Von Michael Kröger
Eins muss man Opel-Chef Nick Reilly lassen: Der Mann weiß, was seine Zuhörer erwarten. Selbstbewusst beschrieb der GM-Manager ein Unternehmen, das in vielen Disziplinen vor den Wettbewerbern liege, das bis zum absehbaren Ende der Krise nur noch durchzustarten brauche. Dem Zuhörer schien es, als habe es nie eine Krise gegeben - wäre nicht die Rede von europaweit 8300 Entlassungen und der Bitte um staatliche Kredite in Höhe von 2,7 Milliarden Euro.
Reilly präsentierte charmant und völlig frei von Selbstkritik der Öffentlichkeit seinen Plan, wie Opel wieder zu neuer Größe geführt werden soll: "Wir werden ein europäisches Unternehmen formen, das profitabel ist und dauerhaft auf eigenen Füßen steht", versicherte er am Dienstag in Frankfurt am Main. General Motors werde dazu seinen Beitrag leisten.
Die Konzernmutter plane Investitionen von rund elf Milliarden Euro in den kommenden fünf Jahren. Das Geld soll in die Entwicklung neuer Modelle fließen, in Zukunftstechnologien und in die Eroberung neuer Märkte in Asien und im Nahen Osten. Allein in diesem Jahr seien acht neue Modelle geplant, vier für das kommende Jahr, darunter der Hoffnungsträger Ampera. Das Elektroauto verfügt über einen Verbrennungsmotor, der als Batterieladegerät arbeitet und so die Reichweite auf ein praxistaugliches Maß erweitert. Es gilt als Hoffnungsträger des Konzerns.
Dass der Weg in eine rosige Zukunft auch über dornenreiche Wege führt, verschwieg Reilly nicht. So sei erst einmal eine Kapazitätsanpassung um 20 Prozent nötig, erklärte er. Von den 8300 Jobs, die dem Umbau in den kommenden zwei bis drei Jahren zum Opfer fallen, gehen knapp 4000 auf die Kappe der Deutschen. Das Werk im belgischen Antwerpen soll gar komplett geschlossen werden.
Reservierte Reaktion
Und natürlich will Reilly die Staaten mit Opel- beziehungsweise Vauxhall-Werken zur Kasse bitten. Mit insgesamt 2,7 Milliarden Euro sollen sie dem Konzern aushelfen. Mit welchem Betrag genau sich jede einzelnen Regierung beteiligen soll, wollte Reilly nicht sagen, nur soviel: "Wir orientieren uns an der Verteilung der Personalkosten. Davon fallen 60 Prozent in Deutschland an."
Tatsächlich verlangt der Konzern von Bund und Ländern in Deutschland allein gut 1,5 Milliarden Euro, wie Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle am Nachmittag bestätigte. Die Bundesrepublik sowie die Länder mit Opel-Standorten Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Thüringen sollen Garantien für je einen Teilbetrag stellen. Der US-Konzern sieht seinen Sanierungsbeitrag mit der Rückzahlung eines Teils des Brückenkredits der Bundesregierung über 600 Millionen Euro vorerst erledigt.
Reillys Konzept stößt auf Kritik. Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sicherte immerhin eine gründliche Prüfung zu. Dabei stünden allerdings "der sorgfältige Umgang mit Steuergeldern und die Interessen der Arbeitnehmer im Mittelpunkt", schränkte Koch ein. "Nach unserer Einschätzung wird es geboten sein, dass GM als Eigentümer seine Beteiligung an der Sanierung und Neuaufstellung deutlich erhöht."
Auch Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU) versprach, den Bürgschaftsantrag "sehr konstruktiv, sehr sorgfältig, aber auch so schnell wie möglich" zu prüfen. Der Opel-Standort Bochum habe alle Voraussetzungen für eine gute Zukunft, sagte die CDU-Politikerin. Doch Thoben dürfte kaum gefallen, dass das Werk mit einem Aderlass von fast 1800 Stellen am stärksten betroffen ist.
Echte Modell-Innovationen fehlen
Auch die Arbeitnehmer zeigen sich skeptisch. Sie stören sich allerdings eher daran, dass auch sie per Lohnverzicht einen Beitrag zur Sanierung leisten sollen, ohne dafür die entsprechende Gegenleistung zu erhalten. Die Beschäftigten verlangen eine Beteiligung am Unternehmen und ein Mitspracherecht bei Stellenabbau, Werksschließungen und -verlagerungen. Eine Einigung war zuletzt an der überraschend angekündigten Werksschließung von Antwerpen gescheitert.
Die reservierte Haltung kommt nicht von ungefähr. Und sie hat nicht allein damit zu tun, dass das GM-Management Politik und Mitarbeiter in den vergangenen Monaten wiederholt vor den Kopf gestoßen hat. Vielmehr ist es der Sanierungsplan, der nach Überzeugung von Experten noch etliche zentrale Fragen offen lässt. "Immerhin hat Reilly zum ersten Mal klar den Betrag genannt, der in den kommenden Jahren für Investitionen zur Verfügung steht", sagt Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive an der Fachhochschule in Bergisch Gladbach.
Doch bereits die angekündigte Renovierung der Modellpalette orientiere sich allzu sehr am Althergebrachten, schränkt der Auto-Experte ein. So fehle etwa ein kleiner SUV ebenso wie ein eleganter Viertürer vom Schlage eines Volkswagen
Passat CC. "Die Autos sind im Vergleich mit der Konkurrenz zwar nicht schlecht, aber sie eilen auch nicht davon."
Tatsächlich hat selbst die hoch gelobte Mittelklasse-Limousine Insignia kein Alleinstellungsmerkmal. "Zu schwer und zu durstig" lautet die Kritik. Auch der Bestseller Astra hat es nicht geschafft, das Referenzmodell der Kompaktklasse, den Golf, in Vergleichstest zu schlagen.
Fragen zur Zukunft nicht beantwortet
Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler hält den Sanierungsplan ebenfalls für wenig beeindruckend. "Die Handschrift der Amerikaner ist sehr gut zu erkennen", erklärt er. "Der schnellen Rückkehr in die Gewinnzone wird alles untergeordnet." Immerhin lasse die Verschonung der deutschen Standorte erkennen, dass die GM-Leute den Unmut der Belegschaft registriert hätten. "Doch auch wenn sich die Opel-Beschäftigten mit ihren Protesten zunächst ein Stück Unabhängigkeit erkämpft haben - wenn sie nicht wie angekündigt 2012 schwarze Zahlen schreiben, zieht Detroit die Zügel schnell wieder an."
Dass das GM-Management Opel tatsächlich größere Freiheiten lassen wird, um die Wünsche der europäischen Kunden besser berücksichtigen zu können, glaubt Branchenfachmann Ferdinand Dudenhöffer nicht. "Nick Reilly ist ein GM-Mann alter Schule", sagt er. "Der kümmert sich vielmehr um das große Ganze, und die Regeln bestimmt die Zentrale."
Dabei sind sich die Experten einig: Kapazitätsabbau und Spardiktat mögen zwar die akuten Probleme lösen, die Fragen der Zukunft beantworten sie aber nicht. Im Gegenteil: Sie führen zu fortgesetzter Demotivation der Mitarbeiter. "Langfristig dürften sich die kreativen Köpfe aus Rüsselsheim verabschieden", sagt Pieper voraus.
Dann würde die Situation bei Opel richtig kritisch.
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