Opel-Mutterkonzern
GM-Chef Henderson startet Charmeoffensive
AP
GM-Chef Fritz Henderson: Die Suche nach einem Opel-Chef hat bereits begonnen
General Motors schlägt konziliante Töne an. Konzernchef Henderson will Opel mehr Eigenständigkeit zugestehen und das Vertrauen der Mitarbeiter zurückgewinnen. Das Bewerberprofil für den künftigen Chef der GM-Tochter steht auch: deutschsprachige Führungskraft mit Abenteuerlust.
Rüsselsheim/Berlin - Lernt General Motors (GM) tatsächlich aus Fehlern? Sicher ist das noch lange nicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist am Dienstag gestiegen: Der US-Konzern will seiner Tochtergesellschaft Opel nach dem geplatzten Verkauf an
Magna offenbar mehr Eigenständigkeit zugestehen. Die Art, mit der in der Vergangenheit in Europa agiert worden sei, müsse überdacht werden, sagte der Vorstandsvorsitzende Fritz Henderson. Gleiches gelte auch für die USA. Allerdings will der Manager den deutschen Autobauer nicht ganz von der Leine lassen: "Das wird nicht bedeuten, dass Opel nicht mehr Teil von GM ist."
Die größere Unabhängigkeit von der Detroiter Zentrale - von Opel seit langem gewünscht - bedeutet nach Hendersons Worten aber auch, dass Opel und die Schwestermarke Vauxhall künftig für Entscheidungen stärker zur Verantwortung gezogen werden. Ob dies in der von der Arbeitnehmerseite geforderten Umgestaltung des Unternehmens in eine Aktiengesellschaft resultiert, ließ Henderson offen.
Ansatzpunkt für die dringend notwendige Restrukturierung ist laut Henderson der von Magna erarbeitete Plan, so dass man nicht am "Ground Zero" starten müsse. Dabei sieht er Eile geboten: Die Maßnahmen, die nötig seien, um Opel wieder erfolgreich zu machen, müssten nun schnell ergriffen werden.
Führungsperson mit Abenteuerlust gesucht
Was das für die Arbeitnehmer bedeutet, machte Henderson klar: Er bestätigte frühere Angaben, wonach bei GM in Europa rund 10.000 Stellen zur Disposition stünden. Details zu den Restrukturierungsplänen nannte der Manager allerdings nicht und verwies darauf, dass darüber derzeit mit den europäischen Arbeitnehmern verhandelt werde. "Solche Sachen sollten am Verhandlungstisch geklärt werden". Schließlich sei es eine der vorrangigen Aufgaben, das Vertrauen der Mitarbeiter zurückzuerlangen.
Eines steht immerhin fest:
An der Opel-Spitze wird es eine Übergangslösung geben. Die Sanierungsaufgabe wird zunächst
Nick Reilly übernehmen, der bislang für das internationale Geschäft von GM verantwortlich ist. Der Manager gilt als knallharter Sanierer, weil er unter anderem die koreanische GM-Tochter Daewoo auf neue Beine stellte und bei Vauxhall in Großbritannien die Schließung des Werkes am Stammsitz Luton durchsetzte. Reilly erklärte, seine vorrangige Aufgabe sei es nun, einen Restrukturierungsplan zu erarbeiten und das Tagesgeschäft am Laufen zu halten.
Reilly sei der "richtige Mann", erklärte Henderson. Allerdings habe GM bereits damit begonnen, außerhalb des Konzerns nach einer dauerhaften Lösung für den Opel-Chefposten zu suchen. Zum Zeithorizont erklärte er: "Das ist eher eine Frage von Monaten als von Wochen." Wichtig sei es, eine starke Führungsperson zu finden, die nicht nur die industrielle Expertise für diesen Posten habe, sondern auch eine Portion "Abenteuerlust" mitbringe und deutschsprachig sei.
Wirtschaftsforscher kritisieren mögliche Staatshilfe
Mehr Unabhängigkeit, ein neues Konzept, erfahrene Manager - das allein wird Opel nicht helfen. Deshalb bekräftige Henderson, dass rund drei Milliarden Euro eingesetzt werden müssten, um das Traditionsunternehmen zu sanieren. Woher das nötige Geld komme, sei in den Gesprächen mit Arbeitnehmern und europäischen Regierungen zu klären. Der Teil der noch ausstehenden deutschen Brückenfinanzierung in Höhe von 600 Millionen Euro, den GM bis Ende des Monats zurückzahlen muss, soll aus den USA kommen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dämpfte in ihrer Regierungserklärung
jedoch die Hoffnung auf allzu üppige Staatshilfen. GM müsse den Hauptanteil des Umbaus von Opel mit eigenen Mitteln bestreiten und sich bei seinen Sanierungsplänen um europäische Standorte ebenso kümmern wie um amerikanische. Opel-Betriebsratschef Klaus Franz hatte die Befürchtung geäußert, dass deutsche Werke
übermäßig von der Sanierung Opels betroffen sein könnten.
Wie hitzig die Debatte um mögliche Staatshilfen noch werden dürfte, deutete sich am Dienstag bereits an: Die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute
übten in einer Befragung durch das ARD-Magazin "Plusminus" scharfe Kritik. Der Chef des Münchner ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, sagte im Hinblick auf die Höhe der möglichen Staatsspritze: "120.000 Euro pro Opel-Arbeitsplatz sind drei Milliarden Euro. Dafür kann man die Firma auf der grünen Wiese neu erstellen."
böl/Dow Jones/AFP
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Um diese Standorte geht es: GM-Werke in Europa
OPEL-STANDORTE
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen
eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.
Das Stammwerk südwestlich von Frankfurt am Main ist das Herz der Adam Opel GmbH. Rund 750 Millionen Euro wurden 2002 in seine Modernisierung investiert. Die Beschäftigtenzahl liegt aktuell bei rund 15.500, davon sind etwa 5500 Mitarbeiter im internationalen Entwicklungszentrum angesiedelt, der Denkfabrik des Autobauers.
In Rüsselsheim läuft derzeit der Mittelklassewagen Insignia in den drei Versionen Limousine, Fließheck und Kombi vom Band. Im Durchschnitt werden täglich 720 Einheiten des neuen Zugpferds der Marke mit dem Blitz produziert. In der Anlaufphase befindet sich außerdem die Produktion des Insignia Sports Tour, von dem in Kürze pro Tag mehr als 80 Fahrzeuge in Rüsselsheim gebaut werden sollen.
Das 1962 eröffnete Werk, einst Produktionsstätte des Opel
Kadett, baut den Astra und den Kompakt-Van Zafira. Außerdem werden in
Bochum Achsen und Getriebe hergestellt. Insgesamt arbeiten an diesem Standort etwa 5300 Menschen. Pro Jahr laufen etwa 240.000 Autos vom Band.
In der Westpfalz stellt Opel Fahrzeugkomponenten
für Karosserie, Chassis und Innenraum her. Die Powertrain GmbH, ein
Gemeinschaftsunternehmen von Opel und Fiat, produziert dort Motoren.
Der Standort spielt eine wichtige Rolle im weltweiten
Fertigungsverbund von GM. Insgesamt sind dort 2360 Mitarbeiter im Komponentenwerk beschäftigt. Weitere 1130 Menschen fertigen Motoren an.
Opel-Autos werden außerdem in folgenden europäischen Werken
produziert: Antwerpen/Belgien (Astra), Gleiwitz/Polen (Agila, Astra Classic, Zafira), Ellesmere Port/England (Astra), Luton/England (Vivaro) und Zaragoza/Spanien (Corsa, Meriva, Combo).
DAS LANGE RINGEN UM OPEL
14. November 2008: Opel muss in Folge der Schieflage des Mutterkonzerns GM um die Unterstützung aus den USA fürchten und bittet als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll Opel stützen, nach Unternehmensangaben geht es um "etwas mehr als eine Milliarde Euro".
17. Februar 2009: Nach einem Rekordverlust arbeitet General Motors Pläne für einen Jobkahlschlag aus. Der ums Überleben kämpfende Opel-Mutterkonzern will 47.000 Stellen streichen - davon 26.000 außerhalb der USA, viele in Deutschland.
27. Februar: Opel sieht seine einzige Rettung darin, sich weitgehend von GM abzukoppeln. Das von der öffentlichen Hand benötigte Kapital eines neuen europäischen Unternehmens Opel/Vauxhall wird auf jetzt 3,3 Milliarden Euro beziffert.
2. März: Opel-Manager legen der Bundesregierung einen Rettungsplan vor.
31. März: Kanzlerin Merkel stellt Unterstützung in Aussicht, aber keinen direkten Staatseinstieg.
23. April: Fiat will Opel übernehmen - die Arbeitnehmer sprechen sich rasch dagegen aus.
28. April: Auch der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna meldet Interesse an und legt ein erstes Grobkonzept für Opel vor.
12. Mai: Es wird bekannt, dass auch der in Brüssel ansässige Finanzinvestor RHJ International ein Angebot prüft - damit gibt es nun drei Interessenten für Opel.
30. Mai: Die Grundsatzentscheidung für Magna fällt - in einer Nachtsitzung mit Bund, Ländern, GM und dem US-Finanzministerium. Damit ist der Weg frei für einen Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro an Opel sowie die zeitweilige Übernahme von Opel durch eine Treuhandgesellschaft (um den deutschen Autobauer vor den Folgen einer GM-Insolvenz zu schützen). Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg stellt sich als einziger Politiker mit einer Rücktrittsdrohung dagegen und plädiert notfalls für eine Opel-Insolvenz.
1. Juni: GM geht in die Insolvenz.
10. Juli: Steuermilliarden retten GM, der Konzern wird aus der Insolvenz entlassen. Nun mehrheitlich in Staatsbesitz, soll er wesentlich verkleinert überleben. Es fließen mehr als 50 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 36 Milliarden Euro) an Hilfsgeldern.
15. Juli: RHJ International stellt ein neues Übernahmeangebot vor. Die Bundesländer mit Opel-Standorten favorisieren Magna, weil der Zulieferer verspricht, weniger Stellen zu streichen.
