Hamburg - Der monatelange Poker um den angeschlagenen deutschen Autobauer Opel endet mit einem Paukenschlag: Der Verwaltungsrat des US-Autokonzerns General Motors hat in einer Sitzung am Dienstag entschieden, das deutsche Tochterunternehmen doch zu behalten. Als Gründe nannte der Konzern in einer Erklärung das sich seit Monaten "verbessernde Geschäftsumfeld" für GM und die Bedeutung der beiden europäischen GM-Töchter Opel und Vauxhall für die "globale Strategie" des Unternehmens. Ursprünglich sollte der österreichisch-kanadische Zulieferer Magna die Mehrheit an Opel übernehmen.
Das Ziel von General Motors sei es gewesen, "die beste langfristige Lösung für unsere Kunden, Angestellten, Zulieferer und Händler zu finden" - "das spiegelt sich in der heute getroffenen Entscheidung wider", erklärte GM-Chef Fritz Henderson. Daneben entschuldigte sich der GM-Boss für den monatelangen Verhandlungsmarathon um die Zukunft Opels, an dem unter anderem mehrere Regierungen, Unternehmen, der Opel-Betriebsrat und die EU-Kommission beteiligt waren: "Wir verstehen, dass die Komplexität und Dauer dieses Themas für alle Beteiligten anstrengend war." In Kürze solle der Bundesregierung ein Restrukturierungsplan vorgelegt werden. Zugleich kündigte GM an, Deutschland um Hilfe bei der Umsetzung der Pläne bitten zu wollen. Die Kosten der Restrukturierung bezifferte Henderson auf drei Milliarden Euro: "Das ist deutlich weniger als alle Investoren-Angebote".
Die Bundesregierung bedauerte die Entscheidung von GM. Damit sei "ein Investorenprozess abgebrochen worden, der über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten von allen Beteiligten - einschließlich GM - intensiv geführt wurde", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Das bis zuletzt auch von General Motors favorisierte Konzept von Magna und der Sberbank habe "eine überzeugende industrielle Logik". Die Bundesregierung erwarte, dass GM "den Konzern Opel in seiner Leistungsfähigkeit stärkt, die erforderlichen Anpassungen auf ein unverzichtbares Mindestmaß begrenzt und die aus Mitteln der KfW und der Landesförderbanken ausgereichte Brückenfinanzierung von 1,5 Milliarden Euro entsprechend den vertraglich vereinbarten Konditionen fristgerecht zurückzahlt".
Der hessische Ministerpräsident Roland Koch, in dessen Bundesland Tausende Opel-Mitarbeiter beschäftigt sind, kritisierte die Entscheidung des GM-Verwaltungsrats scharf. "Ich bin sehr betroffen und zugleich verärgert, dass die monatelangen Bemühungen, für Opel Europa eine möglichst gute Lösung zu finden, an GM gescheitert sind", sagte Koch in einer ersten Reaktion. "Angesichts der negativen Erfahrungen der letzten Jahre mit der Unternehmenspolitik von GM mache ich mir große Sorgen um die Zukunft des Unternehmens und seiner Arbeitsplätze." Er erwarte, dass GM den gewährten Brückenkredit fristgemäß zum 30. November zurückzahle, "damit der deutsche Steuerzahler keinen Schaden nimmt". Die Bundesregierung hatte den Autobauer mit einem Kredit gestützt, um zu verhindern, dass Opel zusammen mit der Muttergesellschaft in die Insolvenz geht.
Erstes Absatzplus seit Januar 2008
Der Absatz von GM in den USA war im Oktober zum ersten Mal seit 21 Monaten im Jahresvergleich wieder gestiegen. Mit mehr als 177.000 Fahrzeugen seien vier Prozent mehr Einheiten verkauft worden als im entsprechenden Vorjahreszeitraum, gab der Konzern bekannt. Verantwortlich für die positive Entwicklung ist dem Unternehmen zufolge die starke Entwicklung bei den vier Kernmarken Chevrolet, Buick, GMC und Cadillac.
Einige Mitglieder des GM-Verwaltungsrates wollten Opel behalten, weil beide Hersteller aufeinander angewiesen seien: Opel allein sei zu klein zum Überleben, und GM brauche Opel wegen der modernen Technologie der Deutschen und deren Zugang zum europäischen Markt. Dieser Marktzugang gab nun offenbar den Ausschlag für den Stimmungswandel bei GM.
In dem monatelangen Bieterkampf um Opel hatten Bundesregierung und Opel-Betriebsrat stets einen Einstieg Magnas befürwortet. Sie bewerteten das Konzept des kanadisch-österreichischen Zulieferers als das einzig tragfähige, um den angeschlagenen Autobauer in eine erfolgreiche Zukunft zu führen. Berlin hatte Magna dafür 4,5 Milliarden Euro Staatshilfen zugesagt.
