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29.04.2010
 

Rating-Entscheidungen

Heute Gold, morgen Ramsch

Von Marc Pitzke, New York

Börse in New York: Portugal liegt nun auf dem Rating-Niveau von BotswanaZur Großansicht
AFP

Börse in New York: Portugal liegt nun auf dem Rating-Niveau von Botswana

Überall, wo es kracht im Finanzsektor, finden sich ihre Spuren: Rating-Agenturen wie S&P standen im Mittelpunkt der US-Kreditkrise, nun tragen sie zur Erschütterung europäischer Märkte bei. Oft wirken ihre Entscheidungen abrupt und verwirrend. Die US-Regierung nimmt das Problem kaum zur Kenntnis.

Im Skandal um die Wall-Street-Bank Goldman Sachs geraten immer mehr Akteure ins Zwielicht. Die Banker und Trader, die lachhaft riskante Kreditprodukte verkauften. Der Hedgefonds-Milliardär John Paulson, der auf Kosten der Geschädigten abzockte. Die US-Politiker, die die Farce lange tatenlos billigten.

Weitgehend unbehelligt blieb bisher jedoch eine weitere, stillere Gruppe Beteiligter - obwohl sie ebenso tief in den fraglichen Deal verstrickt war: die Rating-Agenturen, die nun auch die europäische Finanzszene erschüttern.

Standard & Poor's (S&P) und Moody's hatten das unselige Goldman-Finanzpaket "Abacus 2007-AC1" nämlich mit dem begehrten AAA-Kreditsiegel geadelt, bevor sie es neun Monate später zu "Ramsch" herabstuften - ähnlich wie sie es jetzt auch mit der Kreditwürdigkeit Griechenlands getan haben. Verlust für die Goldman-Investoren: eine Milliarde Dollar.

Überall, wo es kracht im Finanzsektor, finden sich ihre Spuren. Die Kreditprüfer von S&P, Moody's und Fitch, dem kleineren Dritten im Bunde, standen mit im Zentrum des globalen Crashs. Sie spuken durch die Betrugsklage der US-Börsenaufsicht SEC gegen Goldman. Und jetzt stürzt ihr Wort Europa ins Finanzchaos, durch die Kredit-Abstrafung von Griechenland, Portugal und nun auch Spanien.

Der Nation keinen guten Dienst erwiesen

Sie sind graue Eminenzen, Schattenmänner und Strippenzieher zugleich. Sie haben enorme Macht über Kredite, Deals, Firmen, sogar Staaten. Doch hinterfragt werden sie selten - geschweige denn zur Rechenschaft gezogen.

Dabei ist ihre Rolle alles andere als lupenrein. In den USA wirft ihr Verhalten zunehmend Fragen auf. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman von der "New York Times" hält das System der Agenturen für "zutiefst korrupt". US-Senator Carl Levin rechnet sie sogar zu den Hauptschuldigen der Krise: "Ließe sich ein einziges Ereignis als unmittelbarer Auslöser der Finanzkrise identifizieren, meine Stimme gälte den massenhaften Downgrades von 2007."

Der Demokrat Levin - der demselben Untersuchungsausschuss vorsitzt, der am Dienstag auch dem Goldman-Management die Leviten las - ließ 14-monatige Ermittlungen über die Agenturen anstellen. Heraus kam jetzt ein fetter Aktenberg mit 581 Seiten, samt vernichtendem Urteil: "Keine dieser Firmen hat der Nation einen guten Dienst erwiesen."

Die Agenturen, so der vorige Woche veröffentlichte Senatsbericht, hätten im Vorfeld der Krise jahrelang "fehlerhafte Rating-Modelle" benutzt, hätten außerdem bei der Prognose des Hypothekenmarkts "versagt" und zugelassen, dass die Ratings "von "Konkurrenzdruck gefärbt" worden seien. Ergebnis: Von allen Subprime-Hypothekenwerten, die 2006 noch AAA-Ratings trugen, sind heute 93 Prozent "Ramsch". Dennoch bleibt der Reflex bis heute bestehen: Geben die Agenturen ihr Gütesiegel, im besten Fall also ein AAA-Rating, dann heißt das, dass sich der Anleger darauf verlassen kann.

Quasi-Monopol seit 1909

Das Quasi-Monopol der Agenturen geht bis 1909 zurück. Da begann der US-Finanzanalyst und Investor John Moody, Informationen über Eisenbahngesellschaften, ihre Aktien und ihr Management nach einem Buchstabensystem zu kategorisieren und zu bewerten. Später fügte er Industrie- und andere Firmen hinzu.

Heute analysiert Moody's mehr als 12.000 Unternehmen in 100 Ländern. S&P vergibt Ratings seit 1916, gehört seit 1966 dem Finanz- und Medienkonglomerat McGraw-Hill und erstellt auch die bekannten S&P-Börsenindizes. Fitch, 1916 gegründet und eine Tochter der französischen Finanzholding Fimalac, ist das kleinste Mitglied dieses Clubs.

