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28.12.2009
 

Jahrzehnt der Schnäppchenjagd

Geiz war geil

Von Ole Reißmann

Sparen, sparen, sparen: In den 2000ern haben Discounter die Kaufgewohnheiten revolutioniert. Doch der Preisverfall hat seinen Preis: Wir verzichten auf Service - und lassen uns immer neue Gebühren aufdrücken.


Ikea hat es vorgemacht: Den Bausatz fürs Billy-Regal wuchten Kunden sich selber aus dem Regallager. Sie schieben ihn zur Kasse und ziehen ihn dort an Kassen-Scanner vorbei. Dann zahlen sie an einem Karten-Terminal, fahren nach Hause und stecken ihr Regal in Eigenregie zusammen. Die Kunden erledigen alles im Alleingang, nicht ein einziger Ikea-Mitarbeiter ist für den Vorgang des Einkaufens mehr nötig.

So weit ist es gekommen. Noch den letzten Handgriff übernehmen die Kunden selbst - und fühlen sich sogar gut dabei. Schließlich wurden sie in den vergangenen zehn Jahren konsequent auf billig trainiert. Es war das Jahrzehnt der Schnäppchen, Dauertiefstpreise und Sonderangebote. Das Jahrzehnt, in dem Geiz plötzlich "geil" wurde, wie es der Elektrodiscounter Saturn mit seiner Werbung den Rabattjägern ab 2003 in die Köpfe hämmerte.

Anpacken und Sparen war in diesem Jahrzehnt nicht länger nur die Überlebensstrategie der Armen. Geizen wurde zum Volkssport, getreu dem Motto der Media-Markt-Werbung: "Ich bin doch nicht blöd". Doch zahlen die Kunden am Ende wirklich weniger als früher?

Tatsächlich führten Unternehmen in den 2000ern immer neue Gebühren für ehemals selbstverständliche Leistungen ein. Es war das Jahrzehnt, in dem der Chef einer Billig-Airline ernsthaft darüber nachdachte, seine Passagiere nur noch gegen Gebühr auf die Bordtoilette zu lassen.

Jeden Tag ein neuer Discounter

Der Aufschrei blieb aus, weil der innovative Preisaufschlag nur die konsequente Entwicklung einer allgemein akzeptierten Haltung ist. "No frills", kein Schnickschnack, heißt das Mantra. Wenn sie auch nur das Gefühl haben, ein paar Euro zu sparen zu können, nehmen die Kunden willig Strapazen in Kauf.

Im Internet fahnden sie nach dem Online-Shop mit dem niedrigsten Preis, sparen ein paar Euro und laufen Tage später mit einem Abholzettel des Paketdienstes zur nächstgelegenen Abholstation, um dort 20 Minuten in der Schlange zu stehen. Währenddessen macht das Fachgeschäft gegenüber für immer dicht.

Nur nicht zuviel ausgeben, auch nicht für Lebensmittel. Die Deutschen zahlen im europäischen Vergleich Spottpreise für ihre Nahrung. Discounter wie Lidl, Penny und Aldi helfen ihnen dabei. Die fünf größten Handelsunternehmen machen 75 Prozent des Lebensmittelumsatzes. Sie liefern sich einen erbitterten Preiskampf - und eröffnen laufend neue Filialen.

Rein rechnerisch hat in den vergangenen zehn Jahren an jedem Werktag irgendwo in der Republik ein neuer Discounter eröffnet. Die Branche, deren Öffentlichkeitsarbeit gegen Null tendiert, bringt es laut den Analysten von Planet Retail auf knapp 16.000 Billig-Supermärkte in Deutschland. Die Tiefstpreise haben Folgen: Beschäftigte klagen über niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen, noch dazu wurden etliche von Vorgesetzten und Privatdetektiven schikaniert - wie im Fall Lidl.

Ketten überschwemmen die Innenstädte

Den Kunden scheint das egal zu sein. Sie wollen alles, aber günstig, und die Discounter geben es ihnen. Ohne Rücksicht auf die Preis-Schmerzgrenze der Produzenten, die gegen die Marktmacht der großen fünf Handelsunternehmen, auf die 75 Prozent des Lebensmittelumsatzes entfallen, wenig ausrichten können. Während die Preise weiter nach unten purzelten, zogen in den 2000er Jahren wütende Bauern durch die Straßen und protestierten für faire Milchpreise.

Dabei betrifft die Macht der Discounter nicht nur Kunden und Produzenten. Das Billig-Jahrzehnt mit seinen Preisverrückten Shoppern hat auch die Innenstädte verändert. In den Einkaufsstraßen bietet sich allerorten das gleiche Bild: Dort ist H&M, hier ein McDonald's, da ein Billig-Bäcker. Die Uniformität der Innenstädte ist der Preis für das Preisbewusstsein der Verbraucher.

McDonald's verkauft Burger für einen Euro, 300 neue Bratstationen sind seit dem Jahr 2000 dazugekommen. H&M hat im vergangenen Jahrzehnt 158 neue Geschäfte aufgemacht, ein Top kostet hier knapp sechs Euro. Noch billiger geht es beim Textil-Discounter Kik. 1900 neue Läden haben in den 2000ern eröffnet, zunächst vor allem in günstigen Randlagen. Doch mittlerweile drängt die Billig-Kette auch in die City. Ebenso wie Back-Discounter, in denen Hilfskräfte vorgefertigte Teigrohlinge erwärmen, die sich die Kunden dann selber aus den Regalen holen und zur Kasse tragen.

Einkaufszentren ersetzen Warenhäuser

Die Verbraucher machen bereitwillig mit. Die Deutschen stürmen die Discounter und lassen ihr Geld in den immer gleichen Filialen. So knüpfen die erfolgreichen Handelsketten ein immer engeres Filialnetz. Ihre gestylten und betriebswirtschaftlich durchoptimierten Shops verdrängen den lokalen Einzelhandel. Das ist der Markt. Weil sie so groß sind, können sie ihre Kunden mit kaum schlagbaren Angeboten locken und großflächige Werbekampagnen schalten.

Nicht nur große Handelsketten verändern die Städte, auch immer neue Einkaufszentren entstehen. Wie in Braunschweig, wo das historische Stadtschloss als Shopping-Center wiedererrichtet wurde. Dahinter steckt, wie so oft, die Hamburger Firma ECE, die etwa jedes fünfte Center in Deutschland betreibt. In den vergangenen zehn Jahren hat ECE die Zahl ihrer Einkaufszentren von 60 auf 118 nahezu verdoppelt. Hinter der Fassade des historischen Stadtschlosses aus dem 18. Jahrhundert trifft man die alten Bekannten: Seit der Eröffnung 2007 kann man bei Saturn, Thalia, H&M und Co. shoppen. Ob mit oder ohne Mall: Die Städte verketten.

Schnäppchen-Run mit Lebensgefahr

Der traurige Höhepunkt des Schnäppchen-Jahrzehnts war schließlich eine Nacht im September 2007. In Berlin lockte ein neuer Media Markt mit aggressiven Angeboten zur mitternächtlichen Eröffnung. Tausende stürmten das Geschäft im Alexa-Einkaufszentrum, Scheiben barsten, es gab Verletzte. Die Polizei karrte eilig weitere Einsatzkräfte herbei und schloss den Laden, um Todesfälle zu verhindern.

So erfolgreich sind die Abverkaufsflächen, dass sich innerhalb von zehn Jahren die Zahl der Saturn- und Media-Märkte in Deutschland auf 375 Geschäfte mehr als verdoppelt hat. Auch in Berlin gab es vor dem lebensgefährlichen Run auf den Media Markt bereits mehr als ein Dutzend Filialen der Elektrokette - trotzdem kamen zur Neueröffnung im Alexa-Zentrum Tausende. Rund eine Stunde nach Eröffnung des Media-Markts waren hundert Beamte im Einsatz, Rettungswagen reihten sich vor dem Eingang. Die Bilanz des ersten Tages: 15 Verletzte.

Und mehr als 90.000 verkaufte Artikel.

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Die neuesten Beiträge:
20.01.2010 von rabenkrähe: Selbstproduziert

.... Wobei diese Massenware meist von erstaunlicher Qualität ist. Und wer bei einem Discounter einkauft, kann fast sicher sein, einwandfreie, frische Ware zu bekommen. Den Anbietern bleibt doch gar nichts anderes, wer [...] mehr...

20.01.2010 von AndiEh: wirklich neues Phänomen?

[QUOTE=Kira_meint;4861523 Also…. In den 80er/90er Jahren hätte uns das niemand so ins Gesicht sagen dürfen. Ist das der neue "Witzewert"?? Wieso werden solche „Botschaften“ überhaupt akzeptiert??? [/QUOTE] Wirklich? [...] mehr...

19.01.2010 von Kira_meint: "Geiz ist geil" ist KEIN Markenzeichen!

.... aber eine hervorragende Werbekampagne hat es den deutschen Verbrauchern erfolgreich suggeriert. Ob das nun als dummes Käuferverhalten gesehen werden kann oder als wirtschaftliche Notwendigkeit, liegt dann wohl doch eher an [...] mehr...

01.01.2010 von gsm900: Parken bein Discounter ist noch immer Kostenlos

EC Kartengebühr wird im Gegensatz zu früheren Tankstellenunsitte auch nicht erhoben. mehr...

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