Betriebsrat fordert den Erhalt der deutschen Standorte
Der Opel-Betriebsrat lehnt einen Verbleib des Unternehmens bei der Konzermutter GM ab. Er fürchtet einen radikalen Stellenabbau und hat massive Proteste angekündigt. Gefordert wird der Erhalt der deutschen Standorte. "Ohne Opel hat GM keine Zukunft in Europa", sagte der Bochumer Betriebsratschef Rainer Einenkel der "Neuen Ruhr/Neuen Rhein-Zeitung". "Ich gehe davon aus, dass sie auch die Werke brauchen." Auch der im Frühjahr von GM vorgelegte zweite Rettungsplan sehe einen Erhalt der vier Fabriken vor.
Einenkel drängte auf schnelle Entscheidungen. Die Hängepartie sei für die Opel-Mitarbeiter unerträglich. "Wir brauchen endlich Klarheit. Uns läuft die Zeit langsam weg." Der Finanzierungsrahmen der Bundesregierung stehe nur bis Ende November. Am Mittwoch soll die GM-Entscheidung gegen einen Verkauf an den österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna Thema der Betriebsrätekonferenz sein.
Die Opel-Treuhand reagierte zurückhaltend auf die GM-Entscheidung. Der Beirat nehme sie zur Kenntnis, hieß es. "Ich hoffe, auch im Interesse der Beschäftigten bei Opel, dass dieser Beschluss Opel zu neuer wirtschaftlicher Stabilität verhilft", sagte der Vorsitzende des Beirats, Fred Irwin. Die Treuhand verwaltet 65 Prozent von Opel; die restlichen 35 Prozent liegen bei GM. Der Beschluss des GM-Verwaltungsrats bedürfe nicht der Zustimmung der Treuhand, erklärte diese.
Die Opel-Arbeitnehmer hatten noch am Vormittag eigentlich den Weg für die Übernahme durch das Konsortium um den österreichisch-kanadischen Zulieferer Magna freigemacht. Der europäische Betriebsrat und die nationalen Arbeitnehmervertretungen erzielten mit Magna Vereinbarungen über Beiträge der Beschäftigten zur Kostensenkung von jährlich 265 Millionen Euro. Das ging aus einer Mitteilung des Konzernbetriebsrats hervor.
Bis 2014 hätte sich der Sanierungsbeitrag, den die Opelaner schultern wollten, somit auf rund 1,6 Milliarden Euro summiert. Im Gegenzug sollten die Beschäftigten zehn Prozent an "New Opel" erhalten und nach Betriebsratsangaben "stimmberechtigte Investoren" werden. Die Vereinbarung war eine wichtige Vorbedingung für den Vertrag zum Verkauf der Opel-Mehrheit durch GM an Magna - nun ist sie bedeutungslos.
Denn die Arbeitnehmer sind nicht bereit, Sanierungsbeiträge zu leisten, sollte der Rüsselsheimer Autohersteller im GM-Konzern bleiben. Das sagte der Vorsitzende des europäischen Gesamtbetriebsrats und Opel-Konzernbetriebsratschef, Klaus Franz, in der Nacht zum Mittwoch der Nachrichtenagentur Dow Jones Newswires.
wit/AFP/AP/Reuters/dpa/ddp
Auf anderen Social Networks posten:
Den belgischen Medien zufolge waren es an die 30.000 Demonstranten, die heute in Brüssel für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Strasse gingen. Da sieht das Bild schon ein wenig anders aus... mehr...
So ticken halt Amerikaner. Alles toll, alles super, aber keine Entscheidungen. GM ist das Beispiel für Größenwahn. Jetzt will GM noch Mrd-Zuschüsse für Opel. Wie wird wohl der Überflussminister der FDP wohl darauf antworten. [...] mehr...
Zitat von Rainer Daeschler Genau das passiert im Prinzip, nur eben auf GMs Kosten, statt die des Steuerzahlers. Ich sprach ja auch nicht von der üblichen Grundversorgung von Automobilunternehmen in Deutschland durch die [...] mehr...
Ach so, und ich hab gedacht die Abwrackpraemie, Harz4 und Kurzarbeit das bezahlt der der Steuerzahler. Aber wenn ja nun GM die Ueberkapazitaeten bezahlt, dann koennen wir ja weitermachen wie bisher. mehr...
verursacht durch den Spinner Lopez vom Opus dei,dessen Mitarbeiter die Uhr am rechten Arm tragen MUSSTEN, hat Opel noch nicht zurückgefunden zur Anerkennung als solide Qualitätsmarke.Das ist auch berechtigt nach meinen [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Krise der Autoindustrie 2008/09 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH