Von Marc Pitzke, New York
Gordon Gekko lebt. Frisch aus der Haft entlassen, treibt der Star-Schurke aus Oliver Stones Finanzthriller "Wall Street" bald wieder sein Unwesen - 23 Jahre älter, grauer und (ein bisschen) geläutert. Ende September kommt Stones Fortsetzung "Wall Street: Geld schläft nicht" in die Kinos. Michael Douglas wird darin nicht nur seine Oscar-Rolle als Gekko wiederholen, sondern auch sein legendäres Kapitalisten-Mantra von 1987: "Gier ist gut."
Diesmal jedoch fügt er einen erstaunten Satz hinzu: "Jetzt scheint das sogar legal zu sein."
Klartext: Aus dem unerlaubten Kungel der achtziger Jahre ist der erlaubte Kungel dieser Krisentage geworden. Stones Rückkehr an die Wall Street ist somit ein perfektes Fanal für die Ära des sanktionierten Schwindels, die im Crash von 2008/9 kulminierte. Das entsetzt selbst den eiskalten Gauner Gekko: "Haben da draußen alle den Verstand verloren?"
Wer aber glaubt, Stones Kapitalismuskritik offenbare eine Antipathie zwischen Hollywood und der Wall Street, der täuscht sich. Im Gegenteil: Beide Seiten sind seit langem in einer engen Liaison verstrickt. Hollywood finanziert viele Filme mit Hilfe von Großbanken und Hedgefonds - der Blockbuster "Avatar" zum Beispiel stützte sich auf Gelder zweier Private-Equity-Firmen. Im Gegenzug finden gestürzte Wall-Street-Fürsten Zuflucht in Hollywood: So versucht sich Warren Spector, Ex-Präsident des untergegangenen Geldhauses Bear Stearns, neuerdings als Filmproduzent.
Aus virtuellen Spieleinsätzen werden echte
Jetzt will die Wall Street diese Zusammenarbeit noch forcieren - und mit einem neuen Zocker-Vehikel von der ungebrochenen Kinolust der Amerikaner profitieren. Im April soll in Chicago, dem Standort der weltgrößten Warenterminbörse CME, ein weiterer Futures-Markt eröffnen. An dem wird dann nicht mit Schweinebäuchen oder Rindern spekuliert, sondern mit Einspielergebnissen von Filmen.
Cantor Exchange heißt das Projekt, das Unternehmen ist eine Tochter der Finanzfirma Cantor Fitzgerald. Diese errang traurige Berühmtheit, als sie bei den Anschlägen des 11. September 2001 im World Trade Center 658 Mitarbeiter verlor. Eine Woche zuvor hatte sich Cantor eine Idee genehmigen lassen, die jetzt, fast neun Jahre später, Realität wird: die Film-Börse, kurz CX.
An ihr sollen Investoren und Spekulanten mit den Kino-Einspielergebnissen Hollywoods viel Geld verdienen können. Wahlweise natürlich auch verlieren. Es ist eine reale Version der Internetbörse Hollywood Stock Exchange (HSX.com), die mit virtuellen Spieleinsätzen jongliert und im Mai 2001 von Cantor gekauft worden war.
Die künftigen CX-Teilnehmer - Laien wie Insider, Kinogänger wie Kinomacher - können dabei auf den Erfolg (oder Misserfolg) von Filmen wetten, ähnlich wie die CME-Finanzhaie auf das Auf und Ab von Devisenkursen und Rohstoffpreisen. Erste Einlagen dürfen schon ab diesem Montag erfolgen, eröffnet wird das Geschäft dann am 20. April. Sanfte Ironie am Rande: Abgewickelt werden die modernen Risikohändel über die Minneapolis Grain Exchange - die historische US-Weizenbörse.
200.000 potentielle Spieler
Cantor hofft, dabei kräftig abzukassieren. "Ich arbeite seit langer Zeit in der Futures-Branche", sagte CX-Präsident Richard Jaycobs, ein ehemaliger Geschäftsführer der Baumwollbörse New York Cotton Exchange. "Keines der Produkte hat einen solchen allumfassenden Reiz. Dies hat einfach ein enormes potentielles Publikum." Die virtuelle Konkurrenz der HSX.com hat allein 200.000 aktive "Spieler", die Cantor jetzt zu realen Einsätzen verlocken will.
Die Rechnung könnte aufgehen. Im vergangenen Jahr spielten Hollywood-Filme in den USA insgesamt 10,6 Milliarden Dollar ein, zehn Prozent mehr als 2008 - vor allem dank "Avatar". Der erfolgreichste Film aller Zeiten verdiente bisher weltweit 2,6 Milliarden Dollar und bescherte der News Corporation - dem Medienkonzern Rupert Murdochs, dem das Filmstudio 20th Century Fox gehört - einen 44-prozentigen Gewinnschub fürs letzte Quartal.
Da wittern nun natürlich auch die Spekulanten Profit, denn kein Wachstumsmarkt bleibt ungenutzt. Allerdings dürfte sich hinter dieser "bemerkenswerten Gelegenheit für Investoren, Liquidität zu schaffen" (Cantor-PR) nichts anderes verbergen als eine weitere Mutation des bekannten "Hightech-Casinos" ("Washington Post"), zu dem die Wall Street verkommen ist. Das zeigt ein Blick hinter die Kulissen der CX - denn da funktioniert alles wie gehabt.
