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22.10.2009
 

US-Managergehälter

Obamas Bonus-Killer macht ernst

Von Marc Pitzke, New York

Wall Street in New York: US-Regierung verordnet Gehaltsverzicht Zur Großansicht
Getty Images

Wall Street in New York: US-Regierung verordnet Gehaltsverzicht

Die US-Regierung macht ihre Ankündigung wahr, Gehälter in hilfsbedürftigen US-Konzernen drastisch zu kürzen. Bonus-Zar Ken Feinberg kappt die Bezüge der Top-Manager von sieben Unternehmen - doch andere wie Goldman Sachs, die sich vom Staatseinfluss freigekauft haben, bleiben unbehelligt.

Sie nennen ihn gerne "Judge Feinberg", Richter Feinberg. Obwohl er ja gar kein Richter ist, sondern Rechtsanwalt. "Judge?", schnaubt er dann zurück. "My ass." Richter? Von wegen.

Doch natürlich ähnelt das, womit sich Ken Feinberg über die Jahre profiliert hat, eher den Machtbefugnissen eines Richters als denen eines Anwalts. Mehr noch: "Er wurde gebeten, Gott zu spielen", schrieb der "Boston Globe" einmal über ihn. "Oder wenigstens Salomon."

Das war vor fünf Jahren, als Feinberg seinen bis dahin schwersten Auftrag erledigte: Als staatlicher Schlichter musste er fast sieben Milliarden Dollar Entschädigung an Tausende Hinterbliebene der 9/11-Opfer verteilen. 33 Monate lang mühte er sich ehrenamtlich mit der Aufgabe, den Wert von Menschenleben festzusetzen, traf Hinterbliebene in Bürgerversammlungen und zu Privatgesprächen. "Ich habe das Ausmaß an Gefühlen unterschätzt, auf das ich treffen würde", sagte er danach. "Ich habe mehr Mitgefühl als früher."

Jetzt ist er wieder im Großeinsatz - und Mitgefühl war dabei sicher der geringste seiner Beweggründe.

Als oberster sogenannter Gehaltszar der US-Regierung hat Feinberg vier Monate lang die Bücher jener sieben Konzerne durchforstet, die im Zuge der Finanzkrise die meisten Hilfsgelder bekommen haben und unter der Fuchtel des Staates stehen. Ziel: die exorbitanten Managergehälter an die neuen Realitäten zwangsanzupassen.

Genehmigung nötig für die Country-Club-Mitgliedschaft

Jetzt schlägt er zu bei der Citigroup, der Bank of America, AIG, GM, Chrysler sowie deren Finanztöchtern GMAC und Chrysler Financial. Feinberg hat laut "Wall Street Journal" und "New York Times" verfügt, dass die Bezüge für deren je 25 bestbezahlten Top-Manager gestutzt werden - um durchschnittlich 90 Prozent. Eine offizielle Anweisung werde noch diese Woche erfolgen.

60 Tage lang hatten die Unternehmen Zeit, ihm ihre Gehalts- und Bonusanträge zu präsentieren. 60 weitere Tage nahm er sich für die Beurteilung. Nur selten sickerten Details seiner diffizilen Verhandlungen durch, zum Beispiel mit dem Versicherungsriesen AIG, der 198 Milliarden Dollar Boni vertraglich verankert hatte, bevor die Regierung die neuen Richtlinien erließ. Feinberg bestand den Berichten zufolge darauf, dass diese Summe "erheblich gekürzt" wird - und dass kein AIG-Manager für 2009 mehr als 200.000 Dollar Gesamtvergütung bekommt.

Ken Lewis, der Vorstandschef der Bank of America, der zum Jahresende seinen Rücktritt angekündigt hat, verzichtete auf Druck Feinbergs gänzlich auf Gehalt und Bonus für 2009. Seine Abfindung von wohl bis zu 120 Millionen Dollar will er aber behalten.

Spitzenmanager der sieben Konzerne sollen sich künftig Sonderleistungen von mehr als 25.000 Dollar von der Regierung genehmigen lassen - zum Beispiel Country-Club-Mitgliedschaften, Privatjets, Chauffeure. Außerdem will Feinberg den Berichten zufolge interne Änderungen fordern, etwa bei der Unternehmensführung.

Ein wenig Entlastung für Obama

Die Regulierung der Gehälter soll ein Reizthema entschärfen, das die Umfragewerte von Präsident Barack Obama seit Monaten nach unten drückt. In den USA ist die Wut darüber groß, dass kranke Konzerne massiv Regierungshilfen bekommen haben - aber trotzdem enorme Gehälter und Bonuszahlungen ausschütten. An der Wall Street werden die Bonuszahlungen in diesem Jahr wieder auf Rekordstände hochgehen, zumindest bei jenen Unternehmen, die Staatshilfen inzwischen zurückgezahlt haben und von Feinbergs Schnitten verschont bleiben. Goldman Sachs hat allein für die ersten neun Monate dieses Jahres 16,7 Milliarden Dollar für Boni zurückgelegt. Brian Griffiths, ein Goldman-Finanzberater, verteidigte das noch in dieser Woche mit den Worten: "Wir müssen die Ungleichheit als einen Weg tolerieren, mehr Wohlstand und Gelegenheit zu erreichen."

Die drakonische Entscheidung von Bonus-Killer Feinberg trifft nun zwar nur sieben Unternehmen, trotzdem macht er sich sicher Feinde an der Wall Street. Doch das schreckt ihn nicht - schließlich setzten auch seine früheren Aufträge, bei denen er als Schlichter über Summen und Schicksale entschied, "unerwartet rohe Emotionen" frei, wie er es selbst einmal formulierte. Feinberg, der am Freitag 64 wird, weiß, dass er sich von Gefühlen nun nicht leiten lassen darf. Welche Kriterien er bei den Gehältern angewendet hat, ist zwar noch unbekannt. Wer seine Karriere kennt, ahnt aber, dass er gründlich vorgegangen ist.

Knallhartes Vorgehen hat Feinberg in einem seiner ersten Jobs gelernt - als junger Staatsanwalt in Manhattan, wo er mit dem späteren Bürgermeister Rudy Giuliani Wirtschaftskriminelle und Wall-Street-Gauner jagte. 1983 meisterte Feinberg seinen ersten großen Schlichterfall: Die Entschädigungszahlungen der Chemieindustrie an US-Kriegsveteranen, die an den Folgen des in Vietnam eingesetzten Herbizids Agent Orange erkrankt waren. Die Konzerne boten 20.000 Dollar, die Veteranen forderten 1,2 Milliarden Dollar. Feinberg brachte beide Seiten in nur sechs Wochen zusammen - bei 180 Millionen Dollar. Er selbst kassierte dafür 800.000 Dollar Gebühr. Seitdem gilt er als Spezialist für brisante und gelegentlich bizarre Schlichterfälle: Asbestos-Klagen, fehlerhafte Verhütungsmittel, Versicherungskontroversen. Er half, den "fairen Marktwert" für den berühmten "Zapruder-Film" vom Mord an John F. Kennedys zu ermitteln (16 Millionen Dollar) und die Anwaltsgebühren im jahrelangen Gezerre um die Entschädigung von Holocaust-Zwangsarbeitern festzusetzen.

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