München - Bislang galt sie nicht gerade als Vorkämpfer für mehr Transparenz, doch genau die will sie jetzt schaffen: Die Ernährungsindustrie hat sich für eine eindeutige Kennzeichnung von Gen-Lebensmitteln ausgesprochen. Die Branche sei dafür, gentechnisch veränderte Produkte zu kennzeichnen, sagte der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Matthias Horst.
Wo Gentechnik drinstecke, müsse dies in Zukunft auch draufstehen, sagte BVE-Hauptgeschäftsführer Horst der "Süddeutschen Zeitung" am Freitag. "Wir sind für Transparenz." Die Industrie vollzieht damit einen Richtungswechsel, nachdem sie jahrelang gegen eine solche Kennzeichnung war. Der BVE repräsentiert nach eigenen Angaben 90 Prozent der Nahrungsindustrie.
Schokoriegel aus den USA, Sojaprodukte aus Asien
Bislang gilt in der EU nur die Vorschrift, dass auf Verpackungen in den Zutatenlisten stehen muss, wenn direkt gentechnisch veränderte Inhaltsstoffe wie modifizierte Pflanzen enthalten sind. Betroffen hiervon waren etwa bereits Schokoriegel aus den USA mit Cornflakes aus gentechnisch verändertem Mais oder verschiedene Sojaprodukte aus Asien. Nach der neuen Regelung müssten dann aber auch Lebensmittel gekennzeichnet werden, die etwa Milch von Kühen enthalten, die mit Gensoja gefüttert wurden, oder Eier von Hühnern, die Genfutter erhalten haben. Laut "SZ" wären nach BVE-Angaben mindestens 60 Prozent der Lebensmittel betroffen.
Das im Herbst eingeführte freiwillige Siegel "Ohne Gentechnik" des Bundesverbraucherschutzministeriums, das als Ergänzung der EU-Regelung gedacht ist, hat sich bislang kaum durchgesetzt. Dieses Logo ermöglicht Herstellern bereits jetzt die Kennzeichnung von Lebensmitteln, die vollkommen auf Gentechnik verzichten.
Trotz Einführung des "Ohne Gentechnik"-Siegels hatte sich die Bundesregierung aber in ihrem Koalitionsvertrag für die Schaffung einer eindeutigen Gentechnik-Kennzeichnung für Lebensmittel auf EU-Ebene ausgesprochen.
Umweltschützer sind skeptisch
Die Umweltorganisation BUND begrüßte zwar grundsätzlich den Gedanken einer klaren Kennzeichnung von Gen-Nahrung, kritisierte die Hersteller aber zugleich scharf. "Wir hätten eine solche Kennzeichnung schon lange haben können, wenn Verbände wie der BVE in der Vergangenheit nicht gemauert hätten", sagte BUND-Gentechnik-Expertin Heike Moldenhauer.
Auch sei die Motivation der Industrie fragwürdig, sagte Moldenhauer. Sie verfolge mit ihrer Neupositionierung nicht etwa das Ziel der Verringerung von Gen-Nahrung im Handel, sondern das genaue Gegenteil. Würde die Kennzeichnung rasch eingeführt, "wären die Regale im Handel auf einmal voll mit Gentechnik-Labels", da viele Nahrungsprodukte schon heute zumindest indirekt Kontakt mit Gentechnik hätten. Die Einführung eines "Mit Gentechnik"-Siegels käme deswegen "einer Überrumpelung der Verbraucher gleich, sie könnten dann nicht mehr ausweichen".
Dass diese Strategie der Branche aufgehe, sei jedoch kaum wahrscheinlich, sagte Moldenhauer. "Ich halte das für eine Milchmädchenrechnung, weil eine solche Kennzeichnung auf EU-Ebene geregelt werden muss, was mindestens drei bis vier Jahre Vorlauf bedeutet." In dieser Zeit würde die Nahrungsindustrie auf Zutaten aus gentechnikfreier Produktion umstellen.
sam/AFP
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