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20.10.2009
 

Gierige Milliardäre

"Besessenheit macht blind"

Finanzskandale: Die spektakulärsten Betrugsfälle
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AP

Zumwinkel, Madoff und jetzt der Hedgefondsmilliardär Rajaratnam: Warum setzen Reiche für ein bisschen mehr Geld Freiheit und Karriere aufs Spiel? Wirtschaftswissenschaftler Matthias Sutter spricht im Interview über Gier, Zockerei, Sucht - und die Gründe, warum erwachsene Männer manchmal wie Kinder sind.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sutter, der Hedgefondsgründer Raj Rajaratnam hat ein geschätztes Privatvermögen von 1,3 Milliarden Dollar. Trotzdem hat er offenbar mit Insider-Geschäften im Wert von gerade mal 20 Millionen Dollar sein gesamtes Lebenswerk aufs Spiel gesetzt. Wahrscheinlich landet er sogar im Gefängnis. Warum ist er ein solches Risiko eingegangen?

Sutter: Auch wenn ich Herrn Rajaratnam natürlich nicht kenne, hat er wahrscheinlich ein ähnliches Problem wie jenes, mit dem auch Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel und der Anlagebetrüger Bernard Madoff zu tun gehabt haben dürften: Er hat einfach den Hals nicht voll gekriegt - koste es, was es wolle.

SPIEGEL ONLINE: Klingt fast nach Zockerei.

Sutter: Sein Verhalten ähnelt zumindest dem einer Spielernatur.

SPIEGEL ONLINE: Ist Rajaratnam damit auch ein Süchtiger?

Sutter: In gewisser Weise schon, denn er konnte ja offenbar nicht von seiner Spielerei loslassen, weil er wohl von seinem Job besessen war und immer mehr aus sich herausholen wollte.

"Wer von einer Sache besessen ist, schaltet im Zweifel das Gehirn aus"

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt diese fast krankhafte Besessenheit?

Sutter: Menschen, die an Spielsucht leiden, sind auch ständig auf der Suche nach einer neuen Belohnung. Denn es reicht ihnen nicht, ab und zu mal eine zu bekommen, da ihr Belohnungszentrum im Gehirn nicht ausreichend ausschlägt. Deshalb brauchen sie immer neue Kicks.

SPIEGEL ONLINE: Und Zumwinkel oder Rajaratnam bedenken die Konsequenzen ihres Handelns genauso wenig wie süchtige Kasinospieler?

Sutter: Ihnen fällt es im Zweifel noch schwerer als dem einsamen Mann am Roulettetisch. Denn Menschen, die im Berufsleben überdurchschnittlichen Erfolg haben, gewinnen fast automatisch Einfluss. Und weil sie dann gewissermaßen über den Normalsterblichen stehen, denken sie, dass auch ein paar Fehltritte drin sind. Es kann ja nichts passieren.

SPIEGEL ONLINE: Wird schon irgendwie gut gehen - das klingt nach einem kleinen Kind, das eine Dummheit gemacht hat und glaubt, das fliege ohnehin nicht auf.

Sutter: Auch wenn jeder in der Kindheit gelernt hat, dass es in der Regel anders läuft - vor dem Trugschluss sind auch Erwachsene nicht gefeit.

SPIEGEL ONLINE: Selbst dann, wenn sie hochintelligente Menschen sind, die im Berufsalltag in der Regel ganz rationale Entscheidungen treffen?

Sutter: Das Problem einer Sucht ist der Anfang: Schauen Sie sich Madoff an. Der hat irgendwann mit seiner Betrügerei losgelegt und gemerkt, dass er damit durchkommt. Und je länger es funktioniert hat, desto sicherer wird er sich gefühlt haben. Irgendwann kommt dann der Punkt, wo man Risiken falsch einschätzt oder sogar komplett ausblendet. Was man nie vergessen darf: Die Zumwinkels, Madoffs und Rajaratnams sind ja mit einer absoluten Leidenschaft bei der Sache - deshalb sind sie so erfolgreich, aber auch zu unvorsichtig.

SPIEGEL ONLINE: Leidenschaft kann im Job - genau wie in der Liebe - blind machen?

Sutter: Ja, so merkwürdig es klingt. Wer von einem Menschen oder einer Sache besessen ist, tut verdammt viel dafür - und schaltet im Zweifel das Gehirn aus. Dann ist man blind für Gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Allerdings hat man im Beruf in der Regel mehr Mitwisser als in der Liebe - was das Risiko des Auffliegens erhöht.

Sutter: Klar, je mehr Leute dabei sind, desto gefährlicher ist das Ganze. Deshalb muss man die Mitwisser gut bedienen, damit sie auch Vorteile haben. Die größte Gefahr ist es, jemanden vor den Kopf zu stoßen - der könnte dann aus Neid oder gekränktem Stolz Rache üben und auspacken.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es diese Machenschaften eigentlich nur unter Männern?

Sutter: Männer neigen eher als Frauen dazu, sich selbst und ihre Fähigkeiten zu überschätzen. Wohl deshalb hat man bislang von weiblichen Betrügern so wenig gehört.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Milliardär wie Rajaratnam eigentlich zufriedener als der Pförtner seiner Firma?

Sutter: Rajaratnam hat natürlich weniger finanzielle Probleme - doch das heißt noch lange nicht, dass er glücklicher ist. Die Forschung zeigt: Wer heute dreimal mehr verdient als vor zehn Jahren, fühlt sich nicht zwangsläufig besser.

SPIEGEL ONLINE: Weil seine Ansprüche mit steigendem Einkommen zunehmen?

Sutter: Ja, Menschen vergleichen sich immer mit ihrer Umgebung. Das heißt, Rajaratnam misst sich an anderen Milliardären und der Pförtner an Menschen, die irgendwie durchkommen müssen. Und wenn Rajaratnam dann einen anderen Hedgefondsmanager trifft, der zwei Yachten hat - und er nur eine -, dann kann ihn das unglücklich machen.

Das Interview führte Sven Böll.

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Zur Person

Matthias Sutter ist Wirtschaftswissenschaftler und lehrt an den Universitäten Innsbruck und Göteburg. Schwerpunkte des Volkswirtes und Sozialpsychologen sind neben experimenteller Wirtschaftsforschung auch Teamentscheidungen und Fragen der Spieltheorie. Dabei untersucht der 41-Jährige vor allem das ökonomische Entscheidungsverhalten von Individuen und Gruppen.






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