Köln - "Es besteht ein hohes Risiko für deutsche Unternehmen, Opfer eines Spionageangriffs zu werden": Diese Warnung spricht nicht irgendwer aus, sondern Burkard Even, der Abteilungsleiter für Spionageabwehr und Geheimschutz beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Nach Ansicht des deutschen Inlandsgeheimdienstes sollten sich die Firmen stärker vor Attacken ausländischer Nachrichtendienste schützen.
In diesem Jahr waren die Ausspähattacken von chinesischer und russischer Seite "eine echte und konkrete Bedrohung", sagte Even. Dabei könne ein Spionageangriff gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise gravierende Auswirkungen auf die Lage eines Unternehmens haben.
Der Verfassungsschutz habe zwar keine neuen Methoden oder besonderen Techniken im auslaufenden Jahr ausmachen können, dennoch gehe man davon aus, dass auch 2010 deutsche Firmen in das Visier der ausländischen Dienste gerieten.
Besonders mittelständische Betriebe mit innovativen Produkten seien betroffen. "Gefährdet sind vor allem solche Branchen, in denen deutsche Unternehmen Weltmarktführer sind", sagen Verfassungsschützer. Dies gelte beispielsweise für Betriebe aus der Autozulieferindustrie, aus dem Bereich Telekommunikation, aber gerade auch für Rüstungsbetriebe. Um an sensibles Material, Baupläne und Geschäftsstrategien solcher Unternehmen zu gelangen, setzten ausländische Dienste auf Spione und auf elektronische Angriffe etwa per E-Mail.
30.000 potentielle Laienspione
Nach Auffassung des Verfassungsschutzes handeln vor allem die chinesischen Geheimdienste systematisch und mit einem festen Ziel: Bis zum Jahr 2020 wolle die Volksrepublik den technischen Vorsprung des Westens aufholen. Offenbar heuern die chinesischen Geheimdienste gerne Fachleute, Wissenschaftler, Werksstudenten oder Facharbeiter an, die sich in Deutschland aufhalten und in einem interessanten Betrieb oder Forschungsprojekt arbeiten. Auf 30.000 Personen schätzen die Verfassungsschützer die Zahl dieser Experten, die China für die Beschaffung von Informationen aus Deutschland gewinnen könnte.
Arbeiten solche nichtprofessionellen Spione in einem deutschen Betrieb, können sie über einen USB-Stick oder eine E-Mail sehr leicht sensibles Material abschöpfen. "Eine der wichtigsten Maßnahmen zum Schutz vor einem Spionageangriff ist daher, schützenswertes Know-how eines Unternehmens zu definieren und nur einem festgelegten Personenkreis innerhalb dieses Unternehmens zugänglich zu machen", sagt ein Verfassungsschützer. Doch gerade mittelständische Betriebe sparten häufig an einer sicheren Informationstechnik und gäben allen Mitarbeitern Zugriffsrechte auf alle Bereiche im Datensystem.
"Wir wünschen uns einen Dialog mit den deutschen Unternehmen, besonders mit solchen, die einen möglichen Angriff auf ihren Betrieb festgestellt haben", sagt ein Verfassungsschützer. Viele Firmen fürchteten aber einen Imageschaden, wenn sie an die Polizei oder den Geheimdienst heranträten. Deshalb sei es sehr schwierig, die Größenordnung der in Deutschland bereits verübten Spionageangriffe zu beziffern.
wal/APD
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