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12.04.2010
 

Verhör im US-Kongress

Kabarett der Krokodilstränen

Von Marc Pitzke, New York

US-Finanzkrisenkommission: Kollektives Mea Culpa
Fotos
AP

Sie reden sich heraus, rechtfertigen sich, streiten jede persönliche Schuld ab: Die Auftritte früherer Wall-Street-Bosse vor der US-Finanzkrisenkommission sind ein tristes Trauerspiel. Längst ist der Ausschuss ein zahnloser Tiger - während an der Börse alles wieder seinen alten Gang geht.

Der Ausschuss tappte im Dunkeln. Buchstäblich: Um 11.44 Uhr ging das Licht aus. Ex-Notenbankchef Alan Greenspan saß gerade im Zeugenstand und versuchte, griesgrämig wie immer, einer lästigen Frage auszuweichen. Da wurde es in Saal 2123 des Rayburn-Kongressgebäudes plötzlich finster.

Es war wie eine absurde Parabel. Drei Minuten lang hockten sie im Stockfinstern, die Mitglieder der US-Kommission zur Aufklärung der Finanzkrise, ihr widerspenstiger VIP-Zeuge und das Publikum. Schließlich schoben Helfer die schweren Vorhänge an der Stirnseite des Raumes auf. Grelles Tageslicht strömte herein.

Greenspan blinzelte irritiert und setzte seine Aussage fort. Doch der Stromausfall hatte auch alle Mikrofone und Lautsprecher außer Gefecht gesetzt. Seine Worte, ins akustische Vakuum gemurmelt, waren kaum mehr hörbar.

Es störte nicht weiter. Der Zwischenfall symbolisiert den traurigen Zustand der Kommission, die vorige Woche ihre jüngste, dreitägige Sitzungsperiode absolvierte. Die glich einer Farce: Der US-Kongress hatte das Gremium bekanntlich eingesetzt, um Licht in die Ursachen des Finanzcrashs zu bringen. Doch die Ausflüchte der Akteure wie Greenspan verlieren sich längst in der gleißenden Redundanz dieses Unterfangens.

Trotz - oder gerade wegen - der Prominenz der Zeugen wurden die Anhörungen zum müßigen Kabarett der Krokodilstränen. Nach Greenspan rückte das ausgediente Führungsduo der Citigroup Chart zeigen an, der einst größten US-Bank, bevor die Manager sie gnadenlos herunterwirtschafteten: Chuck Prince, seinerzeit Vorstandsvorsitzender, und der damalige Verwaltungsratschef, der frühere US-Finanzminister Robert Rubin. Abgerundet wurde die Prozession der Krisenschuldleugner am Freitag von den beiden einstigen Top-Managern der Hypothekenbank Fannie Mae, Robert Levin und Daniel Mudd.

Opfer eines unberechenbaren Schicksals

Der Tenor war stets der gleiche. Als habe das Laien-Ensemble die Dramaturgie gemeinsam einstudiert: Wir haben unser Bestes versucht, wir konnten es ja nicht ahnen, es tut uns leid.

Doch selbst dieses kollektive Mea Culpa bestand nur aus relativierenden Worthülsen, an denen jede persönliche Haftung abglitt. "Es tut mir leid, dass unsere Managementteams, allen voran ich, den beispiellosen Marktkollaps, der uns bevorstand, wie so viele andere nicht sehen konnten", so verklausulierte Prince das. Auch Rubin - unter dessen Aufsicht die US-Finanzbranche massiv dereguliert worden war - verwässerte seinen Beitrag als Kollektivschuld: "Wir alle tragen Verantwortung, und ich bedauere das sehr."

Anders gesagt: Zu dumm, dass wir Opfer eines unberechenbaren Schicksals geworden sind.

Greenspan - den sie früher mal "das Orakel" nannten - schoss freilich den Vogel ab. Keiner trage Schuld, dass die Krise nicht erkannt und begrenzt worden sei: "Das ist ein von Natur aus schwieriger Job." Ein schönes Orakel!

Was es an Zündstoff hätte geben können, ertrank in typischem Banker-Kauderwelsch, hinter dem sich die Finanztrickser versteckten, wie der falsche Zauberer von Oz hinter Rauch und Vorhang. Auf halbem Wege des Zeugen-Marathons schalteten selbst Insider frustriert ab. "Spätestens am Donnerstagnachmittag", schrieb Peggy Noonan, Kolumnistin des "Wall Street Journal", am Wochenende über die Anhörungen, "konnte ich mich nicht mehr erinnern, warum sie abgehalten wurden".

"An der Wall Street haben Fehler keine Konsequenzen"

Die einzige Einsicht, die am Ende blieb: Die Herren, die sich da als überforderte Statisten gerierten, ließen sich für ihre Inkompetenz fürstlich entlohnen.

Von Prince zum Beispiel hatte sich die Citigroup gleich zu Beginn der Finanzkrise getrennt, nachdem der Konzern unter seiner Ägide 64 Milliarden Dollar an Marktwert verloren hatte. Für diese Meisterleistung bekam er trotzdem 12,5 Millionen Dollar Abfindung. Plus 68 Millionen Dollar Aktien. Plus 1,7 Millionen Dollar Pension. Plus Büro, Limousine und eigenen Chauffeur.

"An der Wall Street", übersetzt Kolumnist Andrew Ross Sorkin von der "New York Times" diese haarsträubenden Zahlen, "haben Fehler keine Konsequenzen". Sein Kollege Frank Rich spricht von einer verrottenden Moral: "Wir leben in einer Kultur, in der Rechenschaft und Verantwortung vergessene Werte sind."

