Von Michael Kröger
Berlin - Der Mann steht nicht eben wie ein strahlender Held da. Er vertieft sich gerne in Unterhaltungsliteratur oder spielt mit seiner Modelleisenbahn - Hobbys, die im Allgemeinen eher Besitzern von Reihenhäusern in der Vorstadtsiedlung zugeschrieben werden und nicht hochrangigen Konzernführern.
Auch beruflich lief nicht immer alles nach Plan. Im Jahr 2006 wurde er von dem damaligen
RAG-Chef Werner Müller vom Chefposten bei Degussa weggebissen. Im November 2009 musste er seinen Aufsichtsratsposten beim Graphit-Spezialisten SGL Carbon
räumen, um Platz für die neuen Mehrheitsaktionären Susanne Klatten zu machen.
Doch jetzt hat er es endgültig geschafft: Utz-Hellmuth Felcht wird Aufsichtsratschef der Deutschen Bahn. Die Bundesregierung verständigte sich am Sonntag auf den 63-Jährigen Chemieprofessor, der als Vertrauter von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer gilt.
Lange Suche nach dem Nachfolger für Müller
Felcht löst damit ausgerechnet jenen Mann ab, der ihm einst den einschneidenden Karriereknick bescherte: RAG-Chef Müller. Je nach Perspektive wird man seine Ernennung jetzt wohl als Auszeichnung oder als nachträgliche Misstrauensbezeugung gegen Müller interpretieren.
Trotzdem: So richtig strahlen will der Stern auch jetzt nicht. Zu gut ist die enervierende Diskussion um die Neubesetzung einer der wichtigsten Posten in der deutschen Industrie noch in Erinnerung. "Ich finde diesen Prozess nicht sehr schön", befand selbst der ansonsten betont zurückhaltende Bahn-Chef Rüdiger Grube in der vergangenen Woche. "Das hätte man besser machen können."
Der Prozess zog sich Wochen hin, ein halbes Dutzend potentieller Aufsichtsratschefs wurden genannt, diskutiert und wieder verworfen, darunter der ehemalige Commerzbank -Chefaufseher Klaus-Peter Müller, oder Heinrich Weiss, der den Anlagenbauer SMS leitet. Gehandelt wurde auch Hans-Peter Keitel, Chef des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI) und Ex-Metro-Chef Hans-Joachim Körber. Auch über Bernd Pischetsrieder, Ex-Chef von VW, wurde nachgedacht.
Und wieder hängt es vom Standpunkt ab, ob man Felchts Ernennung als Sieg über große Gegner betrachten will oder als Einigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.
Blitzkarriere bei Hoechst
Betrachtet man seine Karriere genauer, so gibt es jedoch wenig, was gegen den nach außen hin eher spröde wirkenden Naturwissenschaftler spricht. Mit 29 Jahren promovierte er bereits zum Doktor der Chemie und schlug zunächst die wissenschaftliche Laufbahn als Assistent an der Universität Kaiserslautern ein.
1977 startete er seine berufliche Karriere in der Privatwirtschaft bei der damaligen Hoechst AG. Hier schafft er in kurzer Zeit einen bemerkenswerten Aufstieg. Schnell wurde er in Leitungspositionen berufen und rückte schließlich bis in die oberste Führungsebene der Forschungsabteilung vor. Nach einem Auslandsaufenthalt in USA wurde er 1992 in den Hoechst-Vorstand geholt. Dort sah er nach der Abspaltung der Chemie für sich aber keine Perspektiven mehr. Felcht wechselte zu SKW Trostberg nach Bayern. In dieser Zeit knüpfte er auch seine Kontakte zu Verkehrsminister Ramsauer.
2001 schließlich übernimmt Felcht den Posten des Vorstandschefs beim Düsseldorfer Chemiespezialisten Degussa . Hier kreuzte sich sein Weg bald mit dem von RAG-Chef Müller, der Degussa von E.on übernommen hatte und jetzt mit der Chemiesparte von RAG verschmelzen wollte. Zunächst blieb alles friedlich, Felcht wurde sogar in den RAG-Vorstand berufen.
Viele Baustellen bei der Bahn
Doch schon bald zeigten sich die ersten Differenzen über die künftige Geschäftsstrategie. Die beiden Topmanager begannen einen erbitterten Kleinkrieg, schließlich sogar in aller Öffentlichkeit. Und obwohl dem Chemieprofessor in etlichen Punkten im Nachhinein die richtige Position bescheinigt werden musste, verlor der den Zweikampf und gab sein Amt vorzeitig auf.
Mit dem Posten des Chefaufsehers bei der Bahn stellt sich Felcht jetzt ganz neuen Herausforderungen. Zwar fällt das Ergebnis 2009 trotz der Wirtschaftskrise wohl deutlich besser aus, als die noch zum Jahreswechsel vermuteten 1,5 Milliarden Euro. Doch auf der Soll-Seite stehen etliche Aus- und Neubauprojekte, für die der Konzern jedes Jahr mehr als eine halbe Milliarde Euro benötigt. Für einen Großteil der 47 Projekte der Bahn, die im Bundesverkehrswegeplan als "vordringlich" eingestuft werden, gibt es noch immer keine ausreichende oder gar keine Finanzierung.
Felcht wird in diesem Zusammenhang die Aufgabe zufallen, Politik und Gewerkschaftern gleichzeitig mit einzubinden. Dabei wird er sich zu seinem Verdruss wohl an seinem Vorgänger messen lassen müssen, der dieses Metier bis zur Vollendung beherrscht hat.
Ginge es nach Grube, müsste der machtbewusste Müller ohnehin nicht unbedingt gehen - die beiden kamen gut miteinander aus. Doch Verkehrsminister Ramsauer störte sich nicht nur an Müllers SPD-Nähe. Er wollte auch einen Neuanfang im Aufsichtsrat - nachdem bereits der Vorstand fast vollständig ausgewechselt wurde.
Auf anderen Social Networks posten:
... kennt auch seine Putzfrau. Gut dass die den Job nicht bekommen hat. Sie war wahrscheinlich die Alternative wenn es der Felcht nicht gemacht hätte ;-). Das zeigt aber nun schon wie seitens der Politik Pöstchen vergeben werden. [...] mehr...
Die Berufung dieses Mannes in ein für ihn sachfremdes Aufgabengebiet ist fragwürdig und riecht nach Veternwirtschaft. Die Politiker lassen halt ihre Spezis nicht verkommen. Noch schnell einen Versorgungsposten vor der Pension, [...] mehr...
Das sich unsere Politiker, einmal an der Macht, bestens selbst zusätzlich versorgen, ist ja wohl keine Neuigkeit. Ob Bundesbank- oder -bahn, ob öffentlich-rechtliche Medien, wiss. Institute, regierungsnahe Firmen, [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wirtschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte | RSS |
| alles zum Thema Deutsche Bahn | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH