Von Stefan Schultz
Hamburg - Die gegenwärtige Stimmung im Gasmarkt erinnert an den Goldrausch 1897 am Klondike. Neue Trecks von Glücksrittern ziehen in die Wildnis, um nach wertvollen Rohstoffen zu suchen. Verändert hat sich die Technik: Die Goldgräber siebten mit bloßen Händen im Flusssand, die Gasgräber schwärmen mit monströsen Maschinen aus.
Das Rohstofffieber bricht mal wieder aus - diesmal global. Weltweit wollen sich Energiemultis in den Untergrund bohren, an vielen Orten beginnt noch im laufenden Jahr die Suche nach neuen milliardenschweren Gasvorkommen.
Die Euphorie ist groß. Die Internationale Energieagentur (IEA) spricht von einer "Gasschwemme", der Energieanalyst Daniel Yergin von einer "Gasrevolution". Laut BP-Chef Tony Hayward könnten die Machtverhältnisse in der Branche erschüttert werden, laut dem polnischen Politiker Maciej Wozniak gar die Machtverhältnisse in der Welt. Gut möglich, dass der Energie-Hegemon Russland an Einfluss verliert, sagt Wozniak. Gut möglich, dass selbst Polen durch die Förderung neuer Gasvorkommen zur Energie-Mittelmacht wird.
Der Gasrausch, in den sich Wissenschaftler, Politiker und Konzerne derzeit steigern, hängt mit zwei technischen Neuerungen zusammen:
Beides hat den Gasmarkt schon jetzt verändert, vor allem in Amerika. Dort hatte die Firma Mitchell Energy in den frühen neunziger Jahren die Technologie zum unkonventionellen Gasabbau entwickelt. Nach und nach wurde das Bohrverfahren durch steigende Rohstoffpreise, technologische Verfeinerung und Skaleneffekte profitabler, die Erdgasförderung aus unkonventionellen Vorkommen nahm kräftig zu. Machte sie vor 20 Jahren noch einen Bruchteil der amerikanischen Produktion aus, sind es inzwischen fast 40 Prozent.
Schubumkehr in Amerika
Auf den US-Markt hat das gewaltige Effekte. Die Produktion stieg so stark, dass die USA Russland 2009 als weltgrößten Gasproduzenten ablösten. "Inzwischen sind die Amerikaner praktisch unabhängig von Importen", sagt Joachim Müller-Kirchenbauer, Professor für Gasversorgungssysteme an der TU Clausthal.
Sichtbar wird diese Schubumkehr an der US-Küste, dort, wo seit Anfang des Jahrzehnts LNG-Terminals zum Import von Flüssiggas hochgezogen werden. Wegen technischer Probleme wurden manche von ihnen erst kürzlich fertig. Doch jetzt braucht sie keiner mehr für die Rohstoffeinfuhr. "Die amerikanische Import-Nachfrage ist durch den unkonventionellen Abbau drastisch geschrumpft", sagt Jonathan Stern vom Oxford Institute for Energy Studies (OIES). An einigen Orten gebe es schon Pläne, die LNG-Terminals von Im- auf Export umzustellen.
Amerikas Gasrevolution hat weltweite Konsequenzen. Sie vergrößert das globale Gasangebot - in einer Zeit, in der die Nachfrage aufgrund der Weltwirtschaftskrise ohnehin niedrig ist. Durch LNG gelangen riesige Rohstoffmengen jenseits der Pipelines in den Umlauf. Vorläufigen OIES-Berechnungen zufolge wurden im vergangenen Jahr 245 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas verschifft - Tendenz steigend.
"Erstmals kann ein globaler Markt entstehen"
Neue Handelsrouten entstehen. Staaten mit Terminals zum LNG-Import werden unabhängiger von regionalen Großversorgern. Sie können ihr Gas jetzt aus der ganzen Welt importieren. "Erstmals in der Geschichte der Branche kann ein globaler Markt entstehen", sagt Müller-Kirchenbauer.
Dieser allerdings verschärft die Angebotsschwemme - zum Leidwesen der Exporteure. Katar etwa investierte Milliarden in den Ausbau von LNG-Terminals, um Gas nach Amerika zu schicken. Australien baute Gasverflüssiger für den Export nach China. Jetzt steigen die globalen LNG-Exporte, und die Länder werden ihre Lieferungen nur noch los, wenn sie die Preise drücken.
Die Exporteure spekulieren daher auf den Wirtschaftsboom in Asien. Der wachsende Gashunger von China und Indien soll die sinkende Nachfrage in Amerika ausgleichen. Hoffnung macht ihnen zudem eine OIES-Prognose, derzufolge Europas Binnengasversorgung ab 2012 sinkt.
Doch es ist möglich, dass das Gas-Überangebot im laufenden Jahrzehnt nicht wieder verschwindet, sondern weiter wächst. Auch in China und Europa gibt es gigantische unkonventionelle Gasvorkommen. Viele Investoren fragen sich: Lässt sich der amerikanische Gas-Traum auf anderen Kontinenten wiederholen?
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