite sollten 2,5 Prozent in bar oder fünf Prozent in Naturalien aus dem Hofladen ausgezahlt werden.

Hof-Flatrate für 150 Euro im Monat

So absurd die Idee erst einmal klang, sie funktionierte: 60 Hofliebhaber kauften zum Teil mehrere Kuhaktien. 60 Kalbaktien, für 100 Euro das Stück, fanden zusätzlich Abnehmer. Insgesamt erhielt der Hof 75.000 Euro. Damit konnte Mirbach die Kühe seines Kollegen kaufen, einen neuen Stall bauen, die Fressgitter verbessern und neue Gatter kaufen.

Das Geld ist auch der Grund, warum Jagrata Drews auf dem Kattendorfer Hof mit einer grünen Plastikkiste herumläuft und sich Gemüse zusammensucht. Als Großaktionärin besitzen sie und ihre Familie 40 Aktien, sie haben insgesamt 20.000 Euro in den Hof investiert. "Wir wollten unser Geld ethisch korrekt anlegen und hätten uns sonst für eine Ethikbank entschieden", sagt sie. Doch die Kuhaktie gefiel ihr besser: Ihre Rendite kann sie auch außerhalb der Öffnungszeiten des Hofladens abholen, 1000 Euro in Naturalien sind es pro Jahr. Wie fast alle Anleger ist sie langjährige Kundin des Hofladens. "Wo bekomme ich sonst für eine ethische Anlage fünf Prozent?", fragt sie.

Die Kuhaktie ist kein Wertpapier nach dem Aktienrecht, sondern ein Genussschein. Die Käufer bekommen ein Dokument, das sie als Inhaber auszeichnet, und einen jährlichen Bericht, den Mirbach verfasst. "Darin erzähle ich den Menschen, was in ihrer Herde das Jahr über passiert", sagt er.

Dabei ist die Kuhaktie nur eine der vielen Ideen Mirbachs. Vor elf Jahren hat er die Hof-Flatrate erfunden: Die Kunden zahlen jeden Monat einen Festbetrag von 150 Euro - und können sich dafür eine bestimmte Menge an Wurst und Fleisch, Milch, Käse, Gemüse, Kartoffeln und Brot im Hofladen oder an den Marktständen nehmen. 200 Mitglieder hat die Wirtschaftsgemeinschaft mittlerweile. Mirbach ist so von den Preisen der Molkereien und Schlachtereien unabhängig. Bis auf eine ökologische Bäckerei beliefert er keine externen Unternehmen, seine Waren verkauft er nur in seinem Hofladen oder auf Märkten. "Wir rechnen intern mit einem Milchpreis von 55 bis 60 Cent pro Liter", sagt er. Zum Vergleich: Gewöhnliche Landwirte erhalten rund 20 Cent pro Liter. "Ich finde, Menschen können für gute Lebensmittel auch einen höheren Preis bezahlen", sagt Mirbach. In seinem Hofladen verkauft er den Liter Milch für 1,25 Euro - und die Kunden zahlen den Preis gerne. "Warum sollen wir schlechter leben als unsere Kunden?"

Unabhängig von Wochenmärkten werden

Sein Konzept funktioniert: Mirbachs Hof hat zehn Mitarbeiter, in Erntezeiten können es mit Aushilfen und Halbtagskräften bis zu 20 werden - für einen 150-Hektar-Hof ist das recht viel. Immerhin habe er Arbeitsplätze in der Region geschaffen, sagt er.

In den nächsten Jahren möchte Mirbach auch von den Wochenmärkten unabgängig werden und nur noch von der Hof-Flatrate-Wirtschaftsgemeinschaft leben. Dazu versucht er immer wieder, seine Produktion an die Wünsche der Kunden anzupassen. Aktuell plant er, in seinem Hofladen mehr Rindfleisch anzubieten. Am wichtigsten für ihn ist: "Man muss im Kopf beweglich bleiben und immer nach neuen Ideen suchen."

Durch Medienberichte über Mirbachs Idee wurde die BaFin auf den Bauernhof aufmerksam und schrieb den Brief. Doch schnell war das Missverständnis geklärt. Nach Wertpapierprospektgesetz Paragraf 3 ist ein Genussschein von der Prospektpflicht ausgenommen, wenn der Gesamtverkaufspreis innerhalb von zwölf Monaten nicht über 100.000 Euro liegt. Das Geschäft mit der Kuhaktie geht also weiter.

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Die neuesten Beiträge:
15.11.2009 von Diomedes: Ein bürokratischer Moloch versteht eben nichts von Ackerbau und Viehzucht! III

Hm, dass hängt davon ab, was für eine Art von Markt man hat: Den idealen mit vielen Kunden und vielen Verkäufern, dann kann man ihn machen lassen, allerdings sollte man ihn nach wie vor beobachten, damit weder der Bolschewismus [...] mehr...

09.11.2009 von BossIron:

Man kann einen Markt steuern! Das sehen wir doch jeden Tag! Die Frage ist doch vielmehr ob man nicht besser fährt wenn man einfach mal rollen lässt ;-) mehr...

03.11.2009 von BossIron:

Richtig! leider stimmen dafür die Gesetzmäßigkeiten nicht. Die menge wird gesteuert, der preis soll sich am Markt bilden. Das kann nicht funktionieren! mehr...

03.11.2009 von BossIron:

Naja, all zu weit scheint es mit ihrem Wissen ja nicht her zu sein! Entscheidend ist was am ende unterm Strich stehen bleibt. Wenn sie 100 € mehr Förderung bekommen aber u.U. 200 € Mehrkosten haben dann ist der Blöd der [...] mehr...

03.11.2009 von Gebetsmühle:

wenn die preise stimmen, müssen sie steigen. sie wollen also, dass der verbraucher mehr bezahlt. dieser weg wäre viel leichter zu erreichen, wenn alle subventionen gestrichen würden und alle bauern auf biolandwirtschaft [...] mehr...

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