Wirtschaft



ThemaDiscounterRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.12.2009
 

Stopp für Stadtrand-Shopping

Zurück ins Zentrum

Von Friederike Ott

Konsument im Oberhausener Centro: Gigantischer Palast aus Glas und rotem BacksteinZur Großansicht
dpa

Konsument im Oberhausener Centro: Gigantischer Palast aus Glas und rotem Backstein

Leere Geschäfte, zugeklebte Schaufenster, verlassene Innenstädte - Discounter und Handelsriesen locken Menschen zum Einkaufen in Randgebiete und ruinieren die Konkurrenz im Zentrum. Diese schöpft nun Hoffnung durch ein neues Urteil: Bekommen die Stadtflüchtigen ab sofort die Grenzen aufgezeigt?

Berlin - Das Zentrum von Oberhausen wirkt trist und ausgestorben. Wo früher Geschäfte aller Art waren, prägen heute Ein-Euro-Läden und Discounter das Stadtbild. Viele Geschäfte stehen leer, die Innenstadt wirkt ausgeblutet.

Ein paar Kilometer entfernt befindet sich der Stadtteil "Neue Mitte". Der Name ist bezeichnend, denn er beschreibt, wo das Leben nun tatsächlich spielt in Oberhausen: Vor 13 Jahren hat dort das Centro aufgemacht, Europas größtes Shopping- und Einkaufszentrum, wie es sich selbst nennt. Ein hell angestrahlter, gigantischer Palast aus Glas und rotem Backstein mit 200 Geschäften, Kinos, Restaurants und Ausstellungen.

Oberhausen ist ein Beispiel dafür, wie einst belebte Innenstädte nach und nach die Besucher verlieren, weil anderswo große Shoppingpaläste eröffnen. Geschäfte stehen leer, Schaufenster sind zugeklebt. Deshalb hat die Bundesregierung im Jahre 2004 das Baugesetzbuch geändert. Es schreibt nun vor, dass Bauvorhaben "keine schädlichen Auswirkungen auf zentrale Versorgungsbereiche" haben dürfen.

An die Vorschriften hielten sich die Discounter nicht

Konkret heißt das: Große Einzelhandelsunternehmen dürfen sich nur noch innerhalb von bestehenden Zentren niederlassen. Das soll verhindern, dass die Menschen sich aus den Gebieten zurückziehen und nur noch beim Discounter einkaufen.

Soweit das Gesetz.

Doch an die Vorschriften hielten sich die Discounter bislang oft nicht. So gerieten etwa die Stadt München und der Handelsriese Aldi wegen eines neuen Supermarkts aneinander, auch in Köln stritt sich die Stadt mit einem Bauträger für einen Supermarkt. Beide Städte wollten die Großmärkte in Randlagen der Stadt nicht akzeptieren - was zu Protest der Betreiber führte. Die wehrten sich mit dem Argument, die zentrale Versorgung in den Innenstädten werde durch ihre Märkte nicht gefährdet.

Doch genau das tun sie, hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig jetzt zum ersten Mal in einer Grundsatzentscheidung klargemacht - und das Verbot in Köln bestätigt. Über die Aldi-Klage in München muss der Bayerische Verwaltungsgerichtshof neu entscheiden (Aktenzeichen 4 C 1.08 und 2. 08).

Was die Supermarkt-Betreiber ärgern dürfte, freut die Kämpfer für eine belebte Innenstadt: "Das ist eine dankenswerte Klarstellung des Baugesetzbuches", sagt Bernd Streitberger, Baudezernent der Stadt Köln, über das Urteil. "Es macht deutlich, dass durchaus Gefahren von nicht integrierten Standorten ausgehen können. Der Wildwuchs bei den Discountern wird endlich beschnitten."

Verhindern, dass Stadtzentren ausbluten

Der Fall in Köln sei ganz klar gewesen. Der Discounter hätte am Rand der Stadt an einer Hauptverkehrsstraße gelegen. In der Innenstadt selbst würde es nur zwei Supermärkte geben, die nicht die perfekten Bedingungen hätten. "Aber es geht hier auch nicht um Konkurrentenschutz", fügt Streitberger hinzu, "es geht darum die Strukturen in den Städten zu schützen."

Deshalb ist das Leipziger Urteil zum Fall in Köln in den Augen Dominik Geyer, Stadtplaner bei der Dr. Jansen GmbH in Köln, bemerkenswert. "Es stand eindeutig der Schutz eines Nahversorgungsstandortes bei der Entscheidung im Mittelpunkt."

Denn die neue Rechtssprechung soll nun verhindern, dass Stadtzentren ausbluten. "Der Einzelhandel ist das konstituierende Element für eine Versorgungslage", sagt Stadtplaner Geyer, "wenn der Handel wegbricht, dann stirbt auch das Ortszentrum." Aufgrund des demografischen Wandels sei das Zentrum aber wichtig, denn besonders ältere Menschen können oft nicht mehr Auto fahren oder lange Strecken laufen. Es sei ein Stück Lebensqualität, wenn sie die Geschäfte fußläufig erreichen könnten. "Das Urteil ist ein Durchbruch. Andere Urteile werden sich daran orientieren."

"Es gibt ein Hauen und Stechen in der Szene"

Handelskonzerne wie Rewe haben bereits auf die Situation in den Städten reagiert und wollen mit kleineren "City-Märkten" stärker auf die Bedürfnisse der Innenstadtbewohner eingehen. Im April dieses Jahres stellten sie 170 Märkte auf das neue Konzept um. Diese haben bis 22 Uhr geöffnet. "Vielleicht bewegt das auch die Discounter dazu, ihre Strategie zu überdenken und sich in die zentralen Versorgungsbereiche zu integrieren", hofft Stadtplaner Geyer.

Bereits existierende Discounter müssen sich aufgrund des Urteils jedoch keine Gedanken machen. Sie genießen Bestandschutz, egal wie groß sie sind. Doch alles, was neu gebaut wird, kommt nun auf den Prüfstand. "Es ist ein Hauen und Stechen in der Szene", erzählt Geyer. Oft werde mit Gutachten gearbeitet, die nachweisen sollen, dass der Bau keine schädlichen Auswirkungen hat. Für diese gibt es aber keine gesetzlich normierten Regeln. Das lässt viel Raum für verschiedenste Begründungen.

In München etwa ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Das Bundesverwaltungsgericht gab zwar im Tenor der Stadt Recht, verwies den Rechtstreit aber erneut an den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, der schon zuvor schädliche Auswirkungen des Discounters bestritten hatte.

Für Köln war das Urteil eindeutiger zu fällen. In Nordrhein-Westfalen sind die Städte und Gemeinden durch den Einzelhandelserlass dazu angehalten, sogenannte zentrale Versorgungsbereiche räumlich genau abzugrenzen. In vielen anderen Bundesländern aber steht nicht fest, ob der Discounter nun im Zentrum liegt oder schon außerhalb. "Hoffentlich ist das Land ein Vorbild für andere Länder, die Gebiete auch abzugrenzen", hofft Geyer.

Für die Oberhausener dürfte das wenig Trost sein. Denn das Centro genießt ebenfalls Bestandschutz.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 141 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
01.02.2010 von belmot: Denkmal - nach

Hi, ich denke, dass der Denkmalschutz in Städten und Dörfern, gerade in den Zentren, eine Modernisierung verhindert. Einstöckige Aldi-Läden dürfen nämlich gar nicht in den Zentren gebaut werden und die Einkaufsflächen nebst [...] mehr...

20.01.2010 von ernstf: ach soooo!

wieso sind die Innenstädte überfüllt? da will doch keiner freiwillig einkaufen, denke ich? Touristen? Andererseits muss man immer im Einzelfall sehen, was für eine Kommune gut ist. Dafür kann dann jeder bei der nächsten [...] mehr...

21.12.2009 von Paul Panda: Je nachdem

Es kommt doch auch darauf an, was man überhaupt möchte: Wenn ich Lust auf - und Zeit für einen nicht zwingend notwendigen Einkaufsbummel habe (für jüngere Leser: So hieß "Shopping" früher) und gemütlich durch kleine [...] mehr...

21.12.2009 von gabriele0: Bald noch USA als Vorbild?

Ich wohne in Silicon Valley, und im Gegensatz zu dem was man ueber USA sonst so denkt, kann ich alles zu Fuss/Bus/Fahrrad und Vorortzug machen. Ich finde das super, und viele Amerikaner auch, diese Wohnform wird immer beliebter, [...] mehr...

20.12.2009 von Pirx: Stand der Technik

War ein ganz doller Fortschritt, das Auto. Hat einen aber richtig abhängig gemacht, dabei schauen Sie mal an sich runter: Da sind Beine mit Füßen dran und sinnigerweise reichen die bei manchen Menschen bis zum Boden, links und [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
alles zum Thema Discounter

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP