Streit um Opel-Hilfen
Koch will GM kein Staatsgeld geben
DPA
Roland Koch: Der Ministerpräsident profilierte sich als Unterstützer der Opel-Arbeiter
Roland Koch schaltet auf stur: Der hessische Ministerpräsident sieht keinen Grund, dem Opel-Mutterkonzern General Motors Finanzhilfen zu geben. Was das für die deutschen Standorte bedeutet, ist unklar - denn andere Länder haben dem US-Konzern Hunderte Millionen Euro geboten.
Berlin - Die Absage ist eindeutig: "Das ist ein normales Unternehmen. Das wird ganz normal behandelt. Und ein Unternehmen, das genügend Liquidität hat, kriegt keine Liquiditätshilfen", sagte Koch am Montag. Er schloss sich damit Aussagen seines
Wirtschaftsministers in der vergangenen Woche an.
Deutschland werde sich nicht an einem Subventionswettstreit der Länder mit Opel-Standorten beteiligen, so Koch weiter. Die Bundesregierung hatte Opel während der Suche nach einem Investor insgesamt 1,5 Milliarden Euro Liquiditätshilfen zur Verfügung gestellt. Doch GM lehnte überraschend einen Verkauf ab und erklärte, man verfüge inzwischen wieder über genügend eigene Finanzierungsmöglichkeiten zur Rettung von Opel.
Allerdings will der US-Konzern für den Erhalt seiner europäischen Tochtergesellschaften Opel und Vauxhall offenbar doch rund drei Milliarden Euro an Staatshilfen. Um den Subventionswettlauf unter Ländern mit Opel- oder Vauxhall-Standorten zu stoppen, hat die EU-Kommission für Montag ein Gipfeltreffen mit GM-Europa-Chef Nick Reilly und den EU-Wirtschaftsministern einberufen.
Brüderle: Keine Beihilfen im Wettbewerb
Die gemeinsame Aussprache soll verhindern, dass GM hohe Hilfszusagen von einzelnen Regierungen einsammelt und im Gegenzug den Erhalt von Standorten in diesen Ländern verspricht. Denn nach EU-Recht darf die Vergabe von Beihilfen die notwendige Umstrukturierung eines Unternehmens nicht beeinflussen. Der von GM geplante Abbau von Überschusskapazitäten muss sich aus Sicht der EU-Kommission allein nach wirtschaftlichen Kriterien richten.
Nach SPIEGEL-Informationen hat Großbritannien dem US-Autobauer bereits Kreditbürgschaften in Höhe von mehr als 400 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Spanien bot demnach 300 bis 400 Millionen Euro an, und Polen versprach Steuererleichterungen. In Belgien liegen versprochene Subventionen von mehr als 500 Millionen Euro auf dem Tisch. EU-Industriekommissar Günther Verheugen, der zu dem Brüsseler Opel-Gipfel eingeladen hatte, sagte dem SPIEGEL, Staatshilfen seien ein Eingriff in den Wettbewerb und daher verboten. Entsprechend seien die möglichen Hilfszusagen einzelner Länder "alarmierend".
Auch in Deutschland sind staatliche Hilfen für GM höchst umstritten. Vor allem Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat sich als Gegner profiliert. Am Montag bekräftigte er erneut seine ablehnende Haltung: "Der Grundsatz ist, dass im Wettbewerb keine Beihilfen gezahlt werden", sagte er der ARD.
Bei Schließung von Opel-Werk droht Entlassungwelle
Dagegen forderte der Opel-Betriebsratschef in Bochum, Rainer Einenkel, die Bundesregierung auf, wie andere europäische Standortländer auch das Überleben des Autobauers mit Staatshilfen abzusichern. Im Radiosender NDR-Info kritisierte er Brüderle: "Ich finde die Position des Bundeswirtschaftsministers etwas eigenartig." Wenn GM die Voraussetzungen erfülle, müsse der Konzern die gleiche Chancen auf Staatsgelder haben, wie sie zuvor der Übernahmeninteressent Magna gehabt habe.
"Es geht nicht um einen Großkonzern, dem man helfen muss, sondern es geht um Tausende von Arbeitsplätzen", sagte Einenkel. Die anderen europäischen Staaten mit Opel-Standorten seien offenbar bereit, finanziell etwas zu tun, um Arbeitsplätze zu sichern. "Und das sollte eigentlich die deutsche Regierung auch tun", forderte er. Auch die EU betreibe eine "etwas merkwürdige Politik" in Sachen Opel-Staatshilfen.
