Umfrage
Mehrheit der Deutschen lehnt Opel-Staatshilfe ab
dpa
Opel-Werk in Bochum: Spannungen zwischen GM-Führung und deutschen Arbeitnehmern
Regierungspolitiker haben Opel staatlichen Beistand in Aussicht gestellt - doch die Deutschen sind dagegen. Zwei Drittel fordern einer Umfrage zufolge, dass sich Bund und Länder zurückhalten. Die Skepsis gegenüber GM ist groß, auch im Betriebsrat: Dieser verlangt einen Europäer als neuen Firmenchef.
Berlin - Das Personalchaos bei Opel ruft die Arbeitnehmervertreter auf den Plan. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende, Klaus Franz, fordert einen externen Nachfolger für den scheidenden General-Motors-Europa-Chef Carl-Peter Forster. Franz sagte der "Bild am Sonntag", der neue Chef müsse Europäer sein, "mit Teamgeist und Benzin im Blut". Außer Deutsch müsse er weitere Sprachen beherrschen.
Tatsächlich gibt es beim Opel-Mutterkonzern General Motors Überlegungen, einen Deutschen
an die Spitze von GM Europe zu stellen. Das berichtete das "Wall Street Journal" am Samstag. Der Konzern schaue sich bevorzugt nach einem deutschen Manager für die Position um. Zur Begründung heißt es, mit einer solchen Lösung könnten nach dem geplatzten Opel-Verkauf an Magna die Spannungen zwischen GM und den deutschen Beschäftigten sowie der Bundesregierung entschärft werden. Der bisherige GM-Europachef Carl-Peter Forster, ein Freund des Opel-Magna-Deals, wird das Unternehmen verlassen.
Der entmachtete GM-Europe-Chef Forster war auch Opel-Aufsichtsratschef, weswegen jetzt der 77-jährige Lutz in dieser Position einspringen soll. Im "Wall Street Journal" heißt es jedoch, Lutz solle sich wieder zurückziehen, sobald ein neuer Spitzenmanager
für die europäische GM-Tochter gefunden sei. GM-Chef Henderson wolle kommende Woche zusammen mit Reilly und Opel-Chef Hans Demant die Lage bei der europäischen Tochter analysieren. Auch ein Besuch Hendersons in Deutschland ist geplant.
General Motors hatte am Dienstag überraschend erklärt, Opel doch nicht an den kanadischen Autozulieferer Magna zu verkaufen, sondern selbst zu behalten. Das Verhältnis zwischen deutschen Arbeitnehmern und den US-Konzernlenkern gilt seitdem als zerrüttet. Dazu haben auch zwei Personalien beigetragen: Denn nach SPIEGEL-Informationen soll GM-Asienmanager Nick Reilly die Sanierung von Opel übernehmen, GM-Manager Bob Lutz soll Opel-Aufsichtsratschef werden. Beide gelten als Urgesteine des Konzerns und haben sich als harte Sanierer einen Namen gemacht - keine guten Voraussetzungen für eine gedeihliche Zusammenarbeit mit den deutschen Arbeitnehmervertretern.
Dass GM in dieser Situation Staatshilfe für die Opel-Sanierung erhalten soll, ist aus Sicht vieler Deutscher der falsche Weg. Einer Emnid-Umfrage im Auftrag der "Bild am Sonntag" zufolge lehnt eine große Mehrheit Staatshilfen ab: 66 Prozent sprechen sich dagegen aus, dass Bund und Länder Opel mit Steuergeld helfen - nur 28 Prozent sind dafür. Für die repräsentative Umfrage befragte Emnid am vergangenen Donnerstag 502 Personen.
Wirtschaftsminister Rainer Brüderle warnt GM davor, bei der Sanierung von Opel auf Hilfen aus dem Deutschlandfonds zu setzen. Der FDP-Politiker sagte, er erwarte, dass GM nun auch die finanzielle Verantwortung für Opel wieder selbst übernimmt. Dazu gehöre, dass "pünktlich zum 30. November" der Brückenkredit mit Zinsen zurückgezahlt werde, den die Regierung gewährt hatte. Sollte GM einen neuen Antrag auf Staatshilfen stellen, gälten die gleichen Kriterien wie für alle anderen Unternehmen, sagte Brüderle. Auch eine Ablehnung des Antrags sei möglich.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte hingegen Staatshilfen
für Opel in Aussicht gestellt. Ähnlich äußerte sich auch der neue
SPD-Wirtschaftsminister Thüringens, Matthias Machnig.
wal/AFP/Reuters
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SPIEGEL ONLINE
Um diese Standorte geht es: GM-Werke in Europa
OPEL-STANDORTE
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen
eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.
Das Stammwerk südwestlich von Frankfurt am Main ist das Herz der Adam Opel GmbH. Rund 750 Millionen Euro wurden 2002 in seine Modernisierung investiert. Die Beschäftigtenzahl liegt aktuell bei rund 15.500, davon sind etwa 5500 Mitarbeiter im internationalen Entwicklungszentrum angesiedelt, der Denkfabrik des Autobauers.
In Rüsselsheim läuft derzeit der Mittelklassewagen Insignia in den drei Versionen Limousine, Fließheck und Kombi vom Band. Im Durchschnitt werden täglich 720 Einheiten des neuen Zugpferds der Marke mit dem Blitz produziert. In der Anlaufphase befindet sich außerdem die Produktion des Insignia Sports Tour, von dem in Kürze pro Tag mehr als 80 Fahrzeuge in Rüsselsheim gebaut werden sollen.
