Von Anne Seith, Frankfurt am Main
So viel Ehrlichkeit ist selten: Es gebe zwar "Lichtblicke", mahnt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann seine Kollegen in Frankfurt, die in den vergangenen Wochen zumindest bei einigen Banken blendende Quartalsergebnisse feiern durften. Trotzdem müsse allen bewusst sein: "Die guten Zahlen spiegeln eine Sondersituation wider." Und die, so Ackermann, ist wohl bald wieder vorbei.
Vor ihm sitzen Hunderte Banker und Top-Fachleute, die zur Euro Finance Week nach Frankfurt gereist sind. Sie werden eine Woche lang über die Lehren aus der Finanzkrise diskutieren, über Risikomanagement und Regulierung. Die Stimmung ist verhalten. Denn natürlich wissen alle um die schwierige Situation. Sie wissen, dass die Banken aktuell vor allem von der Krise profitieren: Vom hohen Geldbedarf von Unternehmen und Staaten, der für einen Boom im Anleihegeschäft sorgt. Und dass dieser Boom irgendwann ein Ende hat. Dann werde sich zeigen, "wie sich die Banken nach einer Normalisierung schlagen werden", sagt Ackermann.
Und so ist schon am ersten Tag des traditionellen Branchentreffs die versammelte Hilflosigkeit beim Aufarbeiten der Krise zu spüren.
Da ist zunächst die Politik, die sich auch an diesem Montag berufen fühlt, öffentlichkeitstaugliche Warnungen auszusenden. Gleich zu Beginn ermahnt der neue Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) die Branche, mehr Kredite an den Mittelstand zu vergeben - und wiederholt bei dieser Gelegenheit noch mal forsch seine Forderung nach einem "Kreditmediator", der konkrete Probleme zwischen Firmen und Banken angehen soll. Die staatliche Förderbank KfW etwa könnte diese Rolle übernehmen. Noch eine Aufgabe also für das ohnehin schon stark belastete Institut.
Schelte von der Politik
Noch vor Brüderle darf der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CDU) die Branche schelten. Die Banken profitierten über Gebühr von staatlichen Stützungsmaßnahmen für die Märkte, empört er sich. Das normale Geschäft sei für die Institute derzeit geradezu langweilig. Durch das "Spiel im Casino" drohe "die Ruinierung des Rufs der Finanzindustrie, die eine zweite Rettung unmöglich machen würde", ruft Koch dem Publikum zu. Die Debatte um hohe Bonuszahlungen für Banker sei nur ein äußeres Zeichen dafür, sagt er. "Das ist ein Spannungsfeld, das man nicht überschätzen kann. Diese Debatte ist nur in Grenzen aushaltbar."
Tatsächlich schütten viele Geldkonzerne schon in diesem Jahr wieder satte Boni aus. Doch die wirklich schwindelerregenden Sonderzahlungen gebe es vor allem in Großbritannien und den USA, sagen mehrere Zuhörer in Frankfurt. Und was spreche dagegen, dort Geld zu verdienen, wo es derzeit eben geht?
Man kann nicht sagen, dass die Branche nichts gelernt hat. Nur mit den meisten Maßnahmen der Politik scheint sich kaum einer wirklich abfinden zu wollen. Die Industrie ringt um ihre Freiheiten, so manche Rede steht unter dem Motto: "Ja, aber."
Ja, es müsse etwas geschehen, um Kleinanleger besser vor riskanten Finanzprodukten zu schützen, sagt etwa DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch: Die Industrie müsse über eine Selbstverpflichtung nachdenken. 20-seitige Beratungsprotokolle seien aber "grotesk". Die Große Koalition hatte die Dokumentationspflicht bei Beratungsgesprächen nach der Finanzkrise erheblich verschärft. Kirsch sagt, die Branche müsse jetzt bei der von der neuen Regierungskoalition geplanten Stiftung für Finanzprodukte - eine Art Stiftung Warentest - rechtzeitig Stellung beziehen.
Ackermann fordert europäischen Notfall-Fonds
Auch Ackermann pflegt das "Ja, aber". Einerseits spricht er sich am Montag als erster Top-Banker für einen von Banken und Staaten gemeinsam finanzierten Fonds für notleidende Geldhäuser aus. Zwar werde der Staat in systemischen Bankenkrisen immer "der Aktionär der letzten Instanz" bleiben, jedoch müsse die Branche selbst einen Beitrag für einen fairen Lastenausgleich leisten, sagte Ackermann. Einen "Stabilitätsfonds" in Europa hatten die deutschen Wirtschaftsweisen zuletzt ins Gespräch gebracht.
Auch höhere Eigenkapitalregeln will der Chef von Deutschlands größtem Geldhaus akzeptieren, der gleichzeitig der internationalen Bankenvereinigung IIF vorsteht. Die Frage, wie stark und auf welche Weise die Geldinstitute ihre Risiken unterlegen müssen, ist derzeit eine der meistdiskutierten in der Branche.
Doch auch Ackermann streut Skepsis über die Rolle der Regierungen - und trägt dies eindringlich vor: Er fürchte die "Refragmentierung der Märkte", weil vor allem auf nationaler und regionaler Ebene strengere Regeln drohten. Global scheint die Regulierung der Finanzmärkte gewaltig zu stocken. Ackermanns Kommentar zu den internationalen Anstrengungen hört sich so auch an wie das Arbeitszeugnis für einen Mitarbeiter, in dem der Vorgesetzte durch die Blume dessen Unfähigkeit mitteilt. Es sei "anzuerkennen", dass die G-20-Staaten sich um ein koordiniertes Vorgehen "bemühen", sagt Ackermann.
Mit solchen Warnungen spricht er vielen Teilnehmern der Konferenz aus der Seele. Von den unterschiedlichen Ansätzen der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank im Krisenmanagement wird an diesem Tag gesprochen. Ein Banker empört sich in der Pause darüber, dass die USA bislang nicht einmal die schärferen Eigenkapitalvorschriften des Regelwerks "Basel II" umgesetzt hätten. "Ich würde mir einmal wünschen, dass sich da eine internationale Phalanx bildet", sagt er. Davon sei aber nichts zu sehen.
Auch Guido Ravoet, Generalsekretär des Europäischen Bankenverbands EBF erklärt, die "Aufsicht über die konkrete Umsetzung" der bisherigen G-20-Beschlüsse zu einer Herzensangelegenheit. In Pittsburgh hatten die Regierungschefs der 20 Staaten unter anderem strengere Regeln für Boni gefordert.
"Es dauert, bis die Lehren in die Praxis umgesetzt werden"
Das Problem der Banker sei derzeit, dass Reformen ihre Zeit brauchen, sagt Udo Steffens, Präsident der Frankfurt School of Finance & Management. "Es dauert, bis die Lehren aus der Krise in die Praxis umgesetzt werden." Das gelte vor allem auf internationaler Ebene.
Weil die Öffentlichkeit aber konkrete Ergebnisse erwartet, wird derweil auf nationaler Ebene schneller gehandelt. Mit zum Teil erschreckenden Ergebnissen - zumindest aus Sicht der Banker. US-Präsident Barack Obama strich kürzlich die Boni der Bank-Manager radikal zusammen, die auf Staatshilfe angewiesen sind. Besonders alarmierend aber ist für Ackermann und seine Kollegen: In mehreren Ländern wird schon die Zerschlagung von großen Banken diskutiert.
Auch diesem Thema widmet Deutschlands bekanntester Banker deshalb eindringliche Appelle. "Große Banken können am effizientesten die Bankdienstleistungen bereitstellen, die große, multinationale Unternehmen brauchen", sagt er. Wer sonst solle die gigantischen Kreditvolumina bereitstellen, die solche Konzerne brauchen?
Gleich nach seiner Rede rauscht Ackermann, umgeben von seiner Entourage, aus dem Saal. Keine zwei Stunden später ist er schon auf dem nächsten Podium zu sehen. Es geht darum, in dieser Woche die Botschaften der Finanzindustrie möglichst oft in die Öffentlichkeit zu tragen.
Die Branche muss sich in Stellung bringen. Denn bis die harten Zeiten vorbei sind, wird es noch lange dauern.
Mit Material von Reuters
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