GM-Europa-Chef
Forster erwartet harte Opel-Sanierung
ddp
GM-Europachef Foster: Kritik an der GM-Führung in Detroit
GMs Kehrtwende bei Opel überrascht nicht nur Mitarbeiter und die Bundesregierung. Auch Europa-Chef Forster zeigt sich verwundert - und warnt vor einem harten Sanierungskurs. Die Amerikaner wollen nach eigenen Angaben rund 10.000 Jobs streichen.
Frankfurt am Main - GM-Europe-Chef Carl-Peter Forster erwartet massive Einschnitte bei Opel, nachdem der US-Autokonzern die Rüsselsheimer Tochter überraschend selbst sanieren will. Der "Bild"-Zeitung sagte der Manager: "Wir hatten einen guten Sanierungsplan ausgehandelt, der auf dem Tisch lag und fertig war. Jetzt besteht die Gefahr, dass die vernünftige Verteilung der Lasten wieder aufgeschnürt wird und alles von vorne beginnt. Sicher ist: Es wird auch bei dieser Lösung massive Einschnitte geben."
In einer Telefonkonferenz mit Journalisten hatte GM-Vize John Smith am Mittwochabend erste Eckdaten zu den Sanierungsplänen beschrieben. Danach stehen 10.000 Arbeitsplätze zur Disposition. Der Plan von GM unterscheide sich in dieser Hinsicht nicht wesentlich von den Magna-Plänen, sagte Smith. Er kündigte die Vorlage eines Sanierungsplans für Opel zum Ende des ersten Quartals 2010 an. Für das Werk in Bochum gebe es interessante Optionen, das Werk in Antwerpen werde wohl geschlossen.
Er hoffe, dass die Gewerkschaften und die Regierungen mit Opel-Standorten den Plan akzeptieren könnten, fügte Smith hinzu. Die Gespräche mit Betriebsräten und Regierungen sollen in Kürze beginnen. GM werde außerdem die in Anspruch genommenen 900 Millionen Euro vom Brückenkredit an die deutsche Bundesregierung zurückzahlen.
Auch Forster hat der GM-Entschluss überrascht: "Wir haben mit dieser Entscheidung nicht gerechnet", sagte der Opel-Aufsichtsratsvorsitzende dem Blatt. "Wir müssen schnellstens mit der Konzernmutter Verhandlungen aufnehmen und alle offenen Fragen klären." Das werde sicherlich einige Zeit dauern.
Zu seiner persönlichen Zukunft bei Opel habe sich Forster sehr zurückhaltend geäußert: "Da muss ich jetzt erst einmal in Ruhe ein paar Nächte drüber schlafen. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich die Magna-Lösung für gut gehalten haben. Ich werde in Ruhe nachdenken."
Für den österreichisch-kanadischen Autozulieferer hatte die Absage durch GM indes auch eine positive Wirkung. Die Aktien
des Unternehmens legten am Mittwoch nach der Absage des Opel-Verkaufs kräftig zu. An der Börse Toronto gewann ihr Wert im Handelsverlauf um 7,4 Prozent auf 3,17 kanadische Dollar.
Das Scheitern des Geschäfts könnte sich für Magna positiv auswirken, sagte ein Großaktionär des Autozulieferers, der namentlich nicht genannt werden wollte. In der Vergangenheit habe es wegen des geplanten Kaufs des Rüsselsheimer Autobauers eine negative Stimmung unter den Investoren gegeben. Die Absage könnte die Stimmung nun wieder etwas aufhellen. Ein Investor sagte, der Markt habe Angst gehabt, dass Magna bei einer Übernahme Geld verloren hätte. Das kanadische Unternehmen könne sich nun wieder darauf konzentrieren, seinen Marktanteil im Autozuliefererbereich auszubauen.
General Motors hatte am Dienstagabend nach monatelangen Verhandlungen völlig überraschend den Verkauf von Opel an Magna platzen lassen. Der US-Konzern will sein Europa-Geschäft nun in Eigenregie sanieren.
mik/Reuters/AFP
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DAS LANGE RINGEN UM OPEL
14. November 2008: Opel beklagt infolge der Finanzkrise massive Verluste und bittet als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll Opel stützen, nach Unternehmensangaben geht es um "etwas mehr als eine Milliarde Euro".
17. Februar 2009: Auch General Motors leidet und plant einen Jobkahlschlag. Der ums Überleben kämpfende Opel-Mutterkonzern will 47.000 Stellen streichen - davon 26.000 außerhalb der USA, viele in Deutschland.
27. Februar: Opel beschließt, sich weitgehend von GM abkoppeln zu wollen. Das von der öffentlichen Hand benötigte Kapital eines neuen europäischen Unternehmens Opel/Vauxhall wird auf 3,3 Milliarden Euro beziffert.
2. März: Opel-Manager legen der Bundesregierung einen Rettungsplan vor.
31. März: Kanzlerin Merkel stellt Unterstützung in Aussicht, aber keinen direkten Staatseinstieg.
23. April: Fiat will Opel übernehmen - die Arbeitnehmer sprechen sich rasch dagegen aus.
28. April: Auch der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna meldet Interesse an und legt ein erstes Grobkonzept für Opel vor.
