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19.04.2010
 

Folgen der Aschewolke

Airlines fürchten höhere Verluste als nach 9/11

Von Christian Teevs

Seit fünf Tagen geht im europäischen Flugverkehr fast nichts mehr, das kostet die Airlines Milliarden. Im Zentrum der Kritik: Verkehrsminister Ramsauer. Doch der CSU-Mann bekommt Rückendeckung von der Flugsicherung.

Hamburg - Niki Lauda hat es geschafft: Der Chef der österreichischen Fluglinie Fly Niki ist durch die Aschewolke geflogen. "Nach zwei Tagen Kampf" mit der Flugsicherung, sagt er. Probleme oder Risiken beim Flug? Fehlanzeige. Sein Airbus A320 habe den zweistündigen Flug ohne Kratzer überstanden.

Darum fordert der ehemalige Formel-1-Fahrer nun, die Flugsicherung den Airlines zu überlassen: "Der Spuk muss jetzt endlich ein Ende haben." Das Flugverbot in Europa sei der "größte Skandal der Luftfahrt", schimpft Lauda.

Zumindest in Österreich hat sich die Lage mittlerweile entspannt, am Wiener Flughafen starteten und landeten am Montag wieder Flugzeuge. Anders in Deutschland: Hier hat die Flugsicherung DFS den Luftraum bis Dienstag um 2 Uhr gesperrt. Am Nachmittag bekamen Air Berlin und Lufthansa Ausnahmegenehmigungen, um Tausende Passagiere nach Deutschland zurückzubringen - doch die Sperrung des Luftraums bleibt vorerst bestehen. Die Piloten müssen in der Zone der Aschewolke auf niedriger Höhe fliegen, auf Sichtflug.

Durch die Flugausfälle entgeht der Lufthansa jeden Tag ein Umsatz von 25 Millionen Euro, schätzt das Unternehmen. Der Internationale Luftfahrtverband IATA beziffert die Verluste durch die Aschewolke höher als nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Der Schaden damals: mehr als zehn Milliarden Dollar.

Die Frage ist: Wie lange halten die Airlines ein striktes Flugverbot durch?

Der Branchenverband IATA schlägt jedenfalls Alarm: Ein Flugverbot von mehr als einer Woche könnte für manche der rund 150 europäischen Fluggesellschaften die Pleite bedeuten. Gefährdet seien kleine Fluggesellschaften, die nur über geringe Reserven verfügen, sagte IATA-Präsident Giovanni Bisignani.

Die deutschen Unternehmen wollen sich zu ihrer eigenen Schmerzgrenze nicht äußern. Doch die heftigen Vorwürfe gegen Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und seine Behörde DFS zeigen: Die Nerven liegen blank. Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber sagte, die Sorge um die Sicherheit sei unbegründet. Ramsauers Kritik an den Airlines nannte er "ungeheuerlich".

Ramsauer hatte erklärt, er werde sich nicht von "Fluglinien unter Druck setzen lassen". Für ihn stehe Sicherheit an erster Stelle. Er werde es niemals zulassen, "dass gegen den Verlust von Umsätzen das Risiko für Leib und Leben von Reisenden gegengerechnet wird".

Airlines kritisieren Flugsicherung

Die beiden größten deutschen Fluglinien Lufthansa Chart zeigen und Air Berlin Chart zeigen kritisieren, dass die Sperrungen lediglich auf Computersimulationen basieren - und keine konkreten Messungen vorgenommen wurden. Eigene Testflüge hätten ergeben, dass für die Flugzeuge keine Gefahr bestehe.

Am Montagnachmittag sind Atmosphärenforscher vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in die Aschewolke gestartet, um Daten zu sammeln. "Das ist zu spät", kritisiert Lufthansa-Sprecher Andreas Bartels. "Sicher sind Aschepartikel in der Luft, aber die Konzentration rechtfertigt keine so massive Stilllegung."


Air-Berlin-Sprecher Hans-Christoph Noack sagte im Bayerischen Rundfunk, dass sich gerade auf der Höhe, auf der die Testflüge stattgefunden hätten, besonders viel Asche befinde. Dennoch habe es keine Schäden gegeben.

"Das hat es noch nie gegeben"

Die "Bild"-Zeitung nennt Ramsauer schon den "Bundespanikminister", doch der CSU-Mann weist alle Vorwürfe zurück: Die Sicherheit der Passagiere stehe für ihn vor den wirtschaftlichen Interessen der Fluggesellschaften. Zudem müssten die Unternehmen mit dem Risiko Wetter rechnen.

Ein Sprecher der Flugsicherung äußerte sich diplomatischer. Man könne die Kritik der Fluggesellschaften verstehen. Das DLR habe aber erst am Montag eine Maschine mit Geräten ausrüsten können, mit denen man die Asche-Konzentration messen könne. "Das ist ja für uns alle eine Premiere", sagte der DFS-Sprecher, "das hat es noch nie gegeben." Die Testflüge der Unternehmen nützten der Flugsicherung nichts. Die Beurteilung der Sicherheit sei Aufgabe der DFS - "und das kann uns keiner abnehmen".

Brüderle und Ramsauer uneins über Staatshilfen

Anders als sein Kabinettskollege Rainer Brüderle (FDP) sprach sich Ramsauer klar gegen Staatshilfen für Lufthansa und Co aus. Genauso wenig wie man von den derzeitigen Profiteuren der Flugausfälle, etwa der Bahn, zusätzliche Gewinne abschöpfen könne, könne man andere Unternehmen von Umsatz- und Gewinnausfällen entbinden.

Brüderle sagte am Montag in Berlin, sollte es zu gravierenden Auswirkungen kommen, sei etwa der Rückgriff auf günstigere Kredite der Staatsbank KfW oder andere Programme des Bundes denkbar. Er wolle aber keine Erwartungen wecken, die später nicht erfüllt werden könnten.

Dabei sind die Airlines bei weitem nicht die einzigen, die unter der Asche-Krise leiden. Die gesamte deutsche Wirtschaft bekommt die Folgen zu spüren. Zwei Fünftel der deutschen Exporte gingen über den Luftweg ins Ausland, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Hans-Peter Keitel. 850.000 Arbeitsplätze seien direkt von der Luftfahrt abhängig.

EU erleichtert Nothilfen

Am Montagnachmittag trifft sich nun eine Taskforce im Wirtschaftsministerium. Beteiligt sind Vertreter der Flughäfen, Fluggesellschaften und der Tourismuswirtschaft.

Auch die EU-Kommission stellte Notfallhilfen in Aussicht: "Wir sind bereit, ähnlich zu reagieren wie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001", sagte EU-Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia am Montag in Brüssel. Es sei aber Sache der Mitgliedstaaten, über die Nothilfen zu entscheiden. "Der EU-Staat muss belegen, dass ein Unternehmen die Hilfe dringend braucht und dass die Summe verhältnismäßig ist", sagte Almunia.

Am Dienstag beschäftigt sich auch der Verkehrsausschuss des Bundestags mit dem Flugverbot. Ungewohnten Beistand bekam CSU-Mann Ramsauer inzwischen vom grünen Ausschussvorsitzenden Winfried Hermann. "Ich bin entsetzt über die Art und Weise, wie die Fluggesellschaften im Moment agieren", sagte Hermann. Auch die Unternehmen müssten ein Interesse daran haben, dass die Sicherheitsfrage geklärt ist. Da reiche es nicht, einen Piloten hochfliegen zu lassen und sich nachher seinen Bericht anzuhören.

Mit Material von Reuters, dpa und apn

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