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12.03.2010
 

Finanz-Crash

Lehman Brothers kaschierte Pleitegefahr mit Bilanztricks

Lehman-Zentrale (September 2008): Höhepunkt der FinanzkriseZur Großansicht
AP

Lehman-Zentrale (September 2008): Höhepunkt der Finanzkrise

Schockierende neue Erkenntnisse zur Lehman-Pleite: Einem umfassenden Untersuchungsbericht zufolge hat die insolvente US-Investmentbank monatelang ihre Bilanz frisiert, um Milliardenschulden zu verstecken. Der Crash des Instituts gilt als Mitauslöser für die Weltwirtschaftskrise.

New York - Der Wirtschaftskrimi um Lehman Brothers geht in eine neue Runde: Einem umfassenden Prüfbericht zufolge war die US-Investmentbank bereits Wochen vor ihrem Kollaps im September 2008 zahlungsunfähig. Doch das Wall-Street-Institut habe seine Probleme mit Bilanztricks kaschiert und so Anleger, Geschäftspartner und Aufsichtsbehörden in die Irre geführt.

Zu diesem Ergebnis kommt ein 2200 Seiten starker Untersuchungsbericht. Er war im Februar fertiggestellt worden und wurde nun am Donnerstag vom zuständigen Insolvenzrichter für die Öffentlichkeit freigegeben (das vollständige Dokument finden Sie hier).

Chef-Ermittler Anton Valukas schreibt in dem Papier, dass die Investmentbanker mit geschickten Buchungen einen Teil der Risiken aus den Büchern verschwinden ließen. Lehman hatte den Großteil des eigenen Geldes in langfristige Anlagen gesteckt. Um für neue Geschäfte flüssig zu bleiben, nahm die Bank mit diesen Vermögenswerten als Sicherheit kurzfristige Kredite auf.

Diese sogenannten Repo-Geschäfte sind ein normaler Vorgang in der Finanzwelt. Unter dem Codenamen "Repo 105" pervertierten die Lehman-Banker das Verfahren jedoch: Sie gaben für die Kredite höhere Sicherheiten als sie üblicherweise hätten geben müssen. In den Büchern sah es durch diesen Trick nun so aus, als ob Lehman die Vermögenswerte verkauft hätte. Der Schuldenberg schrumpfte damit rein optisch um 50 Milliarden Dollar. Tatsächlich handelte es sich aber weiter nur um einen Kredit, den die Bank manchmal nur Tage später wieder zurückzahlen musste.

Letztlich kollabierte Lehman unter einem Schuldenberg von mehr als 600 Milliarden Dollar. Der Zusammenbruch war die größte Unternehmenspleite in der Geschichte der USA, die Bank wurde im Eiltempo zerschlagen, übrig blieben Zehntausende Geschädigte, darunter auch viele deutsche Kleinanleger.

Was wusste Lehman-Chef Richard Fuld?

Der Lehman-Crash gilt als Höhepunkt der Finanzkrise und als einer der Auslöser für die schwerste Rezession in der Nachkriegszeit. Ab diesem Zeitpunkt verloren die Banken jegliches Vertrauen zueinander. Nur das massive Eingreifen der Regierungen hielt die weltweiten Märkte notdürftig am Laufen. Die Zeche zahlen die Bürger bis jetzt.

Der Bericht ist das Ergebnis einer mehr als einjährigen Recherche des Rechtsanwalts. Zusammen mit seinem Stab sichtete Valukas mehrere Millionen Dokumente und führte zahlreiche Interviews. Das Dokument wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf die damalige Bankführung, sondern auch auf die Buchprüfer von Ernst & Young, die die Lehman-Bilanz seinerzeit untersuchten.

Die Bilanz-Tricks waren offenbar auch bei manchen Angestellten der Investmentbank umstritten. Lehmans Chef-Finanzkontrolleur Martin Kelly habe gegenüber Valukas betont, dass er die Ex-Finanzchefs Erin Callan und Ian Lowitt vor dem Manöver gewarnt habe, zitiert das " Wall Street Journal" aus dem Bericht. Er habe darauf hingewiesen, dass die Bilanztricks, sollten sie jemals öffentlich werden, den Ruf der Bank nachhaltig schädigen könnten.

Auch der Lehman-Manager Bart McDade wurde von Valukas interviewt. Wie aus dem Bericht hervorgeht, hat er die Bilanztricks nach eigenen Angaben en Detail mit Ex-Bankenchef Richard Fuld besprochen. McDade habe die Auslagerung von Risiken als "eine weitere Droge" bezeichnet, an der sich die Bank berauscht habe, berichtet das "Journal". Und er hat nach eigenen Angaben versucht, die Bilanztrickserei zu begrenzen. Zu dem Zeitungsbericht äußerte er sich auf Anfrage zunächst nicht.

Trotz eindeutiger Faktenlage wirft Valukas dem Management der Bank kein umfassendes Fehlverhalten vor. Zwar könne man einige Entscheidungen des Managements rückblickend in Frage stellen, und die Methoden zur Bewertung der Vermögenswerte seien möglicherweise unzulänglich gewesen, heißt es in dem Bericht. Die Verantwortlichen seien jedoch größtenteils nicht haftbar für den Zusammenbruch der Bank.

ssu/dpa/Reuters

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Lehren aus dem Kollaps

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"Die Banken setzen die Lehren aus der Krise Schritt für Schritt um. Schwerpunkt dieser Reformen ist das Risikomanagement: Die gewohnten Modelle werden gründlich überarbeitet, Stresstests intensiver eingesetzt. Die Banken haben ihr Eigenkapital erhöht, die Fremdfinanzierung ihrer Geschäfte abgebaut, ihre Liquiditätspuffer verstärkt, die Abhängigkeit von kurzfristigen Geldern verringert und die Strukturen von Forderungen und Verbindlichkeiten noch mehr miteinander in Einklang gebracht. Überkomplexe Finanzprodukte sind zugunsten mehr standardisierter und transparenter Produkte aus dem Angebot verschwunden. Die Leitlinien für die Kundenberatung wurden überarbeitet, und besonders für Verbriefungen und Derivate entstehen derzeit übersichtlichere und solidere Marktinfrastrukturen. Nicht zuletzt passen die Banken aber auch ihre Vergütungsmodelle an. Ziel ist dabei, die Vergütung noch besser am nachhaltigen Erfolg und den längerfristigen Interessen der Aktionäre auszurichten."

Lloyd C. Blankfein, Vorstandsvorsitzender von Goldman Sachs

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