Wirtschaft


ThemaEnergietechnologieRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
14.04.2010
 

Stadtwerke-Renaissance

Angriff auf die Energie-Giganten

Von Ralph Diermann

Hamburg Energie-Geschäftsführer Beckereit: Eigener Strom aus SonnenenergieZur Großansicht
DPA

Hamburg Energie-Geschäftsführer Beckereit: Eigener Strom aus Sonnenenergie

Es ist ein ungleicher Kampf gegen die Konzerne: Zahlreiche Kommunen wollen sich zum Versorger aufschwingen, Strom- und Gasnetze kaufen. Sie hoffen auf satte Renditen und eine bessere Klimabilanz. Doch die Energieriesen wollen die Infrastruktur nicht ohne Widerstand hergeben.

München - Olfen, Ascheberg, Havixbeck, Billerbeck, Nordkirchen, Senden, Rosendahl, Lüdinghausen: Diese Kommunen machen gemeinhin eher selten Schlagzeilen in überregionalen Medien. Doch das ändert sich jetzt: Denn die acht aus dem Münsterland nehmen es mit einem Giganten der Energiebranche auf. Sie wollen RWE Chart zeigen die Stromversorgung in ihrer Region entreißen.

Im vergangenen Sommer haben die Kommunen gemeinsame Stadtwerke gegründet; 2013 wollen sie zusammen mit einem Partner das lokale Stromnetz des Energiekonzerns übernehmen. Es ist ein ungleicher Kampf: In den acht Kommunen leben insgesamt 115.000 Einwohner, RWE beschäftigt allein 65.000 Mitarbeiter.

Dennoch liegt die Initiative im Trend. Seit eine Gruppe von Stadtwerken dem Energieriesen E.on Chart zeigen für 2,9 Milliarden Euro die Versorgergruppe Thüga abgekauft hat, wollen Kommunalpolitiker landauf, landab ins Energiegeschäft einsteigen. "Jede Verwaltung, die verantwortungsvoll agiert, setzt sich heute mit dem Thema auseinander", sagt der Rechtsanwalt und Energieexperte Christian Marthol von der Kanzlei Rödl & Partner.

Tatsächlich sind die Chancen für einen Einstieg ins Energie-Business so günstig wie lange nicht mehr. Allein in den nächsten zwei Jahren enden etwa 2000 Konzessionsverträge, mit denen Städte und Gemeinden Anfang der neunziger Jahre ihre Strom- und Gasnetze in die Hände privater Energieversorger gegeben haben. Damals galt Energieversorgung vielen Kommunen als lästige, kostspielige Aufgabe und der Verkauf der eigenen Netze als attraktive Einnahmequelle.

Großeinstieg in den Energiemarkt

Jetzt denken die Gemeinden anders: Strom gilt wieder als attraktive Investition. Stromnetze als Infrastruktur, mit der sich gutes Geld verdienen lässt. Ihre Umsatzrendite liegt oft bei sechs bis sieben Prozent.

Zudem können die Städte und Gemeinden mit dem Rückkauf der Stromnetze ihre Klimabilanz aufpolieren. Sie können Ökostrom am Markt einkaufen oder selbst produzieren und diesen dann über die eigenen Netze vertreiben. "Viele Kommunen wollen erneuerbare Energien fördern und den Bau von Biogas- oder Solaranlagen forcieren. Die Netzübernahme ist da nur der erste Schritt; der zweite ist oft der Aufbau eines Vertriebs sowie eigener Anlagen zur Energieproduktion", erklärt Marthol.

Etwa an der Elbe: Hier gewinnt das im vergangenen Jahr gegründete Kommunalunternehmen Hamburg Energie zurzeit täglich zwischen 50 und 100 neue Stromkunden. Die Energie stammt aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, Wasserkraftwerken und eigenen Windkraft- und Solaranlagen. Wenn die Konzessionsverträge mit Vattenfall Ende 2014 auslaufen, könnten die Stadtwerke auch das Stromnetz übernehmen. "Die Stadt prüft das gerade", sagt Unternehmenssprecher Carsten Roth.

Der Konflikt der kommenden zwei Jahre ist damit vorgezeichnet. Viele Kommunen dürften die Konzessionen der Stromriesen für die Netze nicht verlängern - und die Energieversorger versuchen, vor dem Verlust der Netze noch einmal abzusahnen. In der Zeit, in der sie über die Infrastruktur verfügten, haben sie die Netze ausgebaut - jetzt verlangen sie von den Kommunen dafür eine Gegenleistung.

Millionenpoker ums Stromnetz

Im nordhessischen Wolfhagen etwa zogen sich die Verhandlungen zwischen den Stadtwerken und E.on über den Rückverkauf der Netze über fünf Jahre hin. In Springe bei Hannover trugen die Kommunen ihren Streit mit E.on um den Wert des Netzes gleich vor Gericht aus. Am Bodensee, wo sieben Gemeinden die Strom- und Gasnetze von EnBW übernehmen wollten, konnte erst die Bundesnetzagentur den Konzern zur Rückgabe bewegen.