Eine Studie des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) legt nahe, dass sich staatliche Hilfen für Opel trotz hoher Millionensummen lohnen könnten. Nach der Berechnung hätte allein eine Schließung des Opel-Werks in Eisenach Steuerausfälle von rund 382 Millionen Euro und eine bundesweite Entlassungswelle zur Folge.
Insgesamt würden rund 22.000 Menschen in Deutschland ihre Arbeit verlieren. Davon wären nicht nur die rund 1800 Opel-Mitarbeiter in Eisenach betroffen, sondern auch 2500 Arbeitsplätze im direkten Umfeld des Werks. Darüber hinaus seien durch eine Schließung weitere 2700 Arbeitsplätze in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sowie 15.000 im übrigen Bundesgebiet gefährdet.
Überkapazität von 400.000 Fahrzeugen
In den Bundesländern Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt würden nach Berechnungen des IWH rund 110 Millionen Euro pro Jahr an Steuereinnahmen wegfallen, die den Ländern und Gemeinden fehlen würden. Im Vergleich zu den eigenen Steuereinnahmen im Jahr 2008 seien das immerhin 1,7 Prozent weniger. Für das übrige Bundesgebiet würden sich nach der IWH-Kalkulation die Mindereinnahmen auf rund 272 Millionen Euro belaufen.
Trotz der Folgen für den Arbeitsmarkt hält der Autoexperte Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft einen Arbeitsplatzabbau bei Opel für unvermeidlich. "Es ist ganz klar, die Kapazität bei Opel muss abgebaut werden", sagte er im MDR. Opel habe im kommenden Jahr eine Überkapazität von etwa 400.000 Fahrzeugen. Keiner könne darauf spekulieren, dass alle Standorte erhalten blieben.
Bei einem Erhalt aller Jobs werde im kommenden Jahr schon wieder über Staatshilfen diskutiert. Zugleich kritisierte der Autoexperte die Politik. Er verstehe nicht, warum nicht abgewartet werde, welchen Sanierungsplan GM vorlege. Er habe den Eindruck, die Politik dränge sich in die Rolle des Retters, der versuche, die Restrukturierung von Opel mitzugestalten. Diese Rolle komme ihr aber nicht zu. "Was im Moment passiert, ist ein politisches Spektakel, das einfach nicht in die Zeit passt."
Die deutschen Opel-Standorte sind nach Ansicht des Autoexperten wettbewerbsfähig. Das gelte vor allem für Rüsselsheim, aber auch für Eisenach, das eines der modernsten Werke in Europa sei. Bochum sei etwas schwächer, und Kaiserslautern stehe von den deutschen Werken am ehesten auf dem Prüfstand.
böl/Reuters/AP/ddp/Dow Jones
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SPIEGEL ONLINE
Um diese Standorte geht es: GM-Werke in Europa
OPEL-STANDORTE
Das jüngste Opel-Werk wurde 1992 im westlichen Thüringen
eröffnet. Der Schwerpunkt der Produktion liegt auf dem kleinen Corsa. Insgesamt bietet der Autobauer in Eisenach rund 1800 Menschen Arbeit.
Das Stammwerk südwestlich von Frankfurt am Main ist das Herz der Adam Opel GmbH. Rund 750 Millionen Euro wurden 2002 in seine Modernisierung investiert. Die Beschäftigtenzahl liegt aktuell bei rund 15.500, davon sind etwa 5500 Mitarbeiter im internationalen Entwicklungszentrum angesiedelt, der Denkfabrik des Autobauers.
In Rüsselsheim läuft derzeit der Mittelklassewagen Insignia in den drei Versionen Limousine, Fließheck und Kombi vom Band. Im Durchschnitt werden täglich 720 Einheiten des neuen Zugpferds der Marke mit dem Blitz produziert. In der Anlaufphase befindet sich außerdem die Produktion des Insignia Sports Tour, von dem in Kürze pro Tag mehr als 80 Fahrzeuge in Rüsselsheim gebaut werden sollen.
Das 1962 eröffnete Werk, einst Produktionsstätte des Opel
Kadett, baut den Astra und den Kompakt-Van Zafira. Außerdem werden in
Bochum Achsen und Getriebe hergestellt. Insgesamt arbeiten an diesem Standort etwa 5300 Menschen. Pro Jahr laufen etwa 240.000 Autos vom Band.
In der Westpfalz stellt Opel Fahrzeugkomponenten
für Karosserie, Chassis und Innenraum her. Die Powertrain GmbH, ein
Gemeinschaftsunternehmen von Opel und Fiat, produziert dort Motoren.
Der Standort spielt eine wichtige Rolle im weltweiten
Fertigungsverbund von GM. Insgesamt sind dort 2360 Mitarbeiter im Komponentenwerk beschäftigt. Weitere 1130 Menschen fertigen Motoren an.
Opel-Autos werden außerdem in folgenden europäischen Werken
produziert: Antwerpen/Belgien (Astra), Gleiwitz/Polen (Agila, Astra Classic, Zafira), Ellesmere Port/England (Astra), Luton/England (Vivaro) und Zaragoza/Spanien (Corsa, Meriva, Combo).
DAS LANGE RINGEN UM OPEL
14. November 2008: Opel muss in Folge der Schieflage des Mutterkonzerns GM um die Unterstützung aus den USA fürchten und bittet als erster deutscher Autohersteller den Staat um Hilfe. Eine Bürgschaft von Bund und Ländern soll Opel stützen, nach Unternehmensangaben geht es um "etwas mehr als eine Milliarde Euro".
17. Februar 2009: Nach einem Rekordverlust arbeitet General Motors Pläne für einen Jobkahlschlag aus. Der ums Überleben kämpfende Opel-Mutterkonzern will 47.000 Stellen streichen - davon 26.000 außerhalb der USA, viele in Deutschland.
27. Februar: Opel sieht seine einzige Rettung darin, sich weitgehend von GM abzukoppeln. Das von der öffentlichen Hand benötigte Kapital eines neuen europäischen Unternehmens Opel/Vauxhall wird auf jetzt 3,3 Milliarden Euro beziffert.
2. März: Opel-Manager legen der Bundesregierung einen Rettungsplan vor.
31. März: Kanzlerin Merkel stellt Unterstützung in Aussicht, aber keinen direkten Staatseinstieg.
23. April: Fiat will Opel übernehmen - die Arbeitnehmer sprechen sich rasch dagegen aus.
28. April: Auch der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna meldet Interesse an und legt ein erstes Grobkonzept für Opel vor.
12. Mai: Es wird bekannt, dass auch der in Brüssel ansässige Finanzinvestor RHJ International ein Angebot prüft - damit gibt es nun drei Interessenten für Opel.
30. Mai: Die Grundsatzentscheidung für Magna fällt - in einer Nachtsitzung mit Bund, Ländern, GM und dem US-Finanzministerium. Damit ist der Weg frei für einen Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro an Opel sowie die zeitweilige Übernahme von Opel durch eine Treuhandgesellschaft (um den deutschen Autobauer vor den Folgen einer GM-Insolvenz zu schützen). Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg stellt sich als einziger Politiker mit einer Rücktrittsdrohung dagegen und plädiert notfalls für eine Opel-Insolvenz.
1. Juni: GM geht in die Insolvenz.
10. Juli: Steuermilliarden retten GM, der Konzern wird aus der Insolvenz entlassen. Nun mehrheitlich in Staatsbesitz, soll er wesentlich verkleinert überleben. Es fließen mehr als 50 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 36 Milliarden Euro) an Hilfsgeldern.
15. Juli: RHJ International stellt ein neues Übernahmeangebot vor. Die Bundesländer mit Opel-Standorten favorisieren Magna, weil der Zulieferer verspricht, weniger Stellen zu streichen.
19. August: Bund und Länder beschließen: Wenn GM sich für Magna entscheidet, wird Deutschland 4,5 Milliarden Euro an Kreditzusagen und Bürgschaften vorstrecken, ohne dass sich andere europäische Länder mit Standorten beteiligen müssen. GM wird unter Druck gesetzt, sich für Magna zu entscheiden.
25. August: Erneutes Opel-Spitzentreffen zwischen Bund, Ländern und GM in Berlin. Der US-Autokonzern prüft, seine Tochter selbst zu behalten.
2. September: RHJ International bessert sein Angebot erneut nach und fordert nun 600 Millionen Euro weniger Staatshilfen. Dennoch spricht sich die Bundesregierung erneut für Magna aus.
10. September: Der GM-Verwaltungsrat empfiehlt einen Verkauf von Opel an Magna.
14. September: Magna bestätigt, dass in Deutschland mehr als 4000 der rund 25.000 Stellen wegfallen werden. Aus Belgien, Großbritannien und Spanien gibt es Widerstand gegen Magna, weil deutsche Standorte bevorzugt würden. Die EU-Kommission kündigt eine "sehr sorgfältige" Prüfung der Milliardenbeihilfen an.
16. Oktober: EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes äußert schwere Bedenken gegen die 4,5 Milliarden Euro Staatsunterstützung. Die Hilfszusagen dürften nicht an einen Bieter gebunden werden - die Bundesregierung soll sich also keinen Kaufinteressenten aussuchen dürfen, der zum Beispiel deutsche Standorte schont.
3. November 2009: Der General-Motors-Verwaltungsrat stoppt nach monatelangem Verhandlungspoker überraschend den Verkauf seines deutschen Tochterunternehmens an den Autozulieferer Magna International und plant, selbst zu sanieren. Falls es keine Einigung mit den Beschäftigten gibt, schließt GM eine Opel-Insolvenz nicht aus.
4. November: Die Politik reagiert empört auf die Entscheidung von General Motors, die Tochtergesellschaft Opel zu behalten.
5. November: An allen deutschen Standorten machen die 25.000 Beschäftigten ihrer Wut über den US-Mutterkonzern Luft und legen zeitweise die Arbeit nieder. General Motors plant, nach Möglichkeit keine finanzielle Unterstützung des Staates für das deutsche Tochterunternehmen zu verlangen.
6. November: GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster verlässt den Konzern.
7. November: Nach dem geplatzten Opel-Deal stehen mögliche Staatshilfen für General Motors im Fokus.
9. November: Die EU-Kommission erwägt die Einberufung eines Ministertreffens zur Zukunft von Opel.
10. November: Der GM-Manager Nick Reilly wird übergangsweise Chef von Opel/Vauxhall. Opel-Chef Hans Demant bleibt Vorsitzender der Geschäftsleitung der deutschen GmbH.
11. November: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums braucht GM für die Sanierung des deutschen Autobauers Opel 3,3 Milliarden Euro.
13. November: General Motors will doch Staatshilfen zur Sanierung seiner Tochter Opel.
14. November: Der Opel-Mutterkonzern verlegt seine Europa-Zentrale bis Jahresende nach Rüsselsheim.
16. November: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gerät wegen seiner Ablehnung von Staatshilfen für Opel in die Kritik der Bundesländer.
19. November: Opel dementiert Bericht über einen Verzicht von GM auf Standortschließungen.
23. November: Nach heftigem Streit über die Zukunft von Opel wollen die betroffenen EU-Länder künftig gemeinsam mit dem Mutterkonzern General Motors verhandeln.
24. November: Reilly kündigt den Erhalt der Standorte Rüsselsheim, Bochum und Kaiserslautern an.
25. November: Auch Eisenach ist gerettet. Die Opel-Beschäftigten in Deutschland trifft die Hauptlast des Stellenabbaus bei der Sanierung des Autobauers: Etwa 4500 bis 5400 Arbeitsplätze sollen gestrichen werden.
30. November: Der Autobauer Opel gehört wieder vollständig General Motors.
1. Dezember: General-Motors-Chef Fritz Henderson tritt nach acht Monaten im Amt zurück.
2. Dezember: Der als harter Sanierer bekannte GM-Verwaltungsratsvorsitzende Ed Whitacre übernimmt vorerst das Ruder beim US-Hersteller.
12. Dezember: Die GM-Europa-Zentrale zieht nicht nach Rüsselsheim um, sondern wird aufgelöst.
8. Januar 2010: Opel-Chef Hans Demant muss seinen Posten an der Spitze des Autobauers räumen.
15. Januar: Reilly übernimmt offiziell das Steuer bei Opel.
21. Januar: Das Opel-Werk in Antwerpen mit seinen 2400 Mitarbeitern wird noch 2010 geschlossen.
22. Januar: Der Opel-Betriebsrat ruft die europäischen Mitarbeiter zu Protesten gegen die angekündigte Werksschließung auf.
09. Februar: Opel-Konzernchef Reilly stellt den Sanierungsplan vor. Danach sollen in Europa 8300 Stellen wegfallen. Allein in Deutschland werden demnach 3911 Jobs gestrichen.
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