GM-Verhandlungen
Henderson auf Blitzbesuch in der Opel-Zentrale
AP
GM-Chef Henderson: Überraschend schnelle Reise nach Deutschland
Er kommt schneller als gedacht: General-Motors-Chef Henderson wird schon an diesem Montag bei Opel in Rüsselsheim erwartet. Angeblich will er der deutschen Tochter mehr Unabhängigkeit erlauben und ein europäisches Führungsteam suchen - der Betriebsrat erwartet vor allem ein solides Zukunftskonzept.
Berlin - General-Motors-Chef
Fritz Henderson kommt schon an diesem Montag in die Opel-Zentrale in Rüsselsheim. Dies erfuhren mehrere Nachrichtenagenturen aus dem Unternehmen. Einem Bericht des "Handelsblatts" zufolge sind erste Spitzengespräche mit den Managern des Autokonzerns und Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz geplant. Im Gepäck hat er demnach eine erste Vorlage für ein Zukunftskonzept für Opel, das der Autokonzern mit dem Betriebsrat abstimmen will.
General Motors suche bereits extern nach einem neuen
Opel-Chef, der möglichst aus Deutschland kommen solle, schrieb die Zeitung und berief sich auf Konzernkreise. Mit der Vorlage des GM-Zukunftskonzepts wird für die nächsten Tage gerechnet.
Als vorübergehender neuer GM-Europachef wird der Manager Nick Reilly gehandelt, der als harter Sanierer gilt und auf Widerstand bei den Gewerkschaften stößt. Mittelfristig soll der Spitzenposten bei Opel dem Vernehmen nach aber nicht von einem GM-Manager bekleidet werden. Vielmehr solle Opel von einem externen Auto-Fachmann geführt werden. "Wir suchen derzeit ein europäisches Führungsteam", sagte ein Insider der Nachrichtenagentur dpa.
Ein Kompromiss könnte der aus Wien stammende Magna-Manager Herbert Demel, 56, sein, der sich selbst einmal eher als "Entwicklungshelfer für menschliche Potentiale" denn als Kostenkiller bezeichnet hatte und für verschiedene europäische Autobauer gearbeitet hat. Laut "Frankfurter Rundschau" will Demel den Posten nur annehmen, wenn er bei Opel Handlungsfreiheit bekommt. Demel leitet derzeit bei Magna die Fahrzeugtechnik. Er war von 1994 bis 1997 Audi-Chef und 2001 einer der Kandidaten, um Volkswagen-Chef Ferdinand Piech an der VW-Spitze zu beerben. 2003 bis 2005 arbeitete er für den italienischen Autokonzern Fiat.
Seinem Wunsch, bei Opel mehr Freiheit zu bekommen, könnte GM entsprechen. GM will seiner deutschen Tochter nach dpa-Informationen mehr Eigenständigkeit erlauben - zum Beispiel bei Entscheidungen über neue Modelle. Wenn der US-Konzern dieser Linie folgt, käme er auch dem Betriebsrat entgegen. Dessen Vorsitzender Klaus Franz hatte in der vergangenen Woche eine Umwandlung der Adam Opel GmbH in eine deutsche Aktiengesellschaft gefordert: "Wir wollen kein Anhängsel sein, das von Detroit aus durchregiert wird." Dies sei eine Vorbedingung für Verhandlungen mit der Konzernspitze. Außerdem
forderte er einen deutschsprachigen GM-Europachef.
"Mit der Denke in Quartalen nicht zufrieden geben"
Franz will in einem Gespräch mit Henderson außerdem einen langfristigen Finanzierungsplan für Opel fordern. "Mit der sonst bei GM üblichen Denke in Quartalen werden wir uns nicht zufrieden geben", sagte er dem "Hamburger Abendblatt" zufolge. GM müsse darlegen, wie die Finanzierung für Opel mindestens bis 2014 gewährleistet werden soll. Der Betriebsratschef äußerte Verständnis dafür, dass die Mehrheit der Deutschen Staatshilfen für Opel derzeit ablehnt: "Ich kann absolut nachvollziehen, dass der Rückhalt in der Bevölkerung bröckelt, nachdem GM die Öffentlichkeit, die deutsche Politik und die Beschäftigten so hinters Licht geführt hat", sagte er. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid im Auftrag der "Bild am Sonntag" hatte ergeben, dass
66 Prozent der Bundesbürger sich gegen staatliche Hilfen für Opel aussprechen und nur 28 Prozent dafür sind.
In dieser Woche soll es laut dpa noch weitere Gespräche zwischen dem Chefunterhändler von General Motors, John Smith, und Vertretern der Bundesregierung geben. Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hält es allerdings für ungewiss, ob General Motors rasch ein tragfähiges Konzept für die Zukunft von Opel vorlegen kann. "Ich bin auch sehr skeptisch, ob das Unternehmen, das so fehlgehandelt hat, jetzt über Nacht neue Ideen hat", sagte der FDP-Politiker dem ZDF.
Mit Blick auf einen Antrag auf neue Staatshilfen sagte der Minister: "Der muss pflichtgemäß geprüft werden, Ausgang völlig offen. Es gibt keinen Anspruch auf Zusage." Den Erhalt der Arbeitsplätze bei Opel in Deutschland "kann ich nicht garantieren", fügte er hinzu, "das kann niemand garantieren." Die Bundesregierung werde sich darum bemühen. Zu einer möglichen geordneten Insolvenz von Opel, die sein Amtsvorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) einst ins Spiel gebracht hatte, sagte der FDP-Politiker: "Das muss das Unternehmen letztlich selbst entscheiden."
EU warnt vor Forderung nach Arbeitsplatzgarantien
Die EU warnt Deutschland, Staatshilfen für Opel an zu rigide Voraussetzungen zu knüfen. Es bestehe kein Zweifel daran, dass eine an einen Arbeitsplatzerhalt geknüpfte Staatshilfe "kaum mit den Binnenmarktregeln in Einklang zu bringen sein dürfte und deshalb von Brüssel nicht akzeptiert wird", sagte der Sprecher von EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes der "Berliner Zeitung".
Unter Protest verließ der frühere Continental-Chef Manfred Wennemer am Wochenende den Beirat der Opel-Treuhand, die das Unternehmen vor Monaten aufgefangen hatte. Der wirtschaftliche Sachverstand spiele in der Treuhand keine Rolle mehr, dies sei nun ein politisches Gremium. Wennemer saß für den Bund in der Treuhand. Er stimmte aber zur Verärgerung der Regierung nicht für den Magna-Deal.
plö/ssu/AP/dpa/ddp
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SPIEGEL ONLINE
Um diese Standorte geht es: GM-Werke in Europa
OPEL-STANDORTE
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen
eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.
Das Stammwerk südwestlich von Frankfurt am Main ist das Herz der Adam Opel GmbH. Rund 750 Millionen Euro wurden 2002 in seine Modernisierung investiert. Die Beschäftigtenzahl liegt aktuell bei rund 15.500, davon sind etwa 5500 Mitarbeiter im internationalen Entwicklungszentrum angesiedelt, der Denkfabrik des Autobauers.
In Rüsselsheim läuft derzeit der Mittelklassewagen Insignia in den drei Versionen Limousine, Fließheck und Kombi vom Band. Im Durchschnitt werden täglich 720 Einheiten des neuen Zugpferds der Marke mit dem Blitz produziert. In der Anlaufphase befindet sich außerdem die Produktion des Insignia Sports Tour, von dem in Kürze pro Tag mehr als 80 Fahrzeuge in Rüsselsheim gebaut werden sollen.
Das 1962 eröffnete Werk, einst Produktionsstätte des Opel
Kadett, baut den Astra und den Kompakt-Van Zafira. Außerdem werden in
Bochum Achsen und Getriebe hergestellt. Insgesamt arbeiten an diesem Standort etwa 5300 Menschen. Pro Jahr laufen etwa 240.000 Autos vom Band.
In der Westpfalz stellt Opel Fahrzeugkomponenten
für Karosserie, Chassis und Innenraum her. Die Powertrain GmbH, ein
Gemeinschaftsunternehmen von Opel und Fiat, produziert dort Motoren.
Der Standort spielt eine wichtige Rolle im weltweiten
Fertigungsverbund von GM. Insgesamt sind dort 2360 Mitarbeiter im Komponentenwerk beschäftigt. Weitere 1130 Menschen fertigen Motoren an.
Opel-Autos werden außerdem in folgenden europäischen Werken
produziert: Antwerpen/Belgien (Astra), Gleiwitz/Polen (Agila, Astra Classic, Zafira), Ellesmere Port/England (Astra), Luton/England (Vivaro) und Zaragoza/Spanien (Corsa, Meriva, Combo).
DAS LANGE RINGEN UM OPEL
14. November 2008: Opel beklagt infolge der Finanzkrise massive Verluste und bittet als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll Opel stützen, nach Unternehmensangaben geht es um "etwas mehr als eine Milliarde Euro".
17. Februar 2009: Auch General Motors leidet und plant einen Jobkahlschlag. Der ums Überleben kämpfende Opel-Mutterkonzern will 47.000 Stellen streichen - davon 26.000 außerhalb der USA, viele in Deutschland.
27. Februar: Opel beschließt, sich weitgehend von GM abkoppeln zu wollen. Das von der öffentlichen Hand benötigte Kapital eines neuen europäischen Unternehmens Opel/Vauxhall wird auf 3,3 Milliarden Euro beziffert.
2. März: Opel-Manager legen der Bundesregierung einen Rettungsplan vor.
31. März: Kanzlerin Merkel stellt Unterstützung in Aussicht, aber keinen direkten Staatseinstieg.
23. April: Fiat will Opel übernehmen - die Arbeitnehmer sprechen sich rasch dagegen aus.
28. April: Auch der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna meldet Interesse an und legt ein erstes Grobkonzept für Opel vor.
12. Mai: Es wird bekannt, dass auch der in Brüssel ansässige Finanzinvestor RHJ International ein Angebot prüft - damit gibt es nun drei Interessenten für Opel.
30. Mai: Die Grundsatzentscheidung für Magna fällt - in einer Nachtsitzung mit Bund, Ländern, GM und dem US-Finanzministerium. Damit ist der Weg frei für einen Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro an Opel sowie die zeitweilige Übernahme von Opel durch eine Treuhandgesellschaft (um den deutschen Autobauer vor den Folgen einer GM-Insolvenz zu schützen). Wirtschaftsminister Guttenberg stellt sich als einziger Politiker mit einer Rücktrittsdrohung dagegen und plädiert notfalls für eine Opel-Insolvenz.
1. Juni: GM geht in die Insolvenz.
10. Juli: Steuermilliarden retten GM, der Konzern wird aus der Insolvenz entlassen. Nun mehrheitlich in Staatsbesitz, soll er wesentlich verkleinert überleben. Es fließen mehr als 50 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 36 Milliarden Euro) an Hilfsgeldern.
15. Juli: RHJ International stellt ein neues Übernahmeangebot vor. Die Bundesländer mit Opel-Standorten favorisieren Magna, weil der Zulieferer verspricht, weniger Stellen zu streichen.
19. August: Bund und Länder beschließen: Wenn GM sich für Magna entscheidet, wird Deutschland 4,5 Milliarden Euro an Kreditzusagen und Bürgschaften vorstrecken, ohne dass sich andere europäische Länder mit Standorten beteiligen müssen. GM wird unter Druck gesetzt, sich für Magna zu entscheiden.
25. August: Erneutes Opel-Spitzentreffen zwischen Bund, Ländern und GM in Berlin. Der US-Autokonzern prüft, seine Tochter selbst zu behalten.
2. September: RHJ International bessert sein Angebot erneut nach fordert nun 600 Millionen Euro weniger Staatshilfen. Dennoch spricht sich die Bundesregierung erneut für Magna aus.
10. September: Der GM-Verwaltungsrat empfiehlt einen Verkauf von Opel an Magna.
14. September: Magna bestätigt, dass in Deutschland mehr als 4000 der rund 25.000 Stellen wegfallen werden. Aus Belgien, Großbritannien und Spanien gibt es Widerstand gegen Magna, weil deutsche Standorte bevorzugt würden. Die EU-Kommission kündigt eine "sehr sorgfältige" Prüfung der Milliardenbeihilfen an.
16. Oktober: EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes äußert schwere Bedenken gegen die 4,5 Milliarden Euro Staatsunterstützung. Die Hilfszusagen dürften nicht an einen Bieter gebunden werden - die Bundesregierung soll sich also keinen Kaufinteressenten aussuchen dürfen, der zum Beispiel deutsche Standorte schont.
3. November: Der GM-Verwaltungsrat beschließt, Opel doch zu behalten. Der Konzern will sein Europageschäft selbst sanieren, statt dies Magna und seinen staatlichen Unterstützern zu überlassen.