Das gilt jedenfalls auch für Princes Citi-Komplizen Rubin. In seinen acht Jahren bei der Bank kassierte er mehr als 126 Millionen Dollar - eine erkleckerliche Summe für jemanden, der jetzt im Nachhinein behauptet, er sei doch gar "kein substantiver Bestandteil des Entscheidungsprozesses gewesen".

Philip Angelides, der Kommissionsvorsitzende, traute seinen Ohren nicht: "Entweder haben Sie die Strippen gezogen", bellte er, "oder Sie haben am Steuer geschlafen". Rubin ließ nicht erkennen, welche Charakterisierung zutraf.

Doch der Demokrat Angelides und die anderen Ausschussmitglieder - fünf Demokraten, vier Republikaner - konnten sich noch so aufregen, bewirken dürfte das nichts. Ihr Clübchen ist längst zum zahnlosen Papiertiger geschrumpft.

So fand der Spießrutenlauf der Ex-Chefs weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die TV-Nachrichten übertrugen nur Fetzen, und wer die Live-Schaltung auf dem Kongresskanal C-SPAN finden wollte, musste lange suchen. In Manhattan lief sie auf Kanal 148 - zwischen dem Betsender Eternal Word Television Network (EWTN) und Jewelry TV.

Donald Trumps erniedrigende Managerauslese

Überhaupt bestehen immer mehr Zweifel an Sinn und Nutzen dieses ganzen Trauerspiels. Überlastet, unterfinanziert und zerstritten wird die Kommission ihren Abschlussbericht kaum mehr wie geplant zum 15. Dezember vorlegen können. Mickrige acht Millionen Dollar stehen dem Gremium zur Verfügung, um den Billionen-Crash zu recherchieren - die Insolvenzfahnder der Ex-Investmentbank Lehman Brothers allein hatten mehr als viermal so viel. Auch dauerte es Monate, bis Personal angeheuert war. Martin Biegelman, ein Chefermittler, gab bereits resigniert auf.

Derweil machen die Kommissare einander anonym in der Presse schlecht. Angelides - der 2006 die Gouverneurswahl in Kalifornien verlor - halte die zeitraubenden, kontraproduktiven Anhörungen nur ab, um sich neu zu profilieren, zetern seine Kollegen. Oder weisen spitz darauf hin, dass Angelides selbst früher einmal Wahlkampfspenden aus dem Hause JPMorgan Chase Chart zeigen bekommen habe, also befangen sei.

Es ist sowieso längst zu spät. Einfluss auf die Gesetzgebung und Regulierungsbestrebungen im Kongress wird der Ausschuss nicht mehr haben. Die entsprechenden Vorlagen sind lange auf dem Weg - und, dank des massiven Lobbyistenheers der Wall Street, bereits bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Alle Details, die nun noch herauskommen, sind reine Nabelschau.

Das Fußvolk sitzt auf der Straße

Und so geht an der Wall Street alles wieder seinen alten Gang. Gerade erst enthüllte das "Wall Street Journal", dass 18 US-Großbanken - darunter Goldman Sachs Chart zeigen, Morgan Stanley Chart zeigen, JPMorgan Chase, Bank of America Chart zeigen und, ja Citigroup - ihre Schulden und ihr Risiko schon wieder munter verschleiern und schönreden.

Unterdessen sitzt das einstige Fußvolk - jene Abertausende Banker und Broker also, die durch die Krise ihren Job verloren - weiter auf der Straße. Wortwörtlich: Dutzende hockten stundenlang vor dem Trump Tower an der Fifth Avenue, um sich für die neue Staffel der TV-Realityshow "The Apprentice" zu bewerben, Donald Trumps erniedrigender Managerauslese.

Unter ihnen war auch Stan Stasiowski, der 23 Jahre für Lehman Brothers gearbeitet hatte, bis zum bitteren Ende 2008. "Ich habe seitdem noch nichts Festes gefunden", sagt er. Nun wolle er Trump beeindrucken, mit "Hingabe" und der "Fähigkeit, mit Zahlen zu jonglieren".

Immerhin, eins muss man Trump lassen: Die Krisenkommandeure wie Prince, Rubin und Co. hätten es bei ihm nie weit gebracht. Für solche Konsorten hat Trump am Ende jeder Episode sein Markenzeichen-Zitat parat: "You're fired!"

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13.04.2010 von KW-Hoerer: Alles beim alten.

Wir sollten schauen, dass wir demnächst nicht unter die Räder kommen... http://video.google.de/videoplay?docid=-2537804408218048195# http://www.extremnews.com/berichte/zeitgeschichte/347c1242cbf5c5b mehr...

13.04.2010 von wilam: Fliegen

USA, Untersuchungsausschuß Banken Spiegel-Forum Natürlich wird nur herumgeeiert, vor allem weil die Ursache der Krise nicht in Personen, sondern in den Marktgesetzen liegt. Sie ist jedenfalls nicht zu fassen, solange man [...] mehr...

13.04.2010 von irgendwer_bln: Also wie erwartet

Hat denn jemand etwas anderes erwartet? Ich wage mich mal weit aus dem Fenster und sage, dass die Untersuchungskommission die Ursachen bis kommenden Dezember "nicht eindeutig klären konnte". Man muss kein Orakel [...] mehr...

13.04.2010 von Spessartplato: Semper idem!

Können sie einen Zeitabschnitt in der Geschichte angeben, wo dies anders war? Einzige Ausnahme: Hilfsbereitschaft und Solidaridät gab es immer ca. ein Jahr lang-und zwar nach Kriegen oder alle betreffenden Naturkatastrophen. mehr...

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