SPIEGEL ONLINE: Herr Streicher, warum sind Sie Pilot geworden?
Streicher: Mein Bruder hat auf dem Stuttgarter Flughafen gearbeitet. Deshalb habe ich früh die große weite Welt des Fliegens kennen- und liebengelernt.
SPIEGEL ONLINE: Warum sind Sie zur Lufthansa gegangen?
Streicher: Das war damals der einzig finanzierbare Weg, weil die Lufthansa den Großteil der Ausbildungskosten getragen hat. Eine Fluglizenz hätte auf dem freien Markt 60.000 Mark gekostet. Das wäre für mich nicht finanzierbar gewesen. Aber klar ist natürlich auch: Die Lufthansa hatte damals die beste Reputation in der Branche.
SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle hat Geld bei Ihrer Berufswahl gespielt?
Streicher: Eigentlich keine. Im Vordergrund stand wirklich die Faszination für die Technik und das Renommee des Berufs.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit 30 Jahren Pilot. Was hat sich in dem Job geändert?
Streicher: Enorm viel. Das Flugzeug ist heute kein Transportmittel für ein exklusives Publikum mehr. Und Piloten sind auch nicht mehr die starken Männer, die mit ihrer Muskelkraft die metallene Maschine durch die Luft bewegen, sondern Manager der komplexen Systeme im Cockpit.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Lieblingsstrecke?
Streicher: Ich fliege wie viele Kollegen gerne in den Fernen Osten - vor allem nach Bangkok und Hongkong. Ich will demnächst aber unbedingt wieder mal nach Buenos Aires.
SPIEGEL ONLINE: Was ist der Reiz dieses 14-Stunden-Flugs?
Streicher: Der Ausblick auf der Strecke ist der pure Wahnsinn. Außerdem ist sie fliegerisch sehr anspruchsvoll: Es gibt dort diese intertropischen Konvergenzzonen. Dafür braucht ein Pilot viel Know-how, er muss ständig planen und Alternativrouten im Kopf haben. Und dann diese Stadt.
SPIEGEL ONLINE: Sie lieben Buenos Aires?
Streicher: Diese Stadt beglückt mich immer wieder. Die 48 Stunden Aufenthalt dort gehören zu den schönsten Momenten, die ich mir vorstellen kann.
SPIEGEL ONLINE: Sie klingen ja, als ginge es Ihnen ganz gut.
Streicher: Ich bin nach wie vor begeistert, wenn ich ein Flugzeug abheben oder landen sehe. Das ist für mich ein erhebender Anblick. Das spüre ich in der Magengrube. Und wenn ich ein Cockpit besteige, dann fühle ich mich pudelwohl. Das ist meine Welt.
SPIEGEL ONLINE: Ist die Lufthansa ein guter Arbeitgeber?
Streicher: Vor 30 Jahren, als ich angefangen habe, ja. Heute ist das Unternehmen in der Welt der meisten Konkurrenten angekommen. Es geht deutlich ruppiger zu. Das Lufthansa-Management ist von Finanzkennzahlen gesteuert. Früher war das Verhältnis zwischen Management und Belegschaft gut , heute eher mau. Die Tarifauseinandersetzung kommt ja nicht von ungefähr.
SPIEGEL ONLINE: Bis Donnerstag wollen Sie den Flugverkehr der Lufthansa lahmlegen. Warum? Die Branche befindet sich in ihrer schwersten Krise.
Streicher: Wir verhandeln seit 2004 mit der Lufthansa darüber, in welchen Strukturen wir arbeiten sollen. Der Konzern hat 2007 und 2008 ein Rekordergebnis erzielt, und auch 2009 wird es keine roten Zahlen geben. Erzählen Sie das mal Wettbewerbern.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Gewerkschaft, die Vereinigung Cockpit, hat für die Lufthansa-Piloten 6,4 Prozent mehr Lohn gefordert. Trotzdem sind Sie zu einer Nullrunde bereit. Klingt widersinnig.
Streicher: Wir haben stets deutlich gemacht, dass wir zu Nullrunden und Zugeständnissen bei der Produktivität bereit sind. Wir wollen aber dafür die Zusage, dass unsere Arbeitsplätze sicher sind. Gucken Sie sich doch die ehemaligen Mitarbeiter von BenQ in München oder Nokia in Bochum an. Die haben Zugeständnisse gemacht, aber keine Sicherheiten bekommen. Tja, und dann waren ihre Arbeitsplätze ganz schnell futsch oder in Rumänien.
SPIEGEL ONLINE: Im Kern geht es Ihnen doch darum, dass der Konzern immer mehr Strecken durch interne Konkurrenten wie Germanwings und Austrian Airlines fliegen lässt. Das wollen Sie verhindern.
Streicher: Diese Maßnahmen sind doch nur der Anfang von dem, was noch alles kommen kann. Wenn die Lufthansa weitere Airlines kauft, etwa aus Osteuropa, fliegen wir bald alle zu Dumpinglöhnen. Den Kollegen der Lufthansa-Tochter Air Dolomiti hat der Konzern die Pistole schon vor einiger Zeit auf die Brust gesetzt: "Entweder ihr fliegt zu abgesenkten tariflichen Bedingungen, oder ihr fliegt gar nicht mehr." Der Druck steigt ins Unermessliche.
SPIEGEL ONLINE: Fühlen sich die Cockpit-Crews von der Lufthansa erpresst?
Streicher: Das Management signalisiert uns immer wieder, dass Aufgaben ins Ausland verlagert werden, wenn es nicht zu Einsparungen kommt. Das kann man Erpressung nennen.
SPIEGEL ONLINE: Den Trend zum Outsourcing und zu niedrigeren Löhnen gibt es überall. Glauben Sie wirklich, dass Sie diesen Prozess stoppen können?
Streicher: Ich hoffe es zumindest. Das fatale Signal solcher Auslagerungen ist doch, dass die Mitarbeiter zunehmend den Eindruck haben, sie spielten keine Rolle. Aber in einem Dienstleistungsunternehmen wie der Lufthansa sollte das Personal die oberste Priorität genießen - und nicht das Renditestreben der Anleger. Wir leben doch vom Vertrauen der Passagiere in uns!
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gehören Lufthansa-Piloten noch immer zu den Besserverdienern. Können Sie den Unmut von Menschen verstehen, die gerade um ihren Job bangen?
Streicher: Ich verstehe die Menschen, die um ihren Job bangen. Streiken ist ja kein Selbstzweck, aber die Lufthansa lässt uns keine andere Wahl. Unser Auftrag geht doch auch über den Konzern hinaus: Jeder Arbeitnehmer ist aufgefordert, sich gewerkschaftlich zu engagieren.
SPIEGEL ONLINE: Sie können gut reden. Die Vereinigung Cockpit hat einen Organisationsgrad von mehr als 80 Prozent.
Streicher: Ja, aber das macht doch die Macht einer Gewerkschaft aus: Je mehr Mitglieder sie hat, desto stärker ist sie. Die großen Gewerkschaften können eine Menge von uns lernen.
SPIEGEL ONLINE: Piloten aller Branchen, vereinigt Euch?
Streicher: Wenn einige andere Gewerkschaften so weitermachen wie in den vergangenen Jahren und immer nur Rückzugsgefechte führen, dann bekommen wir bald in unserem Land massive soziale Probleme. Ich wünsche uns allen starke Gewerkschaften, die wieder von einer breiten Basis der Arbeitnehmer getragen werden und so ihrer sozialen Verantwortung in unserer Gesellschaft gerecht werden.
Das Interview führte Sven Böll
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Das ist ja wieder eine Umfrage! Kopfgeschüttel! Jede Arbeit hat seinen Preis - und ob die Piloten zu "wenig verdienen" - kann man doch nicht beurteilen - jedenfalls kaum einer der Foristen - sonst müssten Unerlagen [...] mehr...
Die Lufthansa hat hierzulande nicht (mehr) das Beförderungsmonopol beim Luftverkehr. Deshalb dürfen die auch streiken. Aber bitte: wenn die LH in finanzielle Turbulenzen gerät: dann geht sie im Zweifelsfall bitte auch Pleite! mehr...
Sie können ja die Maschinen der Lufthansa, von "Aufstocker" fliegen lassen. mehr...
Lokführere schon recht, aber die LH Piloten sind halt eine Glaubensgemeinschaft, sie glauben, das das Beste gerade gut genug ist ! mehr...
Bevor Sie sich erdreisten, alle unter einen Hut bringen zu wollen: Als die Kollegen streikten, wollten Sie nur das haben, was vor dem ganzen Privatisierungswahn bezahlt wurde. Und das war schon lächerlich wenig. Durch die [...] mehr...
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