12. Mai: Es wird bekannt, dass auch der in Brüssel ansässige Finanzinvestor RHJ International ein Angebot prüft - damit gibt es nun drei Interessenten für Opel.
30. Mai: Die Grundsatzentscheidung für Magna fällt - in einer Nachtsitzung mit Bund, Ländern, GM und dem US-Finanzministerium. Damit ist der Weg frei für einen Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro an Opel sowie die zeitweilige Übernahme von Opel durch eine Treuhandgesellschaft (um den deutschen Autobauer vor den Folgen einer GM-Insolvenz zu schützen). Wirtschaftsminister Guttenberg stellt sich als einziger Politiker mit einer Rücktrittsdrohung dagegen und plädiert notfalls für eine Opel-Insolvenz.
1. Juni: GM geht in die Insolvenz.
10. Juli: Steuermilliarden retten GM, der Konzern wird aus der Insolvenz entlassen. Nun mehrheitlich in Staatsbesitz, soll er wesentlich verkleinert überleben. Es fließen mehr als 50 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 36 Milliarden Euro) an Hilfsgeldern.
15. Juli: RHJ International stellt ein neues Übernahmeangebot vor. Die Bundesländer mit Opel-Standorten favorisieren Magna, weil der Zulieferer verspricht, weniger Stellen zu streichen.
19. August: Bund und Länder beschließen: Wenn GM sich für Magna entscheidet, wird Deutschland 4,5 Milliarden Euro an Kreditzusagen und Bürgschaften vorstrecken, ohne dass sich andere europäische Länder mit Standorten beteiligen müssen. GM wird unter Druck gesetzt, sich für Magna zu entscheiden.
25. August: Erneutes Opel-Spitzentreffen zwischen Bund, Ländern und GM in Berlin. Der US-Autokonzern prüft, seine Tochter selbst zu behalten.
2. September: RHJ International bessert sein Angebot erneut nach fordert nun 600 Millionen Euro weniger Staatshilfen. Dennoch spricht sich die Bundesregierung erneut für Magna aus.
10. September: Der GM-Verwaltungsrat empfiehlt einen Verkauf von Opel an Magna.
14. September: Magna bestätigt, dass in Deutschland mehr als 4000 der rund 25.000 Stellen wegfallen werden. Aus Belgien, Großbritannien und Spanien gibt es Widerstand gegen Magna, weil deutsche Standorte bevorzugt würden. Die EU-Kommission kündigt eine "sehr sorgfältige" Prüfung der Milliardenbeihilfen an.
16. Oktober: EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes äußert schwere Bedenken gegen die 4,5 Milliarden Euro Staatsunterstützung. Die Hilfszusagen dürften nicht an einen Bieter gebunden werden - die Bundesregierung soll sich also keinen Kaufinteressenten aussuchen dürfen, der zum Beispiel deutsche Standorte schont.
3. November: Der GM-Verwaltungsrat beschließt, Opel doch zu behalten. Der Konzern will sein Europageschäft selbst sanieren, statt dies Magna und seinen staatlichen Unterstützern zu überlassen.
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GM-Sanierungsplan (Dezember 2008)
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OPEL-STANDORTE
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen
eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.
Das Stammwerk südwestlich von Frankfurt am Main ist das Herz der Adam Opel GmbH. Rund 750 Millionen Euro wurden 2002 in seine Modernisierung investiert. Die Beschäftigtenzahl liegt aktuell bei rund 15.500, davon sind etwa 5500 Mitarbeiter im internationalen Entwicklungszentrum angesiedelt, der Denkfabrik des Autobauers.
In Rüsselsheim läuft derzeit der Mittelklassewagen Insignia in den drei Versionen Limousine, Fließheck und Kombi vom Band. Im Durchschnitt werden täglich 720 Einheiten des neuen Zugpferds der Marke mit dem Blitz produziert. In der Anlaufphase befindet sich außerdem die Produktion des Insignia Sports Tour, von dem in Kürze pro Tag mehr als 80 Fahrzeuge in Rüsselsheim gebaut werden sollen.
Das 1962 eröffnete Werk, einst Produktionsstätte des Opel
Kadett, baut den Astra und den Kompakt-Van Zafira. Außerdem werden in
Bochum Achsen und Getriebe hergestellt. Insgesamt arbeiten an diesem Standort etwa 5300 Menschen. Pro Jahr laufen etwa 240.000 Autos vom Band.
In der Westpfalz stellt Opel Fahrzeugkomponenten
für Karosserie, Chassis und Innenraum her. Die Powertrain GmbH, ein
Gemeinschaftsunternehmen von Opel und Fiat, produziert dort Motoren.
Der Standort spielt eine wichtige Rolle im weltweiten
Fertigungsverbund von GM. Insgesamt sind dort 2360 Mitarbeiter im Komponentenwerk beschäftigt. Weitere 1130 Menschen fertigen Motoren an.
Opel-Autos werden außerdem in folgenden europäischen Werken
produziert: Antwerpen/Belgien (Astra), Gleiwitz/Polen (Agila, Astra Classic, Zafira), Ellesmere Port/England (Astra), Luton/England (Vivaro) und Zaragoza/Spanien (Corsa, Meriva, Combo).