Ratings reichen von AAA bis D. Dieses traditionelle System erwies sich jedoch spätestens mit der Kreditkrise als wertlos. Die dubiosen Investmentprodukte im Auge des Orkans ließen sich nicht seriös und einfach einschätzen. Inzwischen ist klar, dass die Agenturen sie völlig überbewerteten - oft auf Wunsch der ausgebenden Firmen, die die Agenturen wiederum dafür bezahlt hatten.

Ein Beispiel: Schon 2006 bezeichnete Angelo Mozilo, damals Chef der größten US-Hypothekenbank Countrywide, deren Ramschhypotheken in internen E-Mail als "giftig". Doch Moody's sah sich erst im Sommer 2007 genötigt, sie abzuwerten. All das geschah unter den Augen der US-Regierung.

Band des Vertrauens ist gerissen

Kein Einzelfall. Querbeet verliehen die Agenturen jahrelang ausgerechnet jenen Subprime-Hypotheken ihren AAA-Segen, die später zum Treibsand der Finanzkrise wurden - selbst, als die Risiken längst bekannt waren.

So halfen sie mit, die Investmentbanken Lehman Brothers und Bear Stearns ins Verderben zu treiben, den Versicherungsriesen AIG zu zerstören und ein Billionen-Dollar-Loch in Amerikas Staatskasse zu reißen. "Die Geschichte der Kredit-Rating-Agenturen ist eine Geschichte des kolossalen Versagens", sagt der demokratische Kongressabgeordnete Henry Waxman, der Vorsitzende des Kontrollausschusses im Repräsentantenhaus.

Trotzdem wenden die US-Agenturen dieses kaputte System heute auch bei Griechenland, Spanien und Portugal an - und versetzen damit nun Europas Finanzmärkte in höchste Unruhe. Aber verdient Griechenland dasselbe Rating wie Panama, Kolumbien und Ägypten? Und Portugal die gleiche Bonitätsstufe wie Botswana und Malaysia? Spanien liegt nach der Abstufung auf dem Niveau von Bermuda.

Das "Band des Vertrauens", das die Agenturen seit einem Jahrhundert als Schiedsrichter der Finanzwelt verpflichte, sei längst "zerrissen", befand Levins Untersuchungsausschuss im US-Senat. "Und alles nur des Geldes wegen."

So explodierte der Gesamtumsatz der drei großen US-Agenturen von 2002 bis 2007 von weniger als drei Milliarden Dollar auf mehr als sechs Milliarden Dollar im Jahr. Das meiste kam aus dem Rating-Geschäft - und aus der Tasche der Institute, die sich bewerten ließen.

Intensiver Personalaustausch

"Das ist", schreibt der Senatsausschuss, "als ob die Streitparteien vor Gericht das Gehalt des Richters zahlen." Oder, so die "New York Times": "Als ob Hollywood-Studios Filmkritiker für die Kritiken ihrer Blockbuster bezahlten."

Ein Moody's-Direktor beklagte diese Zustände bereits im September 2007 - anonym und intern: "Als hätten wir unsere Seele dem Umsatz zuliebe dem Teufel verkauft." Ein S&P-Mann machte sich einmal darüber lustig, dass er Investments sogar für gut befinden würde, wenn sie "von Kühen strukturiert" seien.

Ein weiteres Problem: Zwischen den Agenturen und den Banken fließt nicht nur Geld, auch Personal wechselt hin und her. So heuerte Goldman Sachs 2005 den Fitch-Ratingexperten Shin Yukawa an. Der brachte sein Fachwissen prompt in jener Goldman-Abteilung zum Einsatz, die neue Kreditprodukte schmiedete und dafür sorgte, dass sie die besten Ratings bekamen. Eines dieser Produkte: "Abacus 2007-AC1."

Eine Reform dieses System ist jedoch in weiter Ferne. Das Regulierungspaket für die US-Finanzmärkte, das die Demokraten avisiert haben, enthält nur wenig über die Rating-Agenturen - außer dem lauen, unkonkreten Appell, "die Aufsicht zu verstärken".

Deshalb versuchen es die Kritiker auf anderem Weg. Einige institutionelle Großinvestoren - darunter der US-Bundesstaat Ohio - haben die Rating-Agenturen inzwischen wegen ihrer Rolle bei der Finanzkrise verklagt. Ein Antrag von Moody's und S&P auf Ablehnung scheiterte am Montag vor einem New Yorker Gericht.

Zwei Tage später senkte S&P die Kreditwürdigkeit Spaniens.

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insgesamt 8584 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
20.07.2010 von Ghost12:

Was Sie als "verbrecherische Methoden" bezeichnen- wird in der kompletten Eurozone praktiziert. Nebenhaushalte, Hochverschuldung. Keine Solidarität mit so etwas, das ist richtig. Auch keine Solidarität mit den [...] mehr...

19.07.2010 von totalmayhem:

entschuldigung, wer sich mit verbrechererichen methoden (unterstuetzt von G&S et al) zugang zu dieser waehrungsunion erschleicht hat jeglichen anspruch auf solidaritaet verwirkt. zum thema 'solidaritaet' steht im im vertrag [...] mehr...

13.07.2010 von zuhören und verstehen:

Wenn die Europäer zusammen halten, kann Griechenland durchaus "gerettet