Wirtschaft


  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
28.01.2010
 

RWE-Chef im Interview

"Wir werden die Kernenergie noch lange brauchen"

Kraftwerk Biblis: "Wir werden eine Lösung finden"Zur Großansicht
Getty Images

Kraftwerk Biblis: "Wir werden eine Lösung finden"

RWE-Chef Großmann verteidigt die Atomkraft, selbst wenn er dafür zum Buhmann der Nation wird. In Deutschland werde die Diskussion wie ein Glaubenskrieg geführt, kritisiert er im SPIEGEL-ONLINE-Interview - und macht seinem Ärger über die Technologieverdrossenheit Luft.

SPIEGEL ONLINE: Herr Großmann, wir sind hier beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Eigentlich hatten wir Sie nicht erwartet. Der Ausstieg vom Atomausstieg geht in die heiße Phase - wir vermuteten Sie daher in Berlin in Dauersitzungen mit der Bundesregierung. Machen Sie keine Lobbyarbeit?

Großmann: RWE redet mit allen beteiligten Verhandlungspartnern. Aber das hindert mich persönlich doch nicht, nach Davos zu fahren. Und außerdem stehen in Sachen Kernenergie keine kurzfristigen Entscheidungen an.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also kein bisschen angespannt? Schließlich ist die Restlaufzeit des alten RWE-Kraftwerks Biblis A im Sommer zu Ende. Die Bundesregierung aber will erst im Herbst ihr Energiekonzept vorlegen.

Großmann: Wir werden für Biblis Lösungen finden.

SPIEGEL ONLINE: Weil Sie die Restlaufzeiten eines seit Jahren stillgelegten Kraftwerks in Stade per Ausnahmeklausel auf Biblis übertragen können. Dafür müssen sie sich nur noch mit E.on-Chef Wulf Bernotat einigen, dem das Stader Werk gehört. Der ist ja auch in Davos - haben Sie schon mit ihm gesprochen?

Großmann: Es geht hier um Entscheidungen nach Recht und Gesetz und nicht um "Tricks" oder "Ausnahmeklauseln". Über Stade möchte ich nicht spekulieren. Muss die Diskussion um die Kernenergie immer wie ein Glaubenskrieg geführt werden?

SPIEGEL ONLINE: Die Angst vor der Atomkraft soll typisch deutsch sein?

Großmann: Mich fragen gerade hier in Davos Kollegen aus anderen Ländern, warum die Deutschen ihre sicheren Kernkraftwerke und damit volkswirtschaftliches Produktivkapital nach 32 Jahren stilllegen. In den Niederlanden gibt es ein Kernkraftwerk, das baugleich ist mit Biblis. Der Reaktor dort soll 60 Jahre laufen. Niemanden dort stört das.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland produzieren Stromkonzerne nach Berechnungen von Greenpeace rund 400 Tonnen Atommüll im Jahr. Und Skandale wie die Lecks im maroden Atommülllager Asse bauen nicht gerade Vertrauen auf. Verstehen Sie nicht, dass Menschen Angst bekommen, wenn Sie den mühsam erkämpften Atomausstieg rückgängig machen wollen?

Großmann: Für die Endlagerung gibt es technisch funktionierende Konzepte. Der Betrieb von Asse erfolgte nicht durch die Energieversorgungsunternehmen. Hier geht es jetzt darum, Lösungen zu finden. Da wollen wir mitarbeiten. Das ändert aber nichts daran, dass Deutschland ohnehin in der Pflicht ist, sein nationales Endlagerkonzept zügig in Angriff zu nehmen - und zwar unabhängig davon, wie man persönlich zur Kernenergie steht oder ob die Laufzeiten verlängert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel würden die Stromkonzerne verdienen, wenn die Laufzeiten verlängert würden?

Großmann: Das kommt auf die Dauer an und auch auf die Strom- und CO2-Zertifikate-Preise. Über den Daumen gepeilt rechnen wir bei einem großen Meiler wie Biblis mit rund 350 Millionen Euro Betriebsergebnis. Die Regierung hat ja bereits deutlich gemacht, dass zusätzliche Erträge aus einer Laufzeitverlängerung teilweise abgeführt werden sollen. Dazu sind wir bereit. Von diesen Geldern könnte ein Teil zweckgebunden in die Entwicklung erneuerbarer Energien gesteckt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel würden Sie denn hergeben?

Großmann: Das ist Gegenstand der Gespräche der Branche mit der Bundesregierung. Diesen Gesprächen kann und will ich nicht vorgreifen.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden sich also auch finanziell an einer Lösung für Asse beteiligen, wie es jetzt oft verlangt wird? Und ihre Atomkraftwerke so sicher machen, dass auch ein Flugzeugattentat keinen GAU verursacht?

Großmann: Die Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag klargemacht, dass sie mit der Branche das Thema Asse lösen will. Diesen Gesprächen werden wir uns nicht verschließen. Zudem: Unsere Kernkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt. Wir haben hier bereits Milliarden investiert als Branche. Und wir wollen diese hohen Sicherheitsstandards halten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja zu einigem bereit - warum stecken Sie das ganze Geld nicht einfach in erneuerbare Energien?

