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11.04.2010
 

Preisexplosion bei Rohstoffen

Deutschland droht die Stotter-Inflation

Ein Kommentar von Henrik Müller

Geldscheine: Die Inflationserwartungen steigenZur Großansicht
Getty Images

Geldscheine: Die Inflationserwartungen steigen

Die Rohstoffpreise ziehen kräftig an, weltweit wächst die Inflationsgefahr - doch die Notenbanken reagieren nicht. Damit wird ein Horrorszenario immer wahrscheinlicher: Stagflation, also Stotterwirtschaft bei gleichzeitig hoher Teuerung.

Hamburg - Die gegenwärtige Lage erinnert an den Sommer vor der Krise. Bis zur Jahresmitte 2008 hatte sich der Rohstoffboom in eine rauschende Party hineingesteigert: Öl, Erz, Getreide - alles wurde dramatisch teurer. Und die Preissteigerungen schwappten bereits in die übrige Wirtschaft hinüber: Die Lebenshaltungskosten stiegen, die Lohnforderungen ebenso, die Inflationsraten zogen empfindlich an - rund um den Globus. Noch im Juli 2008 erhöhte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins. Die Botschaft damals: keine Chance der Inflation, trotz bereits schwelender Finanzkrise.

Dann kamen die Lehman-Pleite und der Absturz der Weltwirtschaft. Fortan redeten Volkswirte von Deflation, nicht mehr von Inflation.

Bislang bleiben Signale der Notenbanken aus, wie gerade wieder bei der monatlichen Sitzung des EZB-Rats deutlich wurde. Immer noch operieren sie im Krisenmodus. Der Ausstieg aus den Notfallprogrammen verläuft schleppend: Zaghaft beginnt die EZB, den Banken Geld zu entziehen. Die Schuldenkrise in Griechenland und Co. plagt das Euroland. Entschlossene Zinserhöhungen sind auch deshalb für dieses Jahr nicht zu erwarten und für nächstes Jahr fraglich.

Dabei steckt die Weltwirtschaft bereits in einer ähnlichen Preisdynamik wie 2007/2008: Der HWWI-Index der Rohstoffpreise liegt wieder knapp unter dem Höchststand vom Juli 2008. Im März stieg der Index gegenüber dem Vorjahresmonat um 52 Prozent. Energierohstoffe legten um 61 Prozent zu, Nichteisenmetalle gar um 80 Prozent. Für Eisenerz, ein Markt, dessen Strukturen sich gerade komplett verändern - womöglich zum Schaden der deutschen Industrie -, erwartet das HWWI einen Preissprung um dramatische 90 Prozent.

Gerät die Inflation außer Kontrolle?

Noch mehr Indizien? In drei Vierteln der OECD-Länder steigen bereits wieder die realen Immobilienpreise, wie die OECD gerade vorgerechnet hat. Und das auf historisch immer noch sehr hohen Niveaus. Noch mehr? Die Inflationserwartungen steigen - bislang nicht dramatisch, aber doch merklich.

Sollten die Notenbanken nicht allmählich reagieren und die Finanzbedingungen straffen? Droht die Lage an der Preisfront nicht außer Kontrolle zu geraten?

Die Notenbanker neigen bislang eher dazu, die Dinge laufenzulassen. Sie stützen sich insbesondere auf drei Argumente: Erstens solle die Geldpolitik nicht auf kurzfristige Schwankungen der chronisch volatilen Rohstoffpreise reagieren, sondern auf mittelfristige Preistrends.

Zweitens könne die westliche Geldpolitik wenig an der Rohstoffnachfrage ändern, weil die Hauptnachfrager inzwischen in den Schwellenländern sitzen. Bei Rohöl beträgt ihr Marktanteil bereits 52 Prozent, bei Aluminium 59 Prozent, bei Kupfer 62 Prozent, bei Weizen sogar 71 Prozent, so Kalkulationen des Internationalen Währungsfonds. Die Konjunktur in den Schwellenländern bestimme also letztlich über die Rohstoffpreise, die westlichen Notenbanken könnten daran gar nichts ändern.

Und drittens gebe es im Westen keine Inflationsgefahr, weil die Arbeitslosigkeit nach wie vor hoch sei. In der Tat: Um die zehn Prozent liegen die Quoten in den USA und im Euroland. Man könne also davon ausgehen, so die herrschende Meinung, dass große freie Kapazitäten vorhanden seien und dass die deshalb dezimierte Gewerkschaftsmacht Lohnerhöhungen nicht zulasse.

Die globale Geldschwemme treibt die Rohstoffpreise in die Höhe

Doch diese Argumente sind nicht stichhaltig. Denn: Wir erleben einen fundamentalen Aufwärtstrend der Rohstoffpreise, keine kurzfristigen wilden Preisschwankungen. Dafür ist auch die extrem expansive Geld- und Fiskalpolitik verantwortlich, nicht nur in Europa und Nordamerika, sondern überall auf dem Globus. Nach wie vor orientiert sich das Gros der Schwellenländer an den großen westlichen Notenbanken, vor allem an der EZB und an der amerikanischen Fed. Die globale Liquiditätsschwemme treibt das Wachstum - bislang vor allem in den Schwellenländern - und die Spekulation, weshalb die Rohstoffpreise in die Höhe schnellen.

Ob die Beschäftigten in Europa und Amerika diesen Entzug von Kaufkraft klaglos hinnehmen werden, darf bezweifelt werden. Wenn die Lebenshaltungskosten steigen, werden die Bürger versuchen, höhere Einkommen durchzusetzen. Auch wenn die Arbeitslosenquoten vergleichsweise hoch bleiben. Eine Lohn-Preis-Spirale dürfte dann in Gang kommen: Wie in den siebziger Jahren könnte ein Rohstoffschock auch jetzt wieder in eine Ära der Stagflation führen - also Dümpelwirtschaft bei gleichzeitig hoher Inflation.

Damals dauerte es rund zwei Jahrzehnte, die Preisdynamik wieder einzufangen.

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