19. August: Bund und Länder beschließen: Wenn GM sich für Magna entscheidet, wird Deutschland 4,5 Milliarden Euro an Kreditzusagen und Bürgschaften vorstrecken, ohne dass sich andere europäische Länder mit Standorten beteiligen müssen. GM wird unter Druck gesetzt, sich für Magna zu entscheiden.
25. August: Erneutes Opel-Spitzentreffen zwischen Bund, Ländern und GM in Berlin. Der US-Autokonzern prüft, seine Tochter selbst zu behalten.
2. September: RHJ International bessert sein Angebot erneut nach und fordert nun 600 Millionen Euro weniger Staatshilfen. Dennoch spricht sich die Bundesregierung erneut für Magna aus.
10. September: Der GM-Verwaltungsrat empfiehlt einen Verkauf von Opel an Magna.
14. September: Magna bestätigt, dass in Deutschland mehr als 4000 der rund 25.000 Stellen wegfallen werden. Aus Belgien, Großbritannien und Spanien gibt es Widerstand gegen Magna, weil deutsche Standorte bevorzugt würden. Die EU-Kommission kündigt eine "sehr sorgfältige" Prüfung der Milliardenbeihilfen an.
16. Oktober: EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes äußert schwere Bedenken gegen die 4,5 Milliarden Euro Staatsunterstützung. Die Hilfszusagen dürften nicht an einen Bieter gebunden werden - die Bundesregierung soll sich also keinen Kaufinteressenten aussuchen dürfen, der zum Beispiel deutsche Standorte schont.
3. November 2009: Der General-Motors-Verwaltungsrat stoppt nach monatelangem Verhandlungspoker überraschend den Verkauf seines deutschen Tochterunternehmens an den Autozulieferer Magna International und plant, selbst zu sanieren. Falls es keine Einigung mit den Beschäftigten gibt, schließt GM eine Opel-Insolvenz nicht aus.
4. November: Die Politik reagiert empört auf die Entscheidung von General Motors, die Tochtergesellschaft Opel zu behalten.
5. November: An allen deutschen Standorten machen die 25.000 Beschäftigten ihrer Wut über den US-Mutterkonzern Luft und legen zeitweise die Arbeit nieder. General Motors plant, nach Möglichkeit keine finanzielle Unterstützung des Staates für das deutsche Tochterunternehmen zu verlangen.
6. November: GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster verlässt den Konzern.
7. November: Nach dem geplatzten Opel-Deal stehen mögliche Staatshilfen für General Motors im Fokus.
9. November: Die EU-Kommission erwägt die Einberufung eines Ministertreffens zur Zukunft von Opel.
10. November: Der GM-Manager Nick Reilly wird übergangsweise Chef von Opel/Vauxhall. Opel-Chef Hans Demant bleibt Vorsitzender der Geschäftsleitung der deutschen GmbH.
11. November: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums braucht GM für die Sanierung des deutschen Autobauers Opel 3,3 Milliarden Euro.
13. November: General Motors will doch Staatshilfen zur Sanierung seiner Tochter Opel.
14. November: Der Opel-Mutterkonzern verlegt seine Europa-Zentrale bis Jahresende nach Rüsselsheim.
16. November: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gerät wegen seiner Ablehnung von Staatshilfen für Opel in die Kritik der Bundesländer.
19. November: Opel dementiert Bericht über einen Verzicht von GM auf Standortschließungen.
23. November: Nach heftigem Streit über die Zukunft von Opel wollen die betroffenen EU-Länder künftig gemeinsam mit dem Mutterkonzern General Motors verhandeln.
24. November: Reilly kündigt den Erhalt der Standorte Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern an.
25. November: Auch Eisenach ist gerettet. Die Opel-Beschäftigten in Deutschland trifft die Hauptlast des Stellenabbaus bei der Sanierung des Autobauers: Etwa 4500 bis 5400 Arbeitsplätze sollen gestrichen werden.
30. November: Der Autobauer Opel gehört wieder vollständig General Motors.
1. Dezember: General-Motors-Chef Fritz Henderson tritt nach acht Monaten im Amt zurück.
2. Dezember: Der als harter Sanierer bekannte GM-Verwaltungsratsvorsitzende Ed Whitacre übernimmt vorerst das Ruder beim US-Hersteller.
12. Dezember: Die GM-Europa-Zentrale zieht nicht nach Rüsselsheim um, sondern wird aufgelöst.
8. Januar 2010: Opel-Chef Hans Demant muss seinen Posten an der Spitze des Autobauers räumen.
15. Januar: Reilly übernimmt offiziell das Steuer bei Opel.
21. Januar: Das Opel-Werk in Antwerpen mit seinen 2400 Mitarbeitern wird noch 2010 geschlossen.
22. Januar: Der Opel-Betriebsrat ruft die europäischen Mitarbeiter zu Protesten gegen die angekündigte Werksschließung auf.
09. Februar: Opel-Konzernchef Reilly stellt den Sanierungsplan vor. Danach sollen in Europa 8300 Stellen wegfallen. Allein in Deutschland werden demnach 3911 Jobs gestrichen.