Verdacht auf Insiderhandel
Die Börse bietet die Filmtitel ein halbes Jahr vor dem Kinostart als Domestic Box Office Receipts (DBOR) zur Auktion an - die CX-Version von Terminkontrakten. Der Trader kauft diese zu einem durch den Handel festgesetzten Preis: 100 Dollar für jede Million Dollar, die der Streifen einzuspielen verspricht. Nach vier Kinowochen wird abgerechnet: Brachte der Film mehr ein, verdient der Investor im entsprechenden Anteil (100 Dollar pro Million Dollar Einspieldifferenz). Oder umgekehrt.
Es ist das gleiche System wie bei klassischen Termingeschäften. Das Ridley-Scott-Drama "Robin Hood" mit Russell Crowe und Cate Blanchett zum Beispiel, das Mitte Mai ins Kino kommt, wurde auf der "Übungsseite" von Cantor zuletzt mit 167 Millionen Dollar gehandelt. Ein DBOR kostet also 167 Dollar. Ist der Film ein Hit und spielt 200 Millionen Dollar ein, verdient der Investor pro Kontrakt 33 Dollar. Ist er aber ein Flop und spielt nur 50 Millionen Dollar ein, verliert der Investor pro Kontrakt 117 Dollar.
Das Ganze riecht schwer nach Insiderhandel. Denn die Filmproduzenten, Vertriebsfirmen, Regisseure und anderen Beteiligten dürfen genauso mitwetten wie außenstehende Laien. Cantor ermutigt sie sogar: Durch gezielte Deckungsgeschäfte (Hedging) könnten sie sich über die CX gegen Verluste absichern, so sie einen Misserfolg ihres Films befürchteten.
Unfaire Vorteile für Hollywood-Kenner
Was eine berechtigte Frage aufwirft: "Wer weiß mehr über den Film?", fragte verwundert der Finanzberater Clark Hallren in der "New York Times". "Das Studio, das den Film gedreht hat, oder das Publikum?" Kritiker fürchten, dass Hollywood-Insider - die einen Film als erste zu sehen bekommen - unfaire Vorteile haben könnten. Außerdem biete sich Missbrauch an. Wenn ein Produzent auf einen Flop spekuliere, könnte er diesen intern manipulieren. Zum Beispiel indem er das Werbebudget des Films kappt.
Die Methode erinnert außerdem verdächtig an die berüchtigten Credit Default Swaps (CDS) - jene Finanzvehikel, mit denen sich die Großbanken gegen das Platzen von Krediten schützen können. Auf dem Höhepunkt der Krise stürzten sie sich so selbst in den Abgrund. Diese "finanziellen Massenvernichtungswaffen" (Investorenlegende Warren Buffet) hatten zum Beinahekollaps des Versicherungsriesen AIG geführt.
Die CX-Börse sei nur eine weitere Ausgeburt "der riskanten Familie finanzieller Produkte, die die Finanzkrise mit losgetreten haben", schreibt Nick Baumann im investigativen Magazin "Mother Jones" unter der Überschrift "Subprime goes Hollywood". Eine Anspielung auf die Hypothekenkrise von 2008. "Das ist in vielerlei Hinsicht eine schlechte Idee", zitiert er die kalifornische Juraprofessorin Lynn Stout.
So gesehen trifft Oliver Stones "Wall Street: Geld schläft nicht" mal wieder ins Herz. Der Film porträtiert eine "korrupte, kollabierende Welt", wie es "Vanity Fair" diesen Monat in einer Titelgeschichte formuliert. Doch trotz des großen Vorabrummels und einer geplanten Gala-Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes halten sich die CX-Spekulanten noch zurück. Derzeit sprechen sie dem Film ein Box-Office-Ergebnis von nur 96 Millionen Dollar zu.
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"Stupid German Money", das wurde in Hollywood von den gleichen Freunden erfunden die an der Wallstreet A+D-Zertifikate (Alt & Doof Zertifikate) erfunden haben. Zu diesem Kreis von Finanzbetrüger gehört auch [...] mehr...
einfach klasse! jetzt warte ich nur noch darauf,dass durch entsprechende lobbyarbeit in der eu auch wir bei dieser tollen idee dabeisein können.schliesslich dürfen wir,darf europa da doch nicht hinter den usa hinterherhinken,wo [...] mehr...
Ich spiele seit über 10 Jahren an der Hollywood Stock Exchange (bin dort mit 1.8 Mrd H$ auf Platz 380 von ~150.000 Spielern), habe aber seit einiger Zeit die Motivation ein bisschen verloren und auch nicht mehr so die Zeit dazu. [...] mehr...
Wetter-Derivate sind auch sehr zweckmäßige Instrumente für Landwirte, Konzert-, Sport- und sonstige Eventveranstalter, etc., also für alle, die sich gegen schlechtes Wetter absichern wollen. Wobei "schlecht" auch ein [...] mehr...
die folgen sind weitreichender als nur monetär. Beschäftigen sie sich mal mit der Geschichte von bankenkrisen/Finanzkrisen im großen Stil . Die sind meistens mit ganzen Staatskrisen, Politischen Unruhen Armut usw. Hand in hand [...] mehr...
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