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05.11.2009
 

Opels Zukunft unter GM

Sparen, schließen, Stellen streichen

Von Michael Kröger

Plakat eines Demonstranten (vor Bochumer Opel-Werk): Angst um die Zukunft unter GMZur Großansicht
ddp

Plakat eines Demonstranten (vor Bochumer Opel-Werk): Angst um die Zukunft unter GM

Die Empörung über GM reicht bis ins eigene Management: Sogar Europachef Forster kritisiert die Opel-Wende als "kaum nachvollziehbar". Arbeiter versammeln sich zu Protesten, Detroit versucht, mit einer Lösung für Bochum zu punkten - SPIEGEL ONLINE analysiert, was dem deutschen Autobauer wirklich bevorsteht.

Berlin - Selbst im eigenen Top-Management stößt die Kehrtwende von General Motors auf Unverständnis. GM-Europachef Carl-Peter Forster hat die Entscheidung, Opel nicht an Magna zu verkaufen, scharf kritisiert - er könne den plötzlichen Schwenk "kaum nachvollziehen", sagte er "Autobild". "Ich hätte mir gewünscht, dass es zu einem ganz anderen Ergebnis kommt."

Und nun? Auch er wisse nicht, "wie es weitergeht", sagte Forster, der sich für den Verkauf stark gemacht hatte und deshalb jetzt über seine eigene Zukunft im Konzern nachdenken will. "Ich glaube, die wichtigen Herren, die das entschieden haben, wissen es selbst nicht." Am liebsten würde er auf dem Magna-Sanierungsplan für Opel aufbauen. "Es gibt einen Restrukturierungsplan, er ist mit Magna ausgearbeitet worden. Das wäre ein Startpunkt."

Forsters Einlassungen zeigen, wie weit die Verwunderung über die GM-Spitze in Detroit geht - zumindest in Europa. Die Opel-Werker wollen an diesem Donnerstag streiken, Hessens Ministerpräsident Roland Koch schimpft, sein nordrhein-westfälischer Amtskollege Jürgen Rüttgers spricht gar vom hässlichen Antlitz des Turbokapitalismus. Und selbst ein Marktliberaler wie Wirtschaftsminister Rainer Brüderle gerät in Rage. Zwar hatte er auch das Magna-Konzept in der Vergangenheit skeptisch beurteilt. Für die GM-Volte hat er dennoch wenig übrig. "Stil hat man oder hat man nicht. Das ist offenbar der Stil, den man in Detroit anpackt", sagte der FDP-Politiker "Autobild".

Die Bundesregierung fordert nun das Geld zurück, das sie Opel im Rahmen eines Überbrückungskredits gezahlt hat - GM hat das schon zugesagt. Außerdem lässt sie durchblicken, dass sie wenig Lust hat, dem neuen-alten Opel-Besitzer mit Bürgschaften zur Seite zu stehen. "Es ist anzunehmen, dass der Verwaltungsrat des Konzerns den Verkauf von Opel kaum absagt, ohne sich Gedanken über die Finanzierung des Geschäfts in den kommenden Monaten gemacht zu haben", sagte Jens Weidmann, der Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Solche Spitzen sind nicht zuletzt emotional begründet. Denn die GM-Bosse haben mit ihrer Entscheidung die Bundesregierung düpiert.

Nur eines ist bei all der Wut keineswegs klar - ob es Opel unter GM tatsächlich schlechter gehen wird als unter Magna Chart zeigen. SPIEGEL ONLINE analysiert die Pläne von GM, die Zukunft des Konzerns und der Opelaner:

Wieso der Rückzieher vom Opel-Magna-Deal? Für die Verkaufsgegner im GM-Verwaltungsrat spielt zum Beispiel der eigene Zugang zum europäischen Markt eine Rolle, ebenso das Know-how im Entwicklungszentrum in Rüsselsheim. Es sind Opel-Ingenieure, die gerade die Plattform für alle Mittelklassewagen des GM-Konzerns entwickeln. Bei ihnen sitzt auch das Wissen für Autos der Zukunft wie Elektrofahrzeuge, und darauf sollen zum Beispiel die Russen keinen Zugriff bekommen - wie es beim Deal mit Magna der Fall gewesen wäre, denn an ihm wäre die Moskauer Sberbank beteiligt gewesen. Opel hätte dann GM auf dem russischen Markt Konkurrenz gemacht.

