Von Niels Reise, Stockholm
Ausländer würden auf der Chefetage immer wieder abfällig als "Neger" bezeichnet, die keine Chance auf Aufstieg hätten. Dafür sei Kamprads bedenklich zunehmende Paranoia verantwortlich. Ikea, immerhin der größte Möbelkonzern der Welt, werde ausschließlich von Menschen geführt, die aus Älmhult kämen, dem kleinen Ort in der schwedischen Landschaft Småland, in dem auch Ingvar selbst aufwuchs. "Auf dem Hof geboren" nennt man das in Schweden, und der Bezug auf Blut und Boden sei kein Zufall. Es herrsche unverhohlener Rassismus.
Ikea wird in aller Welt gerne als Vorbild eines guten globalen Unternehmens genannt. Das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" nannte die Schweden daher ironisch in einer Titelstory "The Teflon Company", da kein Dreck an ihr hängen bleibe. Doch das lässt sich, sagt Stenebo, weniger auf nachhaltiges Wirtschaften als auf hinterhältiges und zynisches Taktieren zurückführen.
Umweltorganisationen im Visier
Stenebo wirft Ikea vor, der Konzerne überprüfe - so wie auch andere Großunternehmen - seine Lieferanten nicht sorgfältig genug und mauschele mit Umweltschützern. Ikea wolle in Umweltfragen eine weiße Weste vorzeigen können - und gleichzeitig sicheren Zugang zu Holzvorräten bekommen. "Ikeas Schlüssel zu niedrigen Preisen ist die Versorgung mit billigen Rohstoffen", sagt Stenebo. "Und Ikeas Möbel bestehen nun mal größtenteils aus Holz."
Daher sei die Zusammenarbeit mit Umweltgruppen in Zeiten politischer Korrektheit nicht nur eine Frage der Reklame. Viele holzproduzierende Länder stünden unter ständigem Druck der Weltöffentlichkeit. Inzwischen beziehe Ikea einen erheblichen Teil seiner Holzprodukte komplett aus China: "Ich weiß, dass man nicht einmal in China legal Holz für den Preis bekommen kann, den wir dort bezahlt haben", sagt Stenebo.
Immer gehe es nur um den schönen Schein - ob bei den lebendig gerupften Gänsen, deren Daunen angeblich das Kopfkissen "Gosa" (schwedisch für Kuscheln) und die Decke "Mysa" (auch Kuscheln) füllen, oder den Teppichen der Reihe "Barnslig" (schwedisch für Kindisch), von denen es immer wieder heißt, sie würden tatsächlich von pakistanischen Kindern geknüpft. Auch hier bringe Ikea durch geschickt platziertes Sponsoring von Kinderhilfsorganisationen wirksam seine Verteidigung in Stellung: "Tatsache ist, dass eine Firma mit Ikeas enormen Ressourcen sich seine Lieferanten frei aussuchen kann. Doch statt die besten zu nehmen, nimmt man die billigsten." Und Gemeinnutz sei immer noch billiger als ein reines Gewissen und könne außerdem von der Steuer abgesetzt werden.
Ikea spricht von "Ansichten einer Privatperson"
Und warum jetzt diese Abrechnung? Stenebo erzählt, vor Monaten habe es eine schwere Auseinandersetzung zwischen ihm und Peter Kamprad, dem Kronprinzen, gegeben. Da sei ihm plötzlich klar geworden, dass er ein Gewissen habe, das er nicht länger unterdrücken könne: "Wirtschaftliche Macht bedeutet Verantwortung den Menschen und der Umwelt gegenüber. Das versteht Peter nicht. Frauen und Ausländer werden ausgeschlossen, die Umwelt bewusst mit Füßen getreten."
Ikeas Pressestelle nennt das Buch auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE "Ansichten einer Privatperson". Zu Details kein Kommentar.
Und was sagt Ingvar Kamprad? Ebenfalls kein Kommentar.
Stenebo gibt sich jedoch überzeugt, dass der Alte das Buch längst auf dem Nachttisch liegen hat: "Ingvar liest das Buch mit seinen Chamäleon-Augen. Er hasst mich und er liebt mich."
Der Stolz in Stenebos Stimme ist nicht zu überhören.
SPIEGEL ONLINE hat in einer ersten Version dieses Artikels vom 11. November 2009 berichtet,
- Ikea habe Greenpeace mit "Maulkorbgeld" ausgestattet;
- Greenpeace habe von Ikea viel Geld für ein Medienprojekt bekommen, in dem andere Multis wie der finnische Papiergrossist 'Stora Enso' an den Pranger gestellt wurden;
- Als Ikea kurz darauf riesige Areale im malayischen Teil der Urwaldinsel Borneo abgeholzt haben soll, habe Greenpeace dann seinen Teil des perfiden Deals erfüllt und die Schweden in aller Öffentlichkeit verteidigt;
- Greenpeace stehe neben weiteren weltbekannten NGOs auf Ikeas großzügiger Spendenliste.
Diese Behauptungen sind unwahr und werden hiermit widerrufen. Die Redaktion.
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