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09.02.2010
 

Ex-Finanzminister Henry Paulson

Beichte des Bankenretters

Von Marc Pitzke, New York

Ex-Finanzminister Paulson: "Alle schauen auf mich, und ich habe keine Antwort"
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Reuters

Ex-Finanzminister Paulson: "Alle schauen auf mich, und ich habe keine Antwort"

Er fürchtete um das Überleben der globalen Finanzwirtschaft, bei der Rettung der US-Banken stand er selbst am Rande des Zusammenbruchs. Jetzt blickt der frühere Finanzminister Henry Paulson zurück. Seine Memoiren geben einen Einblick in die dunkelsten Stunden der Wall Street.

Henry Paulson ist ein Hüne von einem Mann: Fast 1,90 Meter groß, bullig, kahlköpfig, ein früherer Football-Star, den sie "The Hammer" nannten. Furchtlos, zäh und krisenfest - dieses Image propagierte er in seiner Zeit als US-Finanzminister gerne, besonders während der großen Bankenkrise von 2008.

Die Wahrheit sah anders aus. Mehr als einige Regierungskollegen war Paulson während jener wohl dramatischsten Monate in der Geschichte der Wall Street offenbar von Furcht und Selbstzweifeln geplagt. Ein "Angstschock" habe ihn durchzuckt, als er erstmals in den Abgrund der Krise geblickt habe, erinnert sich der 63-jährige Pensionär jetzt.

In seiner Qual habe er sich an Gattin Wendy gewandt: "Alle schauen auf mich, und ich habe keine Antwort." Wendy habe ihm zum Gebet geraten: "Fürchte dich nicht. Deine Aufgabe ist es, Gott und seine unendliche Weisheit zu reflektieren, und du kannst ihm vertrauen."

Geplagt von Würgeanfällen

Mit Gottes Hilfe durch die Krise - diese Passage, pathetisch und doch irgendwie anrührend, findet sich in "On the Brink - Inside the Race to Stop the Collapse of the Global Financial System", Paulsons Memoiren über seine kurze und doch folgenschwere Amtszeit als George W. Bushs Finanz- und Krisenminister. Auf 478 Seiten dokumentiert er, was sich während des "drohenden finanziellen Armageddons" hinter den Kulissen in Washington abspielte - als erster hochkarätiger Insider.

Die Szenen der privaten Pein sind die packendsten in dieser ansonsten recht artigen Chronologie, mit der Paulson wohl auch seinen lädierten Ruf reparieren will. So sehr habe ihm der Krisenstress zugesetzt, schreibt er, dass er an Schlafmangel, Entkräftung, Übelkeit und plötzlichen "Würganfällen" gelitten habe.

Bei den Verhandlungen über den wankenden US-Versicherungsgiganten AIG Chart zeigen etwa habe er sich hinter einer Säule versteckt, um seinen derangierten Zustand vor den Reportern zu verbergen. Mehrfach habe er sich übergeben müssen und einmal sogar den verzweifelten Stoßseufzer ausgerufen: "Gott helfe uns allen!"

Solche Details im Seifenopernstil aus den dunklen Tagen der Finanzkrise gab es zwar schon in anderen Berichten, namentlich dem Enthüllungsbuch "Too Big To Fail" des "New York Times"-Korrespondenten Andrew Ross Sorkin und einem länglichen Report in "Vanity Fair" mit dem Reißertitel "Henry Paulsons längste Nacht". Jetzt jedoch berichtet einer der Insider selbst - auch wenn der Ex-Finanzminister mit dem Rückblick vor allem seine eigenen Handlungen vor der Öffentlichkeit rechtfertigen will.

Denn Paulsons Problem ist, dass er sich auch als Mitverursacher der Krise gebrandmarkt sieht: Vor seinem Job als Finanzminister leitete er sieben Jahre lang die Wall-Street-Bank Goldman Sachs Chart zeigen, die im Zentrum des späteren Bebens stand. Und auch für die politische Reaktion auf die Krise wird er kritisiert: milliardenschwere Finanzspritzen, Regierungsbeteiligung an Unternehmen - der Staatsinterventionismus mit Steuergeldern belastet bis heute den US-Haushalt. Zudem fragen viele US-Bürger, warum die Wall Street mit Geld geflutet wurde, während der Rest des Landes in die Rezession schlitterte.