Der Verhandlungspoker mit den Konzernen ist nur eine von vielen Hürden, die die Kommunen auf dem Weg zur Energiemacht nehmen müssen. Immerhin wollen sie sich auf einem hart umkämpften Markt betätigen, Profis mit großem Wissensvorsprung die Stirn bieten.

Die Energieriesen kämpfen erbittert um Kunden, zudem gibt es juristische Risiken bei der Übernahme: So existieren keine Präzedenzurteile zur Berechnung des Werts der Netze. Auch technisch ist die Übernahme kein Kinderspiel; die Entflechtung der Netze könne sehr aufwendig und teuer sein, sagt Energieexperte Marthol. Den Kommunen fehlt zudem oft die Kompetenz für den Netzbetrieb - dabei stehen sie gerade in diesem Bereich vor großen Herausforderungen.


Die dezentrale Einspeisung von Strom etwa aus Solaranlagen und Windrädern nimmt rapide zu. Die Energieversorgung wird dadurch unbeständiger, die Netze müssen immer größere Stromschwankungen ausgleichen. Ihre Aufrüstung zum sogenannten Smart Grid (siehe Fotostrecke) dürfte viele Milliarden Euro kosten.

Die Konzerne warnen ihre potentiellen künftigen Konkurrenten schon mal vor: "Kommunen, die ein Strom- oder Gasnetz übernehmen, müssen erst einmal den Kaufpreis für die Anlagen bezahlen", sagt RWE-Sprecher Wolfgang Schley. "Sie übernehmen unternehmerische Verantwortung, mit Chancen, aber eben auch mit technischen und wirtschaftlichen Risiken."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 18 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
24.04.2010 von Bodenseemann: mehr als 2 KKW's zusammen

Auf jeden Fall mehr Strom als die abgeschalteten Pannen-KKWs von Vattenfall zusammen. So oft kann es gar nicht schneien, dass die Photovoltaik auch nur annäherd die Produktionsausfälle hat als die extrem unzuverlässigen KKW's. [...] mehr...

14.04.2010 von n+x: Das Bild

Ich finde das Bild am Anfang des Artikels gut. Beckereit post vor seiner PV-Anlage, die Unterschrift "Hamburg Energie-Geschäftsführer Beckereit: Eigener Strom aus Sonnenenergie" Wäre mal interessant, wie viel Strom die [...] mehr...

14.04.2010 von Neinsowas: alternative Energien...

Habe neulich einen interessanten Film über einen Ingenieur in XXX? gesehen, der kleine Turbinen für Wasserkraft baut und damit im bergigen Land modernisiert an Wassermühlen anknüpft. Allein Lizenzen zu bekommen, beklagte er, [...] mehr...

14.04.2010 von kanadasirup: Fehler

Erstens sind es gerade die Stadtwerke, die den Verbraucher abzocken (und nicht die Großkonzerne) um ihre klammen Haushalte zu stopfen, zweitens sollte man sich mal überlegen, ob es Aufgabe der öffentlichen Hand sein sollte, mit [...] mehr...

14.04.2010 von view3000: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

Monopolstrukturen, wie sie die vier großen Energieversorger in Deutschland aufgebaut haben, wirken den Liberalisierungsbemühungen dieser Branche entgegen. Der Strom- und Gaskunde hatte das Nachsehen. Wären die big 4 etwas [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Unternehmen & Märkte
alles zum Thema Energietechnologie

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Großansicht
VKU


Stadtwerke

Etwa zwölf Prozent des Stroms, den die Stadtwerke heute selbst erzeugen, stammt auch Wind-, Solar-, Bioenergie- oder Wasserkraftanlagen. Damit liegt der Ökostromanteil der Kommunalunternehmen höher als bei E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW, die auf ein (Vattenfall) bis elf (EnBW) Prozent kommen - ohne Wasserkraft sind es bei den privaten Versorgern nur ein bis drei Prozent. Die Stadtwerke wollen ihre Ökostromquote in den nächsten Jahren erhöhen: 68 Prozent der künftigen Kraftwerks-Investitionen in Höhe von 2,5 Milliarden Euro sollen in den Ausbau der Erneuerbaren Energien fließen.

Mehr über erneubare Energien auf der Themenseite...


Vor-/Nachteile der Energieträger

Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.

Erdöl

Erdgas

Kohle

Atomenergie

Wasser

Wind

Sonne

Biomasse

Erdwärme


Verbrauchertest

DDP
Die Strompreise steigen, vielen Bürgern drohen saftige Mehrkosten. Da hilft nur eines: den Verbrauch senken - und zwar schnell. Überprüfen Sie im SPIEGEL-ONLINE-Test, ob Sie das Zeug zum Energiesparer haben!



TOP



TOP