SPIEGEL ONLINE: Herr Sieber, Weihnachtszeit ist Boni-Zeit - viele Banker dürfen sich dieses Jahr schon wieder auf phantastische Zusatzvergütungen freuen. Goldman Sachs etwa beschenkt seine Investmentbanker mit rund 20 Milliarden Dollar. Aus Ihrer Sicht als Personalvorstand: Ist das eine sinnvolle Motivation?
Sieber: Bei solchen Zahlen schlackern mir die Ohren. Trotzdem haben variable Vergütungen ihren Sinn für Mitarbeiter und Unternehmen, wenn sie richtig gestaltet sind. Wir werden ab 1. Januar 2010 ein neues System einführen, das die variable Vergütung teilweise an den langfristigen Unternehmenserfolg knüpft.
SPIEGEL ONLINE: Wie genau soll das aussehen?
Sieber: Fixe Boni gibt es nicht. Außertarifliche Mitarbeiter bekommen 60 Prozent ihrer variablen Vergütung nach persönlicher Leistung bezahlt. Die übrigen 40 Prozent sind abhängig vom Unternehmensergebnis. Dabei gibt es auch einen Malus: Wenn das Ergebnis unerwartet schlecht ist, gibt es für die Managementebene sogar Abzüge von der persönlichen Komponente. Manager der ersten beiden Führungsebenen erhalten wesentliche Teile zudem erst nach drei Jahren.
In Einheiten wie dem Investmentbanking gilt für alle Mitarbeiter: Ein Drittel der Vergütung wird zeitverzögert ausbezahlt, ein weiteres Drittel wird zunächst in eine sogenannte Bonus-Bank fließen. Diese Summe schrumpft - nach einem bestimmten Rechenmodell - wenn das Ergebnis der Bank in den nächsten Jahren unter den Erwartungen liegt. Mitarbeiter, die übermäßige Risiken eingehen, können Ansprüche sogar ganz verlieren.
SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie doch mal konkrete Summen: Was kann ein Top-Investmentbanker in einem guten Jahr an Boni erwarten - sagen wir bei einem Unternehmensgewinn von zwei Milliarden Euro?
Sieber: Ich möchte keine konkreten Zahlen nennen, das würde die öffentliche Debatte über das Thema nur anheizen, uns in der Sache aber nicht weiterbringen.
SPIEGEL ONLINE: Die Commerzbank gehört zu 25 Prozent den Steuerzahlern. Warum sollen die nicht über die Boni diskutieren, die das Geldinstitut zahlt?
Sieber: Es wäre grober Leichtsinn, an dieser Stelle unsere Geschäftsplanung offenzulegen. Außerdem: Wenn ich jetzt einen Orientierungswert für einen Top-Investmentbanker nenne, wird jeder, der weniger verdient, morgen an meine Bürotür klopfen. Aber Sie können sicher sein: Die Commerzbank zahlt nur Bruchteile der Boni, die bei angloamerikanischen Häusern üblich sind.
SPIEGEL ONLINE: Dann fragen wir einmal anders herum: Viele Investmentbanker verdienen dank üppiger Extra-Zahlungen sehr viel mehr als ihre Vorstände. Ist das bei der Commerzbank künftig auch wieder möglich?
Sieber: Das Gehalt der Vorstände ist derzeit auf 500.000 Euro begrenzt. Es gibt Kolleginnen und Kollegen in der Bank, die insgesamt mehr verdienen. Wir zahlen schließlich Marktpreise. Nichtsdestotrotz sind Menschen, denen es allein um Gehaltsoptimierung geht, bei der Commerzbank nicht am richtigen Platz.
SPIEGEL ONLINE: Dann werden Sie in dem Maße, wie die Boni wieder anziehen, Probleme beim Anwerben von Top-Kräften bekommen. Gerade Investmentbanker sind dafür bekannt, dass sie sich nur wenig mit ihrem Arbeitgeber identifizieren und dorthin ziehen, wo der beste Vertrag lockt.