Furcht um Fannie und Freddie

Man habe kurz vor der "Zerstörung des modernen Finanzsystems" gestanden, rechtfertigt Erstlingsautor Paulson die beispiellosen Rettungstaten in seinem Rückblick, den er mit Hilfe des Wirtschaftsjournalisten Michael Carroll verfasste. Die Hauptkritik an seiner Wall-Street-zentrierten Denkweise jedoch räumt er in seinem Buch nicht aus. Im Gegenteil: Ohne diese Konzerne, beharrt Paulson auch heute noch, wären die USA am Ende.

"Investoren würden Abermilliarden Dollar verlieren", begründet er zum Beispiel die Übernahme der maroden Hypothekenbanken Fanny Mae und Freddie Mac Chart zeigen durch die US-Regierung im September 2008. Es war die erste der spektakulären Staatsaktionen.

Nach der halbwegs erfolgreichen Verarztung von Fannie und Freddie klopften sich die Macher laut Paulson damals auf die Schultern: "Wir hatten wahrscheinlich gerade die größte finanzielle Rettungsaktion in der Geschichte gestemmt." Wenig später allerdings begann der Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers - und damit die heiße Phase der Finanzkrise.

Paulson skizziert chaotische Szenen während des Lehman-Untergangs und verteidigt, dass die US-Regierung hier nicht helfend eingriff: "Ich hielt es nie für angemessen, Steuergelder zu riskieren." Dass Paulson und Co. Lehman damals fallen ließen und damit das globale Banken- und Börsenbeben auslösten, nehmen ihm bis heute viele übel. Allen voran der geschmähte Lehman-Chef Dick Fuld. "Ich werde mich darüber wundern, bis sie mich unter die Erde bringen", hatte dieser erklärt.

Bei anderen Krisenkonzernen hingegen war der Minister mit den Milliarden schnell zur Stelle. Etwa bei der Rettung von AIG. "Eine Insolvenz wäre vernichtend", erklärt er sein Denken, "und würde zum Untergang vieler anderer Institutionen führen."

Lob für Obama, Kritik an Palin

All diese Bekenntnisse schockieren heute eigentlich niemanden mehr. Mangels "bomb shells" - explosiver Enthüllungen - hat Paulsons Krisenbeichte in den USA bisher denn auch kaum Wellen geschlagen. Doch wer sich die Mühe macht, das akribische Protokoll zu durchforsten, stößt auf allerlei Köstlichkeiten - sowohl Seitenhiebe gegen Weggefährten wie auch überraschendes Lob für den politischen Gegner.

So konnte Paulson den damaligen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, Barack Obama, gut leiden. Während der Krise konferierten die beiden oft konspirativ. "Hank", habe Obama ihn in einem dieser spätabendlichen Telefonate mit seinem Spitznamen angeredet, "du bist der einzige Kerl im Land, der so hart arbeitet wie ich." Paulson findet bis heute fast nur nette Worte für Obama: "Er hat mich beeindruckt. Er war immer gut informiert, gut instruiert und selbstsicher. Er konnte über die Probleme, mit denen ich zu tun hatte, intelligent reden."

Weniger höflich hingegen geht Paulson mit Obamas Rivalen John McCain und dessen Vizekandidatin Sarah Palin um - obwohl sie seine republikanischen Parteifreunde waren. McCain habe zur Finanzkrise wenig zu sagen gehabt, und Palin habe ihn schlichtweg irritiert: "Sie nannte mich von Anfang an Hank." Auch wenn er generell nichts dagegen habe: "Aus irgendeinem Grund hat mich die Art, wie sie das am Telefon gesagt hat, gestört." Auch Palins Fachkunde zweifelt er an: "Ich bin mir nicht sicher, ob sie die vollen Dimensionen der Situation begriffen hat, die ich ihr darlegte", schreibt er über ein Krisengespräch mit Palin.

Auch mit Barney Frank, dem demokratischen Vorsitzenden des Finanzausschusses im US-Repräsentantenhaus, konnte Paulson gut: "Ein Showman mit schnellem, spontanen Witz. Aber er ist auch ein pragmatischer, disziplinierter, völlig ehrenwerter Politiker." Anders sein Eindruck vom Top-Republikaner im Gremium, Richard Shelby: "Ich glaube, er hat mir nie vertraut, weil ich von der Wall Street kam."

