Von Carlota Nelson
Die "Géminis" ist ein heruntergekommener Trawler, ein schwimmendes Konglomerat aus Rost und Eisen. Sie ist das Zuhause von Sascha, 35, und liegt am Rand des Hafens von Las Palmas. Dort, wo auch die anderen Schiffe sind, die niemand mehr haben will. Eng vertäut schaukeln sie, ein knappes Dutzend noch, im Hafenbecken, vergessen vom Rest der Welt.
In der verwahrlosten Kombüse kramt Sascha nach zwei alten Porzellantassen. Wendig wie jemand, der diese Bewegung schon unzählige Mal ausgeführt hat, stellt er einen verbeulten Topf auf das Herdfeuer, um den x-ten Tee des Tages zu kochen. "Ich habe immer davon geträumt, ein Robinson Crusoe zu sein, und jetzt lebe ich tatsächlich auf einer einsamen Insel, genau wie er. Man muss aufpassen, wovon man träumt", sagt Sascha.
Seine Heimat ist die Hafenstadt Odessa in der Ukraine. Doch die hat er seit sieben Jahren nicht mehr gesehen. Stattdessen haust er in diesem Haufen Schrott, der früher einmal ein Schiff war. Behände bewegt er sich durch das Labyrinth aus Treppen, Gängen und schlecht beleuchteten Kajüten. Wenn er über seine Familie spricht, verliert sich sein Blick. Er schämt sich bei dem Gedanken, sie könnte von seiner Situation erfahren.
"Wenn ich meine Familie anrufe, erzähle ich ihr, dass es mir gut geht", sagt Sascha. "Wenn sie wüssten, dass ich auf verlassenen Schiffen wohne, inmitten von Kakerlaken und Ratten, ohne Licht, dann würden sie garantiert alles verkaufen und mich sofort holen kommen."
Die Polizei lässt sich nur selten blicken
Sascha ist nicht der Einzige in diesem Niemandsland am Ende des Hafens, am Kai Reina Sofía. Es sind rund 80 Seeleute, die meisten aus der Ukraine, im Stich gelassen von ihren Reedern; Menschen, die nicht bleiben wollen, aber auch nicht zurück können. Die aufgegebenen Schiffe sind so schwer zugänglich, dass sich kein Fremder dorthin wagt. Auch die Polizei lässt sich nur selten blicken.
Also haben sich die gestrandeten Matrosen ihren eigenen kleinen Kosmos geschaffen, zu dem auch die "Géminis" gehört. Acht Menschen leben auf dem Trawler. Um sich die Zeit totzuschlagen, organisieren Sascha und seine Mitbewohner Backgammon- und Schachturniere, die sie mit Leidenschaft bestreiten. Konzentriert widmen sich die Männer dem Spiel, starren regungslos aufs Brett. Das Knirschen des Metalls, die drückende Hitze und das ewige Schwanken des Schiffes müssten sie eigentlich in den Wahnsinn treiben.
Wenn die letzte Partie gespielt ist, verwandelt sich das Schiffsdeck in Minuten in ein Fitnessstudio, in dem die rostigen Glieder einer Ankerkette Gewichte und alte Treppengeländer Sprossenwände sind. Ihre Freizeit organisieren sich die Männer wie Gefängnisinsassen.
"Der Kapitän hat uns sitzen lassen"
"Ich hatte früher einen guten Job. Seit 18 Jahren arbeite ich auf See", sagt Sascha, während er sich eine Zigarette an der anderen ansteckt. "Als wir hier ankamen, hat uns der Kapitän sitzen lassen. Auf dem Schiff zu bleiben schien uns die einzige Chance, Druck zu machen. Wir haben gehofft, dass irgendwann jemand auftaucht und uns die ausstehende Heuer bezahlt, damit wir nach Hause können."
Er sagt diese Sätze mit einem Ton, der aus Hoffnung und Verzweiflung gemischt ist. Tausende Seeleute, die einst der Fangflotte der Sowjetunion angehörten, teilen heute das gleiche Schicksal. Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes wurde die Flotte in den neunziger Jahren privatisiert. Das war der Anfang vom Ende.
Kurz vor dem finanziellen Kollaps nutzten viele Offiziere technische Zwischenstopps, um sich von Bord zu schleichen. Sie hinterließen unbezahlte Hafensteuern und Reparaturen. Die Crews wurden sich selbst überlassen und strandeten in den Häfen von Argentinien, Uruguay, Peru; die meisten verschlug es nach Gran Canaria.
In die Ukraine will er nicht zurück
Der Verlust der Arbeitsplätze tat weh. Doch es kam noch schlimmer. Den Seeleuten wurde mitgeteilt, dass niemand für ihre ausstehenden Löhne aufkommen würde. Wie sollte es nun weitergehen? Ohne Job, ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse, in einem fremden Land? Reeder, Manager, Kapitäne, niemand half. Den Matrosen blieb nur noch, sich an den einzigen Wert zu klammern, den sie kannten: die sterbenden Schiffe. Irgendwann, so glauben sie heute noch, werden die Eigner kommen, um ihre alten Schiffe zu holen. Dann wollen sie ihre ausstehenden Löhne einfordern. Von Angesicht zu Angesicht.
Ob ihr Plan aufgeht, ist fraglich. Die Verantwortlichen sind unauffindbar, deshalb gab es bisher auch keinen Prozess. Die Matrosen selbst haben niemanden, der ihre Rechte vertritt. Solange sie auf den Schiffen leben, können sie sich nicht einmal auf geltendes Asyl- und Schutzrecht berufen. Offiziell sind sie nämlich gar nicht nach Spanien eingereist.
Vor Jahren bot eine ukrainische Regierungsdelegation an, die Rückführung in die Heimat zu bezahlen. "Ich kenne viele Leute, die es nicht mehr aushielten und das Angebot annahmen. Vor allem die depressive Stimmung hatte ihnen zugesetzt", sagt Sascha. Er selbst aber wollte nicht zurück in ein Land, wo es kaum Arbeit gibt und es im Winter bitterkalt wird. "Jeder hat das Recht, sein Leben zu retten; und ich dachte, ich könnte meines retten, indem ich hier bleibe."
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