Von Nils Klawitter
Köln - So viel Selbstkritik war selten. Zur Eröffnung der weltgrößten Lebensmittelmesse Anuga in Köln hatten die Veranstalter vergangenen Freitag zu einem brancheninternen Abendessen in den Rheinterrassen geladen. Auch Alain Caparros trat dort auf. Der Chef von Deutschlands zweitgrößtem Lebensmittelhändler Rewe (Penny, toom, Comet) sollte über Nachhaltigkeit sprechen. Doch statt eines netten kleinen Toasts vor den Jacobsmuscheln und der Ochsenschulter geriet seine Rede zu einer Abrechnung mit dem Discountwahn der eigenen Branche.
In keinem anderen Land, so weist Caparros Redemanuskript aus, sei der Marktanteil der Discounter höher. Nirgendwo sei man so preisfixiert wie in Deutschland. Und wer ist Schuld daran? "Wir selbst", so Caparros, dessen offene Worte für merkliches Erstaunen unter den anwesenden Lebensmittelmanagern sorgten. Wir, damit meint der Rewe-Chef Handel und Ernährungsindustrie. "Wir selbst haben an der Erziehung vieler, vieler Verbraucher zu gnadenlosen Schnäppchen-Jägern mitgewirkt."
Der "mörderische Preiswettbewerb" mit bislang zehn Preissenkungswellen in diesem Jahr sei kein zukunftsfähiges Geschäftsmodell, sondern Wertvernichtung. Da inzwischen selbst die Discounter (zu Rewe gehört der Billigableger Penny) Umsatz einbüßten, könne es so nicht weitergehen. "Wir müssen endlich zur Besinnung kommen", so Caparros fast flehentlich. Der Weg aus dieser Preisspirale nach unten sei Nachhaltigkeit - nur darüber könne es gelingen zu "verantwortungsvollen", also höheren Preisen zu kommen.
Nachhaltigkeitsaktivismus kommt nicht von ungefähr
Das erstaunt - denn bislang haben viele Konzerne das Thema Nachhaltigkeit achtlos an die PR-Abteilungen abgeschoben. Man machte hier bei einem Ökoprojekt mit und sparte dort ein wenig Abfall - zu einer Reorganisation des Kerngeschäfts unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten war aber kaum ein Unternehmen bereit.
Das soll sich jetzt ändern: Caparros will nun statt mit Marketing oder "irgendwelchen Gimmicks" mit Projekten überzeugen: Mithilfe von ausgewählten Vertragslandwirten sei die Pestizidbelastung um über 20 Prozent gesunken, Strom beziehe Rewe seit 2008 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Bis 2015 soll der CO-2-Ausstoß des Konzerns um 30 Prozent sinken - deutlich stärker als bei den Konkurrenten Metro und Edeka.
Der Nachhaltigkeitsaktivismus kommt nicht von ungefähr: Das Klima-Thema müsse man besetzen, bevor Journalisten kämen oder Politiker es regelten, sagte auch Matthias Berninger - und der muss es wissen. Berninger war selbst mal Politiker und sorgte sich als Staatssekretär unter der grünen Umweltministerin Renate Künast um fettleibige Kinder und Lebensmittelkennzeichnung. Jetzt lobbyiert er ausgerechnet für den US-Süßwarenmulti Mars als "Global Head of Public Policy" gegen die Ampelkennzeichnung auf Lebensmitteln, die besonders Süßwarenhersteller treffen würde.
Bei Mars habe er, so Berninger, "schmerzhafte Veränderungen" angestoßen. Sie betreffen etwa die Kakaobeschaffung: Man habe sich gegen den Industrietrend gestellt und wolle sich für bessere Produktionsbedingungen in Erzeugerländern wie der Elfenbeinküste und Ghana einsetzen. Von dort kommen immer wieder Berichte über Kinderarbeit auf den Plantagen. Wichtig sei, dass die gesamte Branche "konzertiert" handele und sich auf Standards einigt, statt in einen "CSR-Wettbewerb" um die besseren Siegel einzutreten, so Berninger.
Formfleisch-Kommission soll Siegel vergeben
Vielleicht sagt er das auch deshalb, weil Mars sich mit der "Rainforest Alliance" einen ziemlich fragwürdigen Partner ausgesucht hat. Die industrienahe Organisation, die auch mit McDonalds arbeitet, verteilt ihr Siegel etwa für Kaffee schon dann, wenn nur ein Teil der Produktion aus zertifizierten Betrieben stammt. Bei Pestiziden ist nicht mehr vorgesehen, als die bestehenden Gesetze einzuhalten. Im Gegensatz zu Fairtrade hält die US-Organisation auch nichts von existenzsichernden Mindestpreisen.
Tatsächlich könnte die Unübersichtlichkeit im großen Moral-Monopoly der vielen Label und Qualitätssiegel in Zukunft noch größer werden. Denn in einem Beitrag für die "Lebensmittelzeitung" hat Eckhard Uhlenberg (CDU), Minister für Landwirtschaft und Verbraucherschutz in NRW, noch ein Siegel ins Spiel gebracht: Das Zeichen "Deutsches Lebensmittelbuch Qualität" sollten alle Hersteller in Europa nutzen können, die sich an die Standards der Deutschen Lebensmittelbuchkommission hielten - schlägt der Verbraucherminister vor.
Dieser Vorschlag ist grotesk: Denn dabei handelt es sich ausgerechnet um die Kommission, die sich zwar aus Verbraucherschützern, Wissenschaftlern, Industrievertretern und Verwaltungsleuten zusammensetzt. Sie tagt aber im Verborgenen, es gilt strengste Verschwiegenheit und diskutiert wird über bestimmte Produkte mitunter über Jahre. Dieser Kommission sind dann so verbrauchertäuschende Begriffe wie "Formfleisch-Schinken" für aus Fleischteilen zusammengeklebter Schinken zu Verdanken - der erfolgreichen Lobbyarbeit der Fleischindustrie sei Dank. Gewöhnliche Kalbsleberwurst darf so heißen, obwohl die Leber vom Schwein stammt und der Kalbfleischanteil verschwindend gering ist. So eine Kennzeichnung, so Uhlenberg allen Ernstes, würde gerade in der Debatte um Imitat-Produkte "für Klarheit sorgen".
Das zeigt: In Sachen Nachhaltigkeit und Transparenz steht die Branche noch ganz am Anfang.
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