Großmann: Weil es nicht zuletzt um Versorgungssicherheit geht. Nehmen Sie diesen Januar: Es ist richtig Winter, und die Leute verbrauchen Unmengen Strom. Von den installierten 25.000 Megawatt Wind Erzeugungskapazität waren an manchen Tagen nur 500 Megawatt am Netz. Es blies wenig Wind, es gab kaum Sonne. Stellen Sie sich vor, 80 Prozent unserer Stromerzeugung hingen von erneuerbaren Energien ab: Da würde in Zeiten wie diesen nicht nur das Licht ausgehen. Das zeigt, dass wir die Atomkraft als Brückentechnologie brauchen, um die richtigen Worte der Bundesregierung zu benutzen. Wobei man noch darüber sprechen muss, wie weit es bis zum anderen Ufer ist...

SPIEGEL ONLINE: ...sprich: Um wie viele Jahre die Laufzeiten verlängert werden. Was schwebt Ihnen vor?

Großmann: Ich kann hier der Bundesregierung nichts vorgeben. Aber international sind 50 Jahre Laufzeit üblich, zum Teil sogar 60 Jahre. Bei uns in Deutschland sollen es nur 32 sein.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 481 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
20.04.2010 von Trevis:

Also Sie sind für mich das perfekte Beispiel für den absoluten Ignoranten. Sogar im internen Strategie-Papier für Atomiker steht, dass man die Ängste der Bevölkerung (zum Schein) ernst nehmen und nicht verhohnepipeln soll. [...] mehr...

14.04.2010 von Ton-Alt.Dux: Gorleben in Frontal 21 13.4.2010 21:00

Bei den Entscheidungsfindungskriterien für Gorleben, wie Ernst Albrecht zur rein politisch gewollten Unterstützung der Atomindustrie alle wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse bewußt beiseite schiebt und einen nicht [...] mehr...

13.04.2010 von peterm8s: Toll gemacht, Herr Redakteur: Kaiserkrönung ganz nebenbei

Dem Spiegel ist die Atomangst anscheinend gerade mal wieder nicht übertrieben genug. Kann man aber leicht etwas anheizen, wie in dem neuen Artikel Schmutzige Bomben - Alptraum aller Abrüster [...] mehr...

09.04.2010 von tempus fugit: Keine Ahnung - Sie offensichtlich aber auch ohne...

Wäre ich 'verblendet' würde ich doch wohl nicht nach Vergleichszahlen = sprich Fakten = sachlich!!! - vor/nach August 1945 fragen. Möglicherweise liegen die Werte gleich oder vor 1945 sogar höher? Ich weiss es nicht. [...] mehr...

09.04.2010 von der kleine kernspalt:

tempus fugit, sie sind für mich ein perfektes beispiel für die verblendung durch die medien und auch für die "ich hab zwar keine ahnung aber diskutiere trotzdem mit mentalität". ich frage mich warum es in diesem land [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
alles zum Thema Weltwirtschaftsforum Davos 2010

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Person

DPA
Jürgen Großmann, Jahrgang 1952, leitet RWE seit Oktober 2007. Der für seine klare Sprache bekannte Manager stammt aus Mülheim an der Ruhr und war vor seinem Wechsel in die Energiebranche in der Stahlindustrie tätig. Der 2,05 Meter große Dr. Ing. wurde vor allem als Sanierer der maroden Georgsmarienhütte bekannt, die er 1993 für den symbolischen Preis von zwei Mark vor dem Aus rettete. Großmann ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist begeisterter Skifahrer, Regatten-Segler sowie Gesellschafter des Zwei-Sterne-Restaurants "La Vie" in Osnabrück.

Der Konzern

Die RWE AG ist mit einem Umsatz von rund 49 Milliarden Euro nach E.on der zweitgrößte Energieanbieter Deutschlands. Der Konzern hat 66.800 Mitarbeiter. Weil fast zwei Drittel der Kraftwerkskapazität auf Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke fallen, ist RWE der größte CO2-Emittent unter den deutschen Erzeugern.

Atom-Comeback

Was die Energieriesen am Atom-Comeback verdienen könnten.

Extra-Einnahmen der Stromkonzerne

Extra-Profite, Laufzeit 40 Jahre

Extra-Profite, Laufzeit 60 Jahre

Extra-Profit der Konzerne bei einer Laufzeit von 40 Jahren

Extra-Profit der Konzerne bei einer Laufzeit von 60 Jahren


Atomkraftwerke in Deutschland

Zahlen

Getty Images
In Deutschland sind formal derzeit noch 17 Atomkraftwerke in Betrieb. Tatsächlich am Netz sind aber deutlich weniger: Brunsbüttel ist nach mehreren schweren Pannen seit weit mehr als einem Jahr abgeschaltet. Krümmel wurde nach einem Brand im Juni 2007 erst im Juni 2009 wieder hochgefahren. Der älteste Meiler, Biblis A, ist seit Ende Februar nicht mehr am Netz und wird derzeit gewartet. Der benachbarte Block Biblis B ist seit Januar 2009 wegen Revisionsarbeiten abgeschaltet. Das AKW Stade ging Ende 2003 außer Betrieb und wurde 2005 stillgelegt. Obrigheim ging Mitte 2005 außer Betrieb.

Geografische Verteilung


Vor-/Nachteile der Energieträger

Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.

Erdöl

Erdgas

Kohle

Atomenergie

Wasser

Wind

Sonne

Biomasse

Erdwärme

Mehr auf SPIEGEL ONLINE




TOP



TOP