Quellen bleiben fraglich

Ob Paulsons Blick zurück den weiter gärenden Volkszorn auf die Wall Street mildern wird, ist fraglich. Während die US-Arbeitslosenzahlen weiter steigen, wächst auch die Wut auf die Bankenretter, die Milliarden an Steuergeldern dort verbrannte. Obendrein dürfte vielen die Quelle suspekt beiben. Zumal Paulson etliche Geheimnisse weiter im Dunkeln lässt - etwa die ungeklärte Frage, welche Schattenmänner der Wall Street bei den Staatsinterventionen sonst noch die flinken Finger im Spiel hatten.

So dokumentiert Paulson Dutzende Telefonate zwischen ihm und seinen Ex- Kollegen an der Wall Street - und beweist damit, wer in Wahrheit im Hintergrund agierte. Zu klären, wer welche Strippen zog, fällt nun anderen zu, etwa der neuen Finanzkrisenkommission. Die hielt Mitte Januar ihre ersten Doppelsitzung ab - und vertagte sich dann auf unbefristete Zeit.

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Henry M. Paulson: "On the Brink - Inside the Race to Stop the Collapse of the Global Financial System", New York, Business Plus/Hachette, 2010

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ZUR PERSON

Henry Paulson war von Juli 2006 bis Januar 2009 Finanzminister der USA. Der ehemalige Chef der amerikanischen Großbank Goldman Sachs galt in den ersten Monaten der Finanzkrise als Idealbesetzung - meinte man doch, er kenne sich mit der Wall Street aus. Diese Einschätzung änderte sich allerdings sehr schnell, als er Mitte September 2008 die Investement-Bank Lehman Brothers pleite gehen ließ - was ein Beben an den weltweiten Finanzmärkten auslöste und die Finanzkrise endgültig zur globalen Wirtschaftskrise machte. Bis heute gilt der Untergang der Lehman-Bank als fataler Fehler in der Bekämpfung der Krise. Nur vier Tage nach der Insolvenz war Paulson denn auch gezwungen, ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket für den US-Finanzmarkt aufzulegen, das als sogenannter Paulson-Plan berühmt wurde.

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Wirtschaftstermine

CHRONIK DER PLEITE

15. September - der schwarze Montag: Die Investmentbank Lehman Brothers muss Insolvenz anmelden. Der Anfang einer verheerenden, globalen Kettenreaktion. Zu eng ist die Finanzbranche verstrickt, als dass sie eine solche Mega-Pleite aushält. Noch dazu wird an diesem Tag noch der Lehman-Konkurrent Merrill Lynch von der Bank of America aufgekauft. Das Vertrauen der Banker in die eigene Zunft ist erschüttert. Die Börsen weltweit brechen ein.
19. September: Die US-Regierung kündigt ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket für die Finanzbranche an.
25. September: Die größte US-Sparkasse Washington Mutual bricht zusammen, wird von der Großbank aufgefangen.
29. September: Die Krise erreicht endgültig Deutschland. Für den Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) muss ein 35 Milliarden Euro schweres Rettungspaket geschnürt werden.


LEHREN AUS DEM KOLLAPS

Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank

AP
"Die Banken setzen die Lehren aus der Krise Schritt für Schritt um. Schwerpunkt dieser Reformen ist das Risikomanagement: Die gewohnten Modelle werden gründlich überarbeitet, Stresstests intensiver eingesetzt. Die Banken haben ihr Eigenkapital erhöht, die Fremdfinanzierung ihrer Geschäfte abgebaut, ihre Liquiditätspuffer verstärkt, die Abhängigkeit von kurzfristigen Geldern verringert und die Strukturen von Forderungen und Verbindlichkeiten noch mehr miteinander in Einklang gebracht. Überkomplexe Finanzprodukte sind zugunsten mehr standardisierter und transparenter Produkte aus dem Angebot verschwunden. Die Leitlinien für die Kundenberatung wurden überarbeitet, und besonders für Verbriefungen und Derivate entstehen derzeit übersichtlichere und solidere Marktinfrastrukturen. Nicht zuletzt passen die Banken aber auch ihre Vergütungsmodelle an. Ziel ist dabei, die Vergütung noch besser am nachhaltigen Erfolg und den längerfristigen Interessen der Aktionäre auszurichten."

Lloyd C. Blankfein, Vorstandsvorsitzender von Goldman Sachs

Niall Ferguson, Historiker an der Harvard-Universität und Autor

Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank









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