Montag, 23. November 2009

Wirtschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
04.11.2009
 

Wohnen auf dem Schiff

Endstation Gran Canaria

Von Carlota Nelson

Matias Costa

3. Teil: "Lieber auf den Kanaren als in Guinea-Bissau"

Auf dem einstigen Fabrikschiff "General Ostrakov" hat sich Jana in ihre Kajüte zurückgezogen. Sie ist eine der wenigen Frauen, die sich entschlossen haben zu bleiben. Gerührt liest sie einen Geburtstagsbrief von ihrer Familie, während aus dem Radio Musik ertönt, russische Folklore. Seit fünf Jahren hat sie ihre Liebsten nicht mehr gesehen. Unter Tränen kocht sie Blinis, russische Pfannkuchen, auf einem improvisierten Herd.

"Natürlich ist es nicht einfach. Das hier ist ja kein Haus, nicht mal eine Wohnung. Aber leben lässt es sich trotzdem", sagt Jana. "Gott sei Dank sind wir auf den Kanaren gestrandet. Stell dir mal vor, sie hätten uns in Guinea-Bissau im Stich gelassen. Dann hätten wir auf den Bäumen hausen müssen wie die Affen."

Die "General Ostrakov" ist heute eine Art Hotelschiff. Ihre Bewohner hatten die pfiffige Idee, die Kajüten für zwei Euro am Tag oder fünf mit Vollpension zu vermieten. Die Kunden sind Matrosen, die wie Jana mittellos im Hafen von Las Palmas gestrandet sind. Die Bewohner der "General Ostrakov" sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie passen aufeinander auf und sorgen dafür, dass es stets genug zu Essen gibt.

Jana lebt mit Sergei zusammen, ihrem lettischen Freund, den sie hier im Hafen kennengelernt hat. Sie teilen sich die Kajüte und die Ausgaben. Unter der Woche arbeitet Jana als Köchin in einem Restaurant in der Stadt und geht putzen. Ein Jahr will sie noch durchhalten. Wenn sie bis dahin keine Entschädigung bekommen hat, möchte sie zurück auf die Krim, wo ihre beiden Töchter, ihre Mutter und ihre Enkelkinder auf sie warten. Im Moment verdient sie genug, um ihre Familie mit durchzubringen.

Jana sehnt sich nach der guten, alten Sowjet-Zeit

"Ich weiß, das hier ist kein Ort für eine Frau. Aber es ist nun mal schwer in der Ukraine", sagt Jana. "Ich würde dort vielleicht 60 Dollar im Monat kriegen. Wie soll ich von so wenig Geld leben?"

Die Kajüten sind drei mal zwei Meter große Metallboxen. Wer sie aufsuchen will, muss auf Leitern in den Schiffsbauch hinabsteigen. Dort ist es immer dunkel; die Bewohner beleuchten mit ihren Handys den Weg zu ihren Unterkünften. In Janas Kajüte hängen Fotos von ihrer Mutter, ihren beiden Töchtern und ihrem Haus. Briefe, alte Kalender und Uhren liegen im Raum verstreut und bedecken den Fußboden. Strümpfe und Unterwäsche hängen am verrosteten Waschbecken.

Jana sehnt sich nach der guten alten Zeit, als es die Sowjetunion noch gab. "Wir haben damals besser gelebt", sagt sie. "Vor allem hatten wir alle Arbeit und Stabilität. Damit ist es vorbei. Schau mich an. Ich muss auf einem aufgegebenen Schiff in Spanien leben, um meine Familie in der Ukraine über Wasser zu halten."

Es ist schon spät; Jana wartet sehnsüchtig auf Sergei, der sie zum Sporthafen bringen wird. Dort kann sie endlich duschen und sich die Haare färben. Ein Freund hat ihr einen Ersatzschlüssel für das Bad besorgt, das eigentlich nur Clubmitgliedern zur Verfügung steht.

Es ist heiß und stickig in der Kajüte. Jana fächelt sich mit einem Kalender von 1994 Luft zu. Sie hat Durst, aber das Wasser auf dem Schiff ist nicht trinkbar, Eisen hat sich darin abgelagert. Jana zieht nervös an ihrer Zigarette, inhaliert tief, während sie ihr Necessaire und ein Handtuch in einen Sack stopft. "Ich will mich hübsch machen. Heute ist mein Geburtstag."

Als Lohn gibt es fünf Kisten mit Hühnern

Der hagere Wolodja ist Koch und einer der Wachmänner der "General Ostrakov". Er ist 68. Zu Hause in der Ukraine würde er eine Rente von 40 Euro im Monat bekommen. Weil er davon seine Familie nicht ernähren kann, ist er hiergeblieben. "Das Geld? Das zerrinnt mir zwischen den Fingern", sagt Wolodja. "Es kommt und geht. Ich schicke es nach Hause an meine Frau, meine Kinder und meine Enkel. Sie gehen aufs Gymnasium, und das ist teuer. Meine Frau arbeitet nicht mehr. Damals in der Sowjetunion hat sie als Ingenieurin gut verdient. Aber jetzt gibt es keine Arbeit mehr, also bleibt sie zu Hause."

Wolodja teilt sich den Aufseherjob mit Igor, einem russischen Matrosen, dessen Exfrau vor einigen Jahren neu geheiratet hat. Igor hat jetzt keinen Ort mehr, an den er zurückkehren könnte. Nichts ist ihm geblieben, nur noch der Alkohol. Weil das Geld nicht reicht, stellt er sich seinen Schnaps selbst her. Zur Mixtur gehört unter anderem medizinischer Alkohol, der viel billiger ist als Trinkalkohol. Oft kommt es unter den Seeleuten zu Vergiftungen.

Wenn er seine Schicht beendet hat, fährt Wolodja zu einer Hühnerfarm am Stadtrand, wo er viermal in der Woche arbeitet. Er wird mit einem Lieferwagen hingebracht, die Bezahlung erfolgt in Naturalien. Fünf Kisten mit Hühnern die Woche, genug, um die Gäste auf dem Schiff zu bekochen und einige der Tiere gegen Bares einzutauschen.

Heute kocht er Suppe und Hühnerreis, dazu backt er Brot. Ein Festmahl, um den Jahrestag des Sieges über Hitler-Deutschland zu begehen. "Zu Hause auf der Krim wird gerade heftig gefeiert. Meine Frau sagt, dass in meiner Stadt überall russische Fahnen hängen und die Leute auf den Straßen singen."

"Wir sind eine große Familie"

Mit Schürze und Kochmütze bekleidet, steht Wolodja in der Küche, schneidet Knoblauch und Zwiebeln. Aus einem Kassettenrekorder ertönt russische Volksmusik. Er summt leise mit. Dann probiert er die Suppe und würzt sie mit Salz und Pfeffer. Das Essen ist fast fertig. Während er Servietten und Gabeln auslegt, erzählt er von seiner Heimat Sewastopol.

Berühmt wurde die Hafenstadt auf der Krim, weil es der deutschen Wehrmacht 1942 gelungen war, sie zu erobern. Nach dem Krieg wurde Sewastopol Basis der sowjetischen Schwarzmeerflotte. Heute sind die Russen dort stationiert. Der Mietvertrag mit Moskau läuft allerdings 2017 aus. Wie es dann weitergeht, weiß heute noch niemand. Die ukrainische Regierung würde die russische Marine wohl am liebsten sofort vor die Tür setzen. Die aber hat keine Alternative. Sotschi, die größte russische Stadt am Schwarzen Meer, hat keinen Tiefseehafen. Nicht wenige vermuten daher, dass Sewastopol in einigen Jahren Schauplatz eines gefährlichen Konflikts zwischen Russland und der Ukraine sein wird.

Wolodja zeigt eine Postkarte seiner Stadt. Sie zeigt Dutzende russischer Schiffe, die im Hafen vor Anker liegen. Tausende Marineangehörige leben in Sewastopol, erzählt er. "Und fast alle hängen sie noch immer sowjetische Fahnen mit Hammer und Sichel aus ihren Fenstern."

Wenig später sitzen Wolodja, Waleri und Igor im Speisesaal der "Shkyval" an einem Tisch. "Wir sind eine große Familie", sagt Waleri. "Hier auf dem Schiff leben Balten, Russen und Ukrainer zusammen. Wie früher."

Bevor das Essen serviert wird, zelebrieren die drei Männer ihr übliches Ritual. Sie erheben die Gläser, als wäre es die erste Gelegenheit. Und stoßen auf die Zukunft an.


Für Carlota Nelson, Jahrgang 1969, Autorin in Madrid, war dies die härteste Recherche ihres Lebens. Erst bekam sie ein Metallstück ins Auge und musste ins Krankenhaus. Dann wurde ihr Handy gestohlen. Schließlich versuchte ein betrunkener Matrose, sie zu küssen, was in einer Schlägerei endete. Weil Fotograf Matias Costa, geboren 1973, ukrainische Wurzeln hat, fühlte er sich den gestrandeten Seeleuten gleich besonders verbunden. Costa ist Mitglied des Fotografenkollektivs Nophoto in Madrid.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern