Wirtschaft


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13.01.2010
 

Rückzugsdrohung gegen China

Google nutzt Hackerattacke für Strategieumkehr

Von Stefan Schultz

Foto: REUTERS

Die Ankündigung klingt drastisch: Google droht, sein China-Geschäft möglicherweise komplett aufzugeben. Analysten sehen hinter dem Vorstoß des Suchmaschinengiganten den Versuch, ein langjähriges Problem zu lösen - das weniger mit Menschenrechten zu tun hat als mit Kostenkalkül.

San Francisco - Google China droht das Aus: In einer Mitteilung des Konzerns ist vom "Abschalten von google.cn" und von der "Schließung unserer Büros in China" die Rede. In den kommenden Wochen will der Internetriese seine künftigen Aktivitäten im Gespräch mit Chinas Regierung überprüfen. Explizit lehnt sich der Konzern gegen die Zensur von Suchmaschinenergebnissen auf - eine Aussage, die die chinesische Regierung ernsthaft erzürnen dürfte.

Auslöser für die drastische Drohaktion ist ein undurchschaubarer Hackerangriff, der inzwischen auch die US-Regierung umtreibt: Unbekannte haben versucht, E-Mails chinesischer Menschenrechtler auszuspionieren, die auf Google-Servern gespeichert sind. Es habe Mitte Dezember eine "sehr ausgeklügelte Attacke" auf die eigene Infrastruktur gegeben, erklärte der Konzern.

Analysten nehmen die Ankündigungen des Suchmaschinenriesen durchaus ernst. Ein Rückzug aus China stehe zwar nicht unmittelbar bevor, sagt etwa Heath Terry, Analyst bei FBR Capital. Der Konzern habe aber unumkehrbar "die Diskussion darüber eröffnet". Sandeep Aggarwal, Analyst bei Collins Stewart, sagt, man solle Googles Drohung "nicht auf die leichte Schulter" nehmen. Andere spekulieren drüber, ob der Konzern mit seiner expliziten Kritik an der chinesischen Internetzensur den eigenen Rausschmiss provoziert hat.

Aus dem Umfeld von Google ist ähnliches zu hören. Ein Rückzug aus China sei nun "wahrscheinlich", heißt es.

Google-Aktie erholt sich bereits wieder

China gilt mit rund 340 Millionen Nutzern als wichtiger Zukunftsmarkt. An der Börse sorgte der Vorfall dennoch für wenig Wirbel: Die Konzernaktie verlor in der Spitze knapp zwei Prozent - und damit gut acht Euro an Wert. Inzwischen erholt sie sich wieder (siehe Grafik links).

Analysten zufolge könnte hinter dem angedrohten Rückzug ein klares Kostenkalkül stecken. Der chinesische Suchmaschinenmarkt ist für Google bislang nur bedingt lukrativ. Investmentbanken und Analysten schätzen, dass Google 2009 in China zwischen 300 und 600 Millionen Dollar umgesetzt hat - dass wären weniger als zwei Prozent des erwarteten Gesamterlöses von 26 Milliarden Dollar.

Google-Manager David Drummond bezeichnete die Gewinne, die der Konzern in China macht, in einem Interview mit dem TV-Sender CNBC als verschwindend gering. Der Einstig in den chinesischen Markt sei "nie finanziell motiviert" gewesen.

Strategisch ist China als Massenmarkt trotzdem bedeutsam. Erwin Sanft, Analyst der Bank BNP Paribas, fürchtet, dass der Konzern sich in einem wichtigen Wachstumsmarkt für sehr lange Zeit zu disqualifizieren droht: Wenn sich Google aus China zurückziehe, dürfte es sehr schwer werden, auf dem Markt später wieder zu alter Stärke zurückzufinden. Imran Khan, Analyst bei JPMorgan, sieht es sogar noch drastischer: "Wenn Google nicht in China operieren darf, könnte das weitreichende Folgen für das langfristige Wachstum des Unternehmens haben", sagte er dem "Daily Telegraph".

Doch Branchenkenner merken auch an, dass sich der Suchmaschinenriese nur bedingt Wachstumschancen ausrechnet. Googles Anteil auf dem chinesischen Suchmaschinenmarkt beträgt, je nach Messverfahren, zwischen 17 und 31 Prozent. Der Internetgigant, der die weltweit meistgenutzte Suchmaschine betreibt, rangiert damit weit hinter dem lokalen Konkurrenten Baidu.

Positiv-Marketing für den Rest der Welt?

Sarah Lacy vom gemeinhin gut informierten Branchen-Blog "Techcrunch" verweist darauf, dass die eigenen Wachstumshemmungen den Konzern schon länger umtreiben. Kai-fu Lee, Ex-China-Chef von Google, habe ihm gegenüber im vergangenen Oktober seinen Abschied aus dem Konzern damit begründet, dass man die "Marktanteile gegenüber Baidu niemals substantiell werde ausbauen können".

Google ist seit 2006 auf dem chinesischen Markt aktiv - und hat sich, wie andere westliche Internetunternehmen auch, verpflichtet, die lokalen Gesetze einzuhalten. Suchergebnisse auf Google China werden zensiert - wofür der Konzern scharf kritisiert wurde. Der Image-Schaden ist groß: Zensur steht Googles Firmenphilosophie "Don't be evil" ("Sei nicht böse") diametral gegenüber.

"Google hat sich entschieden, dass sich Geschäfte in China nicht rentieren", schreibt Lacy. Jetzt nutze der Konzern die Aufgabe eines negativen Geschäftsfelds, um Positiv-Marketing für die eigenen Geschäfte in der restlichen Welt zu betreiben.

Bislang keine Belege, dass der Hack politisch motiviert war

Die Theorie ist nicht abwegig, denn aufgrund der undurchsichtigen Faktenlage scheint Googles Reaktion doch recht stark: Wie erfolgreich die Eindringlinge im Google-Server waren, ist noch nicht abschließend geklärt. Bislang geht der Konzern davon aus, dass nur wenige private Daten eingesehen werden konnten.

Es ist zudem völlig unbekannt, ob die versuchte Hacker-Spionage politisch motiviert gewesen ist oder gar im Auftrag der chinesischen Regierung erfolgte. Der Konzern teilt nur mit, man wisse, dass der Angriff aus China gestartet wurde. Wer die Täter sind, was ihre Motive sind sei bislang nicht bekannt.

Es spricht also aus Sicht der Analysten einiges dafür, dass Google schon vor der Konfrontation mit China strategische Überlegungen angestellt hat - und sich möglicherweise nach Bekanntwerden der Hacker-Attacke entscheiden hat, eine ohnehin wenig ertragreiche Sparte PR-trächtig zu schließen.

Google-Unternehmenssprecher Kay Oberbeck weist diese Überlegungen zurück. In Bezug auf die freie Meinungsäußerung habe sich in China in den vergangenen Jahren nichts verbessert, sagt er. "Die Attacken und die Überwachung, die durch sie ans Tageslicht gebracht wurden, zusammen mit den Versuchen des letzten Jahres, die freie Meinungsäußerung online weiter einzudämmen, haben uns zu der Neubewertung bewogen."

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insgesamt 385 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.02.2010 von perpendicle:

muss man sicher Alles wörtlich nehmen mehr...

07.02.2010 von alfredoneuman:

"mehrere Seite gesperrt" hört sich bei Ihnen mal wieder so verharmlosend an. Das sind keine Kinderporno- oder Nazi-Seiten so wie bei uns gelegentlich, sondern u.a die Seite von Amnesty International. Warum wohl? [...] mehr...

07.02.2010 von Saudi-Arabien:

Nun, mit "witzig" ist eher etwas anderes gemeint. Der Bericht auf der Seite von "Amnesty International" ist recht neutral gehalten und deshalb auch informativ und er ist schön zu lesen. Gut, dieser [...] mehr...

06.02.2010 von alfredoneuman:

Darauf muss man natürlich erst kommen, dass wenn Sie das meinten, dass Sie dann so etwas wie hier unten schreiben. ---Zitat--- So überspitzt gesehen haben Sie natürlich recht. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass [...] mehr...

06.02.2010 von susi_03: Wissen ist Macht

Wie Sie hier jetzt auf Chodorkowski kommen, weiß ich zwar nicht, aber ich meinte US-Denkfabriken im Zusammenhang mit Wirtschaftsnachrichten, die das Börsengeschehen und Investionsentscheidungen beeinflussen. So überspitzt [...] mehr...

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