Außerdem fragten sich die GM-Manager, wieso eigentlich Magna staatliche Unterstützungsgelder für die Sanierung des deutschen Autobauers erhalten sollte, wenn sie diese auch selbst bekommen könnten. Schließlich musste die Bundesregierung zuletzt auf Druck der EU zusichern, dass bei Staatshilfen kein Opel-Interessent bevorzugt würde.


Was plant GM mit Opel und den Opelanern? Eine Rosskur, so viel steht fest - aber angeblich keine viel größeren Härten als Magna. "Wer den Magna-Plan mochte, wird auch den GM-Plan mögen", sagte John Smith, Opel-Chefunterhändler beim US-Konzern. Man wolle die Kosten bei Opel um 30 Prozent senken und 10.000 der rund 50.000 GM-Jobs in Europa streichen. Es werde weiter die Schließung von drei Werken geprüft (deutsche Standorte siehe Kasten links).

Antwerpen in Belgien sei zwar vermutlich verloren, sagte Smith - es könnten am Ende aber auch weniger Standorte als ursprünglich geplant betroffen sein. Für Eisenach gebe es eine Lösungsvariante, und geprüft werde auch ein neuer Vorschlag für das Opel-Werk in Bochum. Es könnte in verkleinerter Form erhalten bleiben. Bochum ist für die schwarz-gelbe Regierung besonders wichtig, denn in Nordrhein-Westfalen sind 2010 Landtagswahlen.

Magna hatte tatsächlich mit einer ähnlichen Größenordnung beim Jobabbau kalkuliert, und auch Werkschließungen waren ein Thema; vor allem Antwerpen stand zur Disposition.

Falls GM jetzt weitere Fabriken auch in Deutschland ins Visier nimmt, könnte das einen Kostenvorteil gegenüber der Magna-Variante bedeuten - weshalb Stefan Bratzel vom Center of Automotive in Bergisch Gladbach den radikaleren Plan ökonomisch für besser hält. "Sie sparen die Kosten für die Logistik und die Grundlast für den Betrieb eines Werkes", sagt er. Pro Standort ließen sich auf diese Weise 150 bis 200 Millionen Euro pro Jahr sparen.

Wie hart wird der Kampf um die Sanierung? GM steht bei Verhandlungen über Entlassungen und Lohnkürzungen vor deutlich größeren Schwierigkeiten als Magna. Denn für eine echte Kooperation mit Arbeitnehmervertretern bleibt in der jetzt aufgeheizten Stimmung wenig Raum - die Opelaner hatten sich eine Loslösung vom US-Mutterkonzern ersehnt. "Überspitzt gesagt, dürfte GM sogar schlechter dastehen als Magna, selbst wenn am Ende weniger Arbeitsplätze abgebaut werden", sagt Experte Bratzel. Und diese Hypothek wäre ein gewaltiges Problem. Denn wenn es GM nicht gelingt, die Mitarbeiter wieder auf das gemeinsame Unternehmen einzuschwören, dürfte Opel selbst unter optimalen Startbedingungen keine Zukunftschance haben.

Wie groß sind die Zukunftschancen von Opel? Von optimalen Startbedingungen kann derzeit keine Rede sein. Opel steht am Markt vor gewaltigen Herausforderungen - und anders als etwa Volkswagen Chart zeigen ist der Autobauer dafür alles andere als gut aufgestellt. Im Gegensatz zum Erzkonkurrenten kann er sich nicht auf etliche Modelle in verschiedenen Klassen stützen, sondern allein auf den neuen Astra und begrenzt auch auf die Mittelklasselimousine Insignia. Um den Anschluss zu halten, wären Investitionen in neue Modelle, Motoren und Getriebe notwendig. Die Investitionen dafür schätzt Experte Bratzel in den kommenden Jahren auf acht bis zehn Milliarden Euro.

Dazu kommt, dass Opel allein auf dem europäischen Markt präsent ist. In Asien und Brasilien ist der Konzern überhaupt nicht vertreten - und dort sind in den kommenden Jahren die großen Wachstumsraten zu erwarten. Die Märkte in Europa und Russland dagegen sind auf Schrumpfung programmiert. 2010 dürften Prognosen zufolge allein in Deutschland rund eine Million Autos weniger verkauft werden als 2009. In Russland sollen die Verkaufszahlen gar um 1,4 Millionen Autos zurückgehen. Die Absatzverluste über eine Steigerung des Marktanteils auszugleichen, dürfte angesichts der starken Konkurrenz schwierig werden.

Die Wettbewerber sind auch für einen Preiskampf finanziell wesentlich besser aufgestellt, wie er in Opels Kernmarkt Deutschland nach dem Ende der Abwrackprämie bevorsteht. Schon jetzt können Käufer einzelne Autos mehr als 40 Prozent unter Listenpreis bekommen. Weltmarktführer Toyota zum Beispiel setzt die Abwrackprämie einfach auf eigene Kosten fort. Opel könnte einen solchen Rabattwettbewerb kaum lange durchstehen.

Kann GM die Sanierung überhaupt stemmen? Angesichts dieser Rahmenbedingungen erscheint der Betrag von drei Milliarden Euro, den GM für die Sanierung von Opel ansetzt, unrealistisch. Zumal sich die operativen Verluste von Opel allein für 2009 und 2010 nach ersten Schätzungen auf insgesamt mehr als 3,1 Milliarden addieren dürften.

Der GM-Führung dürfte es schwerfallen, im eigenen Konzern wesentlich mehr Geld aufzutreiben. Denn nach wie vor sträubt sich die US-Regierung als Haupteigentümer dagegen, US-Steuergelder für Aktivitäten in Übersee auszugeben. Bleiben nur Staatsbürgschaften der deutschen Bundes- und Landesregierungen - sonst dürfte GM schnell die Puste ausgehen.

Wie realistisch ist eine Opel-Insolvenz? Als letzter Ausweg bliebe tatsächlich ein geordnetes Insolvenzverfahren für Opel. Ein Weg, den GM mit massiver Unterstützung der US-Regierung selbst gegangen ist. Bei Opel könnte der Mutterkonzern auf diese Weise Schulden für Renten und andere Verbindlichkeiten in Höhe von geschätzt 2,7 bis drei Milliarden Euro loswerden.

Eine verlockende Option - vor allem wenn die Bundesregierung Finanzhilfe verwehrt und die Opelaner keine Zugeständnisse bei den Löhnen machen. Eine GM-Europasprecherin nahm das drohende Wort von der Insolvenz am Mittwoch schon in den Mund. Chefunterhändler Smith war milder. Er sagte, falls Opel keine Staatshilfen erhalte, habe man einen Plan B.

Wie dieser aussehen könnte, erläuterte er nicht.

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Die neuesten Beiträge:
29.01.2010 von quibus48: Nur einige Hundert?

Den belgischen Medien zufolge waren es an die 30.000 Demonstranten, die heute in Brüssel für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze auf die Strasse gingen. Da sieht das Bild schon ein wenig anders aus... mehr...

19.01.2010 von japan10:

So ticken halt Amerikaner. Alles toll, alles super, aber keine Entscheidungen. GM ist das Beispiel für Größenwahn. Jetzt will GM noch Mrd-Zuschüsse für Opel. Wie wird wohl der Überflussminister der FDP wohl darauf antworten. [...] mehr...

19.01.2010 von Rainer Daeschler:

Zitat von Rainer Daeschler Genau das passiert im Prinzip, nur eben auf GMs Kosten, statt die des Steuerzahlers. Ich sprach ja auch nicht von der üblichen Grundversorgung von Automobilunternehmen in Deutschland durch die [...] mehr...

19.01.2010 von caheid: ..

Ach so, und ich hab gedacht die Abwrackpraemie, Harz4 und Kurzarbeit das bezahlt der der Steuerzahler. Aber wenn ja nun GM die Ueberkapazitaeten bezahlt, dann koennen wir ja weitermachen wie bisher. mehr...

18.01.2010 von Kampfbuckler: Nach dem Qualitätseinbruch

verursacht durch den Spinner Lopez vom Opus dei,dessen Mitarbeiter die Uhr am rechten Arm tragen MUSSTEN, hat Opel noch nicht zurückgefunden zur Anerkennung als solide Qualitätsmarke.Das ist auch berechtigt nach meinen [...] mehr...

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