Sieber: Wir haben unser Investmentbanking stark auf das kundennahe Geschäft fokussiert, wie Sie wissen: Wir wollen keine Casino-Mentalität.
SPIEGEL ONLINE: Das gilt für den Eigenhandel. Aber für Ihre Kunden und deren Kapitalmarktgeschäfte brauchen Sie Spezialisten wie jede andere Bank.
Sieber: Die haben wir auch. Sicher: Die vielgerühmten Megastars, die angeblichen Lichtgestalten, sind nicht bei uns. Aber die wollen wir auch gar nicht. Banking ist ein Mannschaftssport. Wie Fußball. Nehmen Sie Bayern München: Mein Lieblingsverein hat viele Millionen für gute Spieler ausgegeben - und wo steht er in der Tabelle zurzeit? Verhältnismäßig weit hinten. Leverkusen dagegen hat längst nicht die finanziellen Möglichkeiten der Bayern und ist trotzdem an der Spitze.
SPIEGEL ONLINE: Das klingt schön, aber auch nach dem Mut des Verzweifelten.
Sieber: Ist es aber nicht. Unsere Kunden vertrauen uns, wir bekommen Mandate, die wir vor der Dresdner-Bank-Übernahme nicht bekommen hätten. Und unsere Mitarbeiter sind zufrieden, weil sie Gestaltungsmöglichkeiten haben, die sie andernorts nicht haben. Unsere Fluktuationsrate in Frankfurt ist gering.
SPIEGEL ONLINE: Mehr als die Hälfte Ihrer Investmentbanker sitzen aber in London und New York. Was passiert, wenn unter den wenigen, die gehen, gerade die Besten sind? Zahlen Sie dann im Zweifelsfall doch die umstrittenen fixen Garantie-Boni oder satte Halteprämien und nennen das dann einfach Stabilisierungszahlungen, so wie dieses Jahr, in dem die Boni offiziell gestrichen wurden?
Sieber: Erstens: Wir leisten in diesem Jahr für die Stabilisierung der Bank Zahlungen, weil wir in einer herausfordernden Situation sind. Das sind keine Boni. Zweitens: Garantie-Boni wird es nicht mehr geben. Ich habe gerade einen Bewerber abgelehnt, der solche Fixzahlungen verlangt hat. Daran sehen Sie auch, dass das Thema bei der Konkurrenz offenbar noch anders gehandhabt wird als bei uns. Und drittens: Halteprämien wird es nach meiner gegenwärtigen Auffassung ebenfalls nicht mehr geben. Das Problem ist: Wenn Sie so etwas einmal gezahlt haben, müssen Sie es immer wieder tun.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben mit solchen Zahlungen auch schlechte Erfahrungen gemacht. Dutzende ehemalige Mitarbeiter der früheren Dresdner-Investmentsparte Kleinwort haben geklagt: Ihnen waren 2008 hohe Boni versprochen worden, um die Massen-Abwanderung zu verhindern. Im Nachhinein, nach der Übernahme, strich die Commerzbank die Zusagen. Haben Sie Verständnis, dass da viele Ihrer Ex-Kollegen sauer wurden?
Sieber: Ich verstehe den persönlichen Ärger. Trotzdem ist nach unserer Auffassung genau das Richtige gemacht worden. Vertraglich bindende Zusagen wurden eingehalten. Die Summen, die vom wirtschaftlichen Ergebnis abhängig waren, wurden dagegen zurückgehalten, weil sie nicht mehr vertretbar waren. Grundsätzlich sollten Boni erst festgelegt werden, wenn das Ergebnis steht, und nicht schon dann, wenn noch nicht klar ist, ob einer Sparte Milliardenverluste drohen. Die Zusagen bei Dresdner Kleinwort wurden damals in einer spezifischen Situation gemacht, in der sie verständlich waren - und die wir hoffentlich nie mehr erleben werden.
Das Interview führte Anne Seith
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