Geld für GM
Deutsche Industrie protestiert gegen Staatshilfen für Opel
ddp
Opel-Transport in Bochum: "Die Bundesregierung muss jetzt Ruhe bewahren"
Am Mittwoch spricht die GM-Spitze mit der Bundesregierung. Ein Thema des Treffens: Mögliche Staatshilfen für Opel. Die Geldspritze ist umstritten. Der Industrieverband DIHK warnt vor einer Sonderrolle für den Hersteller. Opel müsse bei der Vergabe behandelt werden wie jeder Mittelständler.
Berlin - Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat davor gewarnt,
General Motors (GM) bei der Sanierung der deutschen Tochter Opel nochmals einen Sonderstatuts zu gewähren. "Opel muss wie jedes andere Unternehmen und wie jede kleine oder mittelständische Firma behandelt werden", sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann der "Leipziger Volkszeitung". "Wenn Hilfen in Frage kommen, dann müssen sie nach den Kriterien des Deutschlandfonds vergeben werden."
Damit bringt sich die deutsche Industrie vor einem Treffen des GM-Managements und der Bundesregierung in Stellung. Erstmals soll am Mittwoch nach der geplatzten Opel-Übernahme durch Magna über die weiteren Schritte bei Opel verhandelt werden. Dabei geht es auch um mögliche Staatshilfen.
Driftmann forderte die Politik auf, die Pläne genau unter die Lupe zu nehmen, ob ein tragfähiges Geschäftsmodell vorliege. "Das muss sehr sorgfältig geprüft werden. Ich halte nichts davon, aus politischen, ökonomisch sachfremden Gründen für Opel eine Sonderrolle zu konstruieren. Das würde für die Politik abträglich sein. Bis jetzt hat vielleicht GM Vertrauen verspielt. In der Folge könnte aber auch die Politik Vertrauen verspielen. Und das sollte in jedem Falle vermieden werden", sagte Driftmann weiter.
Auch der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum, forderte von der Bundesregierung eine harte Haltung im Ringen um finanzielle Unterstützung für General Motors. "Die Bundesregierung muss jetzt Ruhe bewahren und darf GM nicht einen Cent Hilfe in Aussicht stellen", sagte er. Wenn das Sanierungskonzept von GM für Opel bestimmte Kernforderungen wie etwa die Umwandlung des deutschen Autobauers in eine Aktiengesellschaft nicht berücksichtige, sei eine Insolvenz von Opel sinnvoller als Finanzhilfen für GM. Eine Insolvenz berge "große Chancen", Opel könne dann neu durchstarten.
GM startet Charmeoffensive
In Berlin sollen am Mittwoch die Verhandlungen zwischen Bundesregierung und GM fortgesetzt werden. In der Hauptstadt wird GM-Vize John Smith erwartet. Details über die von GM geplanten Stellenstreichungen bei Opel in Deutschland wird Smith aber noch nicht auf den Tisch legen können. GM-Chef Fritz Henderson hatte am Dienstag in Rüsselsheim angekündigt, der Autobauer könne den europäischen Regierungen sein Konzept erst in einigen Wochen vorlegen. "Zuerst müssen wir uns mit den Betriebsräten auf einen Restrukturierungsplan einigen."
Seit dem Platzen der Opel-Übernahme durch Magna vergangene Woche wären es die ersten direkten Gespräche zwischen der Regierung und dem GM-Management. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte in ihrer Regierungserklärung am Dienstag klar gemacht, dass GM den Großteil der Sanierungskosten in Milliardenhöhe selbst bezahlen muss. Zugleich dämpfte sie die Hoffnung des US-Autobauers auf üppige Staatshilfen. Die Kanzlerin kritisierte GM für das Verhalten in den vergangenen Monaten scharf.
GM-Chef Fritz Henderson entschuldigte sich am Dienstagabend in Fernsehinterviews der ARD-"Tagesthemen" und des ZDF-"heute journals" für die Vorgehensweise in der vergangenen Woche, als GM überraschend den Opel-Verkauf an Magna absagte. Er zog auch die Drohung des Konzerns zurück, dass Opel vor der Insolvenz stehe, wenn die Beschäftigten nicht zu Zugeständnissen bereit seien. "Eine Insolvenz ist nicht notwendig und auch nicht wahrscheinlich", sagte Henderson in der ARD.
Magna setzt weiter auf Opel-Kooperation
Ungeachtet des gescheiterten Opel-Kaufs steht der österreichisch-kanadische Zulieferer Magna International
einem Zeitungsbericht zufolge weiter als industrieller Partner für den Rüsselsheimer Autobauer zur Verfügung. "Wir ziehen uns jetzt nicht in die Schmollecke zurück", zitierte die in Berlin erscheinende Tageszeitung "Die Welt" Unternehmenskreise. Auch wenn Opel Teil von GM bleibe, seien "verschiedene Ebenen der Partnerschaft denkbar". Unter anderem sei es möglich, bei der Entwicklung neuer Modelle zusammenzuarbeiten.
"Noch ist nichts beschlossen, aber es gibt entsprechende Signale von GM, dass man dafür aufgeschlossen ist", zitierte die "Welt" eine Person aus dem Umfeld von Magna. Ein Magna-Manager habe allerdings klargestellt, dass sich das Unternehmen als Zulieferer nicht am Autobauer Opel beteiligen werde: "Das wird es nicht geben, wir müssen unser Zuliefergeschäft und den Automobilbau strikt trennen, sonst verlieren wir wichtige Kunden."
Ungeachtet dessen fordern Magna und die russische Sberbank
einen Teil der Kosten für den Bieterprozess um Opel von GM zurück. "Im Verlauf der Verhandlungen entstanden Kosten, und es wurden Konzepte erarbeitet, die GM vielleicht nutzen will. Wir wollen über einen Beitrag dafür mit Detroit reden", hieß es demnach im Umfeld von Magna. Der Zulieferer gibt seine Kosten für den Bieterprozess mit einer Summe "unterhalb der Grenze von 50 Millionen Euro" an.
GM sucht nach neuer Europa-Führung
Seit Dienstag führt
GM-Manager Nick Reilly, der bei GM auch für das internationale Geschäft verantwortlich ist, das Europageschäft rund um Opel. Er soll die Marke mit dem Blitz als Nachfolger von Carl-Peter Forster aus der Krise führen, aber schon in einigen Monaten wieder abgelöst werden. GM hat die externe Suche nach einem neuen Opel-Chef um ein europäisches Führungsteam bereits begonnen. Dies könne einige Monate dauern, sagte Henderson. Ein geeigneter Kandidat für den Führungsposten müsse deutsch sprechen können, eine Herausforderung suchen und "einen Sinn für Abenteuer haben".
ore/ddp/AFP/dpa
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SPIEGEL ONLINE
Um diese Standorte geht es: GM-Werke in Europa
OPEL-STANDORTE
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen
eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.
Das Stammwerk südwestlich von Frankfurt am Main ist das Herz der Adam Opel GmbH. Rund 750 Millionen Euro wurden 2002 in seine Modernisierung investiert. Die Beschäftigtenzahl liegt aktuell bei rund 15.500, davon sind etwa 5500 Mitarbeiter im internationalen Entwicklungszentrum angesiedelt, der Denkfabrik des Autobauers.
In Rüsselsheim läuft derzeit der Mittelklassewagen Insignia in den drei Versionen Limousine, Fließheck und Kombi vom Band. Im Durchschnitt werden täglich 720 Einheiten des neuen Zugpferds der Marke mit dem Blitz produziert. In der Anlaufphase befindet sich außerdem die Produktion des Insignia Sports Tour, von dem in Kürze pro Tag mehr als 80 Fahrzeuge in Rüsselsheim gebaut werden sollen.
Das 1962 eröffnete Werk, einst Produktionsstätte des Opel
Kadett, baut den Astra und den Kompakt-Van Zafira. Außerdem werden in
Bochum Achsen und Getriebe hergestellt. Insgesamt arbeiten an diesem Standort etwa 5300 Menschen. Pro Jahr laufen etwa 240.000 Autos vom Band.
In der Westpfalz stellt Opel Fahrzeugkomponenten
für Karosserie, Chassis und Innenraum her. Die Powertrain GmbH, ein
Gemeinschaftsunternehmen von Opel und Fiat, produziert dort Motoren.
Der Standort spielt eine wichtige Rolle im weltweiten
Fertigungsverbund von GM. Insgesamt sind dort 2360 Mitarbeiter im Komponentenwerk beschäftigt. Weitere 1130 Menschen fertigen Motoren an.
Opel-Autos werden außerdem in folgenden europäischen Werken
produziert: Antwerpen/Belgien (Astra), Gleiwitz/Polen (Agila, Astra Classic, Zafira), Ellesmere Port/England (Astra), Luton/England (Vivaro) und Zaragoza/Spanien (Corsa, Meriva, Combo).
DAS LANGE RINGEN UM OPEL
14. November 2008: Opel beklagt infolge der Finanzkrise massive Verluste und bittet als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll Opel stützen, nach Unternehmensangaben geht es um "etwas mehr als eine Milliarde Euro".
17. Februar 2009: Auch General Motors leidet und plant einen Jobkahlschlag. Der ums Überleben kämpfende Opel-Mutterkonzern will 47.000 Stellen streichen - davon 26.000 außerhalb der USA, viele in Deutschland.
27. Februar: Opel beschließt, sich weitgehend von GM abkoppeln zu wollen. Das von der öffentlichen Hand benötigte Kapital eines neuen europäischen Unternehmens Opel/Vauxhall wird auf 3,3 Milliarden Euro beziffert.
2. März: Opel-Manager legen der Bundesregierung einen Rettungsplan vor.
31. März: Kanzlerin Merkel stellt Unterstützung in Aussicht, aber keinen direkten Staatseinstieg.
23. April: Fiat will Opel übernehmen - die Arbeitnehmer sprechen sich rasch dagegen aus.
28. April: Auch der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna meldet Interesse an und legt ein erstes Grobkonzept für Opel vor.
12. Mai: Es wird bekannt, dass auch der in Brüssel ansässige Finanzinvestor RHJ International ein Angebot prüft - damit gibt es nun drei Interessenten für Opel.
30. Mai: Die Grundsatzentscheidung für Magna fällt - in einer Nachtsitzung mit Bund, Ländern, GM und dem US-Finanzministerium. Damit ist der Weg frei für einen Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro an Opel sowie die zeitweilige Übernahme von Opel durch eine Treuhandgesellschaft (um den deutschen Autobauer vor den Folgen einer GM-Insolvenz zu schützen). Wirtschaftsminister Guttenberg stellt sich als einziger Politiker mit einer Rücktrittsdrohung dagegen und plädiert notfalls für eine Opel-Insolvenz.
1. Juni: GM geht in die Insolvenz.
10. Juli: Steuermilliarden retten GM, der Konzern wird aus der Insolvenz entlassen. Nun mehrheitlich in Staatsbesitz, soll er wesentlich verkleinert überleben. Es fließen mehr als 50 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 36 Milliarden Euro) an Hilfsgeldern.
15. Juli: RHJ International stellt ein neues Übernahmeangebot vor. Die Bundesländer mit Opel-Standorten favorisieren Magna, weil der Zulieferer verspricht, weniger Stellen zu streichen.
19. August: Bund und Länder beschließen: Wenn GM sich für Magna entscheidet, wird Deutschland 4,5 Milliarden Euro an Kreditzusagen und Bürgschaften vorstrecken, ohne dass sich andere europäische Länder mit Standorten beteiligen müssen. GM wird unter Druck gesetzt, sich für Magna zu entscheiden.
25. August: Erneutes Opel-Spitzentreffen zwischen Bund, Ländern und GM in Berlin. Der US-Autokonzern prüft, seine Tochter selbst zu behalten.
2. September: RHJ International bessert sein Angebot erneut nach fordert nun 600 Millionen Euro weniger Staatshilfen. Dennoch spricht sich die Bundesregierung erneut für Magna aus.
10. September: Der GM-Verwaltungsrat empfiehlt einen Verkauf von Opel an Magna.
14. September: Magna bestätigt, dass in Deutschland mehr als 4000 der rund 25.000 Stellen wegfallen werden. Aus Belgien, Großbritannien und Spanien gibt es Widerstand gegen Magna, weil deutsche Standorte bevorzugt würden. Die EU-Kommission kündigt eine "sehr sorgfältige" Prüfung der Milliardenbeihilfen an.
16. Oktober: EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes äußert schwere Bedenken gegen die 4,5 Milliarden Euro Staatsunterstützung. Die Hilfszusagen dürften nicht an einen Bieter gebunden werden - die Bundesregierung soll sich also keinen Kaufinteressenten aussuchen dürfen, der zum Beispiel deutsche Standorte schont.
3. November: Der GM-Verwaltungsrat beschließt, Opel doch zu behalten. Der Konzern will sein Europageschäft selbst sanieren, statt dies Magna und seinen staatlichen Unterstützern zu überlassen.
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