Das 1962 eröffnete Werk, einst Produktionsstätte des Opel
Kadett, baut den Astra und den Kompakt-Van Zafira. Außerdem werden in
Bochum Achsen und Getriebe hergestellt. Insgesamt arbeiten an diesem Standort etwa 5300 Menschen. Pro Jahr laufen etwa 240.000 Autos vom Band.
In der Westpfalz stellt Opel Fahrzeugkomponenten
für Karosserie, Chassis und Innenraum her. Die Powertrain GmbH, ein
Gemeinschaftsunternehmen von Opel und Fiat, produziert dort Motoren.
Der Standort spielt eine wichtige Rolle im weltweiten
Fertigungsverbund von GM. Insgesamt sind dort 2360 Mitarbeiter im Komponentenwerk beschäftigt. Weitere 1130 Menschen fertigen Motoren an.
Opel-Autos werden außerdem in folgenden europäischen Werken
produziert: Antwerpen/Belgien (Astra), Gleiwitz/Polen (Agila, Astra Classic, Zafira), Ellesmere Port/England (Astra), Luton/England (Vivaro) und Zaragoza/Spanien (Corsa, Meriva, Combo).
DAS LANGE RINGEN UM OPEL
14. November 2008: Opel beklagt infolge der Finanzkrise massive Verluste und bittet als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll Opel stützen, nach Unternehmensangaben geht es um "etwas mehr als eine Milliarde Euro".
17. Februar 2009: Auch General Motors leidet und plant einen Jobkahlschlag. Der ums Überleben kämpfende Opel-Mutterkonzern will 47.000 Stellen streichen - davon 26.000 außerhalb der USA, viele in Deutschland.
27. Februar: Opel beschließt, sich weitgehend von GM abkoppeln zu wollen. Das von der öffentlichen Hand benötigte Kapital eines neuen europäischen Unternehmens Opel/Vauxhall wird auf 3,3 Milliarden Euro beziffert.
2. März: Opel-Manager legen der Bundesregierung einen Rettungsplan vor.
31. März: Kanzlerin Merkel stellt Unterstützung in Aussicht, aber keinen direkten Staatseinstieg.
23. April: Fiat will Opel übernehmen - die Arbeitnehmer sprechen sich rasch dagegen aus.
28. April: Auch der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna meldet Interesse an und legt ein erstes Grobkonzept für Opel vor.
12. Mai: Es wird bekannt, dass auch der in Brüssel ansässige Finanzinvestor RHJ International ein Angebot prüft - damit gibt es nun drei Interessenten für Opel.
30. Mai: Die Grundsatzentscheidung für Magna fällt - in einer Nachtsitzung mit Bund, Ländern, GM und dem US-Finanzministerium. Damit ist der Weg frei für einen Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro an Opel sowie die zeitweilige Übernahme von Opel durch eine Treuhandgesellschaft (um den deutschen Autobauer vor den Folgen einer GM-Insolvenz zu schützen). Wirtschaftsminister Guttenberg stellt sich als einziger Politiker mit einer Rücktrittsdrohung dagegen und plädiert notfalls für eine Opel-Insolvenz.
1. Juni: GM geht in die Insolvenz.
10. Juli: Steuermilliarden retten GM, der Konzern wird aus der Insolvenz entlassen. Nun mehrheitlich in Staatsbesitz, soll er wesentlich verkleinert überleben. Es fließen mehr als 50 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 36 Milliarden Euro) an Hilfsgeldern.
15. Juli: RHJ International stellt ein neues Übernahmeangebot vor. Die Bundesländer mit Opel-Standorten favorisieren Magna, weil der Zulieferer verspricht, weniger Stellen zu streichen.
19. August: Bund und Länder beschließen: Wenn GM sich für Magna entscheidet, wird Deutschland 4,5 Milliarden Euro an Kreditzusagen und Bürgschaften vorstrecken, ohne dass sich andere europäische Länder mit Standorten beteiligen müssen. GM wird unter Druck gesetzt, sich für Magna zu entscheiden.
25. August: Erneutes Opel-Spitzentreffen zwischen Bund, Ländern und GM in Berlin. Der US-Autokonzern prüft, seine Tochter selbst zu behalten.
2. September: RHJ International bessert sein Angebot erneut nach fordert nun 600 Millionen Euro weniger Staatshilfen. Dennoch spricht sich die Bundesregierung erneut für Magna aus.
10. September: Der GM-Verwaltungsrat empfiehlt einen Verkauf von Opel an Magna.
14. September: Magna bestätigt, dass in Deutschland mehr als 4000 der rund 25.000 Stellen wegfallen werden. Aus Belgien, Großbritannien und Spanien gibt es Widerstand gegen Magna, weil deutsche Standorte bevorzugt würden. Die EU-Kommission kündigt eine "sehr sorgfältige" Prüfung der Milliardenbeihilfen an.
16. Oktober: EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes äußert schwere Bedenken gegen die 4,5 Milliarden Euro Staatsunterstützung. Die Hilfszusagen dürften nicht an einen Bieter gebunden werden - die Bundesregierung soll sich also keinen Kaufinteressenten aussuchen dürfen, der zum Beispiel deutsche Standorte schont.
3. November: Der GM-Verwaltungsrat beschließt, Opel doch zu behalten. Der Konzern will sein Europageschäft selbst sanieren, statt dies Magna und seinen staatlichen Unterstützern zu überlassen.