Von Marc Pitzke und Gregor Peter Schmitz, New York und Washington
Die Zentrale von General Motors in Detroit ist ein Showroom des Firmenstolzes. Ein Mega-Komplex aus Spiegelglas und Stahl. In den hohen Wandelgängen des Foyers sind Fahrzeuge aller GM-Vorzeigemarken ausgestellt: Buick, Cadillac, Chevy, GMC - die neuesten Modelle, auf Hochglanz poliert.
Nach einem Opel sucht der Gast vergebens.
Das liegt auch daran, dass der Durchschnittsamerikaner die Marke mit dem Blitz gar nicht kennt. Warum also den Platz verschwenden?
Es ist genau diese Haltung gegenüber der europäischen Tochter, die sich in der dramatischen Opel-Kehrtwende von General Motors widerspiegelt. Die neuen Manager des US-Autobauers scheren sich wenig um das Entsetzen, das ihre Entscheidung in Deutschland ausgelöst hat. Ihnen geht es um die Bilanzen. Der von der US-Regierung eingesetzte GM-Verwaltungsratschef Ed Whitacre, der AT&T knallhart durchsaniert hat, will vor allem eines: Wachstum. Ein Schrumpfen des Konzerns durch Anteilsverkäufe in Europa passt da kaum ins Bild.
Also will General Motors nun selbst Opel auf Kurs bringen, und aus Washington kommt kein Widerstand. Auch die US-Regierung, die die Mehrheit an GM hält, siedelt die deutschen Empfindlichkeiten in der Opel-Frage keineswegs weit oben auf ihrer Prioritätenliste an.
Für Opel ist das fatal. Es drohen düstere Zeiten.
Parallel kündigte auch GM-Europachef Carl-Peter Forster am Abend eine harte Sanierung an. "Es wird auch bei dieser Lösung massive Einschnitte geben", sagte er der "Bild"-Zeitung - und zeigte sich nicht glücklich über die gesamte Entwicklung. "Wir hatten einen guten Sanierungsplan ausgehandelt, der auf dem Tisch lag und fertig war. Jetzt besteht die Gefahr, dass die vernünftige Verteilung der Lasten wieder aufgeschnürt wird und alles von vorne beginnt."
"Es wird brutal hart"
Smith begründete den Rückzieher vom Opel-Magna-Deal damit, dass sich das Geschäftsumfeld für GM "enorm verbessert" habe. Deshalb habe der im Juli neu installierte Verwaltungsrat schließlich erkannt: "Opel ist wichtig für GM, und GM ist wichtig für Opel." Er verstehe die deutschen Proteste zwar, sagte Smith, stellte dann aber klar: Die Magna-Option sei nie hundertprozentig sicher gewesen. Trotz des "sehr starken Appetits" der Bundesregierung darauf. "Es gab wirklich keine Garantie" auf einen Abschluss, sagte er. Die Entscheidung sei für den GM-Verwaltungsrat ein Coin Toss geblieben, ein Münzwurf.
Mark Phelan, Autoexperte der "Detroit Free Press" und einer der besten Kenner der Szene, nennt die jetzige Lösung "mit größter Sicherheit das beste Ergebnis für GM und Opel". Das heiße aber nicht, dass die Zukunft leicht werde, besonders für Opel. Im Gegenteil: "Es wird brutal hart." Phelan prophezeit "unvermeidliche Schmerzen" für Opel und nennt Werksschließungen möglich. Schließlich müsse GM sein Europageschäft nun "drastisch umgestalten". Die "New York Times" schreibt: "GM wird nun mit der potentiell verzwickten Aufgabe konfrontiert, unter den Opel-Werken Gewinner und Verlierer zu bestimmen."
GM hat schon offen gedroht, Opel in die Insolvenz zu schicken, falls die deutschen Beschäftigten keine Zugeständnisse machen und sich die Politik querstellt. Smith unterstrich das noch mal, indem er das drastische GM-Sanierungskonzept vom Jahresanfang (PDF siehe linke Spalte) zur Leitlinie für den Opel-Umbau erklärt. Der US-Mutterkonzern hat im Sommer selbst ein Insolvenzverfahren hinter sich gebracht, das sich als überraschend heilsam erwiesen hat - jetzt ist der gleiche Schritt kein Tabu mehr, wenn es um Opel geht.
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"Wo GM das Geld herholen will, um die Opel-Restrukturierung zu finanzieren, ist ein Rätsel", sagt Autoanalyst Aaron Bragman von IHS Global Insight. Zumal die Staatshilfe, die der Konzern von der US-Regierung erhalten hat, nicht in Übersee ausgegeben werden dürfe. Dies werde jetzt zumindest "kreative Buchhaltung" erfordern.
Der geplatzte Opel-Magna-Deal hat das Verhältnis von GM und der Bundesregierung getrübt. Es könne jetzt noch jahrelang Schuldzuweisungen geben, fürchtet Steve McGrath, der Auto-Blogger des "Wall Street Journal": "GM muss viel verlorenen Boden zurückgewinnen."
Schatten auf der Love Story
Außerdem stellt sich aus deutscher Sicht die Frage: Wann erfuhr Barack Obama von der GM-Entscheidung, den Opel-Magna-Deal platzen zu lassen? Hätte er noch gegensteuern können, als Angela Merkel ihn wenige Stunden vor dem Eklat in Washington traf? GM-Manager Smith zufolge stand der Beschluss schon am Montag fest. Einen Tag, bevor die deutsche Kanzlerin den US-Präsidenten traf.
Merkel wolle Obama in den kommenden Tagen noch einmal kontaktieren, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm - doch sie wird letztlich auf Unverständnis stoßen. Der US-Präsident nimmt generell keinen großen Einfluss auf seine zahlreichen neuen Staatsbeteiligungen wie GM, und außerdem steht die deutsche Innenpolitik nicht im seinem Fokus.
Dem Staat gehören zwar rund 60 Prozent von General Motors. Obamas Team will sich aber aus Einzelentscheidungen heraushalten. Die Regierungsstrategen fürchten sich davor, den Eindruck eines Government Takeover zu erwecken - einer omnipräsenten Regierung, die auch noch die Unternehmen lenkt. Das US-Finanzministerium beteuerte entsprechend schnell nach dem GM-Beschluss zu Opel: "Die Regierung war an dieser Entscheidung nicht beteiligt."
Scharfe Töne in der US-Presse
Das Mitleid mit der deutschen Seite hält sich auch in der US-Presse in Grenzen. "Der GM-Affront bringt Merkel zurück auf den Boden", schreibt der Wirtschaftsdienst Bloomberg, und das "Wall Street Journal" wird noch schärfer. Der GM-Verwaltungsrat habe den "Bluff" deutscher Politiker durchschaut. Diese hatten sich einerseits in ihren Unterstützungszusagen auf Magna festgelegt - behaupteten andererseits aber, als die EU Bedenken wegen dieser Festlegung äußerte, es könne an sich jeder die Regierungshilfe bekommen.
Jetzt kann GM auf diese Versprechen verweisen und versuchen, Unterstützung von den Deutschen zu fordern. Doch kann sich GM schon als Sieger fühlen?
Keineswegs, sagte Autoanalyst Christoph Stürmer auf CNBC: Er sehe "eine große, große, große kommunikative Herausforderung" auf den US-Mutterkonzern zukommen. Der American Way des Geschäftemachens lasse sich nicht immer auf die deutsche Kultur übertragen. Kollege Mark Phelan stimmte zu: "GM muss viel wieder gutmachen - besonders bei seinen deutschen Arbeitern."
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