Von Sven Böll
Hilden - Das unbekannteste Wunderkind der deutschen Wirtschaft spricht langsam und mit dezentem Schweizer Akzent. Seine Sätze sind so akkurat wie sein Äußeres. Versteht der Gesprächspartner einen Fachbegriff nicht, steht Peer Schatz auf, schließt den mittleren Knopf seines Sakkos und hält am Flipchart eine Kurzversion des Telekollegs Biotechnologie. Und während andere sprechen, lauscht der 44-Jährige interessiert. Zuhören, zuvorkommen, zupacken - Schatz ist der Anti-Top-Manager. Allüren nach dem Motto "Wo ich bin, ist sonst nichts und niemand" sind ihm fremd.
Sein unprätentiöses Auftreten hat sich der Finanzwissenschaftler trotz einer doppelten Bilderbuchkarriere bewahrt. Er hat es bei seinem Arbeitgeber Qiagen nicht nur bis an die Spitze geschafft - sondern die Firma auch zum erfolgreichsten Biotech-Unternehmen Europas geformt.
Qiagen
ist der Star einer Branche, die in Deutschland selten gute Schlagzeilen bekommt. Das Unternehmen profiliert sich als DNA-Dienstleister: Mit seinen Verfahren lässt sich einerseits Erbgut so aufbereiten, dass Experten in Labors damit arbeiten können. Andererseits vereinfachen die Produkte der Firma den Nachweis von Krankheiten. Peer Schatz und seine Mitarbeiter sind Gen-Detektive, und sie sind gut in ihrem Metier. Von ihrem Unternehmenssitz im Nirgendwo zwischen Düsseldorf und Solingen aus dominieren sie eine globale Zukunftsbranche.
Ein Qiagen-Test überführte auch Bill Clinton
Fast überall auf der Welt, wo DNA-Tests eingesetzt werden, ist Qiagen-Technik drin: wenn Forscher nach neuen Therapien suchen, wenn Historiker die Eltern des ägyptischen Pharaos Tutanchamun bestimmen, wenn Kriminalisten den Ex-Footballstar O.J. Simpson des Mordes an seiner Frau überführen. Auch bei der Identifikation der Opfer vom 11. September 2001 und des Absturzes der Air-France-Maschine im vergangenen Jahr waren die Tests made in Germany beteiligt. Und selbst der wohl berühmteste Fleck der Weltgeschichte, Bill Clintons weiße Hinterlassenschaft auf dem blauen Kleid von Monica Lewinsky, konnte nur so zweifellos dem ehemaligen US-Präsidenten zugeordnet werden.
Mit seiner dominierenden Stellung hat Qiagen seinen Umsatz in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht, der Gewinn stieg sogar um den Faktor zehn. Jüngst erwirtschafteten die 3500 Mitarbeiter rund 750 Millionen Euro jährlich. Obwohl die Rendite bei rund 30 Prozent liegt, schüttet Chef Schatz das satte Plus nicht an die Aktionäre aus, sondern investiert es ins weitere Wachstum.
Dass Qiagen einmal so erfolgeich sein würde, war nicht absehbar, als der heutige Vorstandsvorsitzende 1993 bei der damaligen Gen-Klitsche als Finanzvorstand anfing, mit gerade mal 27 Jahren. Die Überlebenschancen waren übersichtlich - 30 Leute versuchten sich mehr schlecht als recht an der Aufbereitung von menschlichem Erbgut. Dabei verbrannten sie vor allem Geld.
Dreifach-Revolution in der Medizin?
Schatz brachte die Firma im Rausch der New Economy an die Börse. Mit dem frischen Geld gelang der Forschungsdurchbruch: Die Experten entwickelten nach Art einer Fertig-Backmischung ein Verfahren, mit dem sich die DNA eines Menschen schnell und unkompliziert aus einer Zelle isolieren lässt. Das Qiagen-Rezept ist in den Labors der Welt heute genauso Standard wie die Dr.-Oetker-Rezepturen in deutschen Küchen.
2004 zum Vorstandschef aufgestiegen, baute Schatz seine Firma durch Milliardenzukäufe zu einem Gen-Allrounder aus. Qiagen ist inzwischen auch der globale Marktführer bei der molekularen Diagnostik. Die Verfahren, mit denen Krankheiten von Aids über Krebs bis hin zur Schweinegrippe anhand eines Gentests nachgewiesen werden, eröffnen große Wachstumschancen. Der Markt legt um bis zu 20 Prozent pro Jahr zu.
Inzwischen stammt fast die Hälfte des Qiagen-Umsatzes aus der molekularen Diagnostik. "Wir stehen auf diesem Gebiet erst am Anfang einer Revolution, ähnlich wie vor 30 Jahren bei der Informationstechnologie", sagt Schatz. Experten teilen die Ansicht, dass der Firma deshalb eine gute Zukunft bevorsteht. "Ich gehe davon aus, dass sich der Umsatz von Qiagen bis 2014 auf rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz verdoppelt", sagt Branchenkenner Daniel Wendorff von der Commerzbank.
Wie ein Schwangerschaftstest
Die molekulare Diagnostik könnte zu einer Dreifach-Revolution in der Medizin führen. Unkomplizierte Gentests würden die Krankheitsprävention erleichtern, Diagnosen verbessern und die Behandlung von Patienten effizienter machen.
Am weitesten fortgeschritten ist die Technik bei der Prävention. Qiagen setzt schon rund 200 Millionen Euro jährlich mit einem Test um, der das Risiko bei Frauen misst, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken. Immerhin ist dies der weltweit zweithäufigste bösartige Tumor bei Frauen bis Mitte 40. Wie der Test funktioniert - siehe Video.
Die Idee von Qiagen: Nach und nach wird es möglich sein, das Erkrankungsrisiko für immer mehr Krebsarten durch ein einfaches Verfahren zu bestimmen - ein bisschen Blut reicht für ein valides Ergebnis. Gut möglich sogar, dass es in nicht allzu ferner Zukunft eine Art All-in-one-Test geben wird, der jeden Menschen auf häufige Krankheiten wie Krebs checkt. Eines Tages könnte dieser so leicht zu handhaben sein wie heute ein Schwangerschaftstest.
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Hey, das tut gut, Gleichgesinnte hier zu treffen. Bzw. Gleich-betroffene. Ich kann die blauen (roten) Boxen von Quiagen schon nicht mehr sehen. Der einzige Grund warum wir die noch haben ist, dass unser interner [...] mehr...
*lach* Tut mir leid, das sagen zu müssen, ich komme AUCH aus der akademischen Forschung. D.h. bisher haben drei Personen aus der Wissenschaft unabhängig voneinander das Selbe gesagt: Qiagens ursprüngliches Hauptprodukt hat [...] mehr...
Die Prämisse... 'Man kennt seine Gene, also weiß man alles' ist doch mittlerweile seit fast 10 Jahren überholt, weil das vorhanden sein von Genen noch nichts über ihre Expressionsaktivität aussagt? Sprich zwischen Genotyp und [...] mehr...
Ich bin Doktorand zur Zeit und mit den Qiagen Kits zur Plasmid-DNA und RNA Isolierung gross geworden. Dennoch muss ich sagen das es besseres und billigeres auf dem Markt gibt. Nach einem Forschungsaufenhalt in den USA habe ich [...] mehr...
Nana, es gibt auch Anwender so wie mich, die akademische Forschung betreiben und keiner Firma angehören. Ich bin z.B. kein grosser Freund von Invitrogen (auch wenn deren Kit besser ist). Die Politik kleine Firmen wegen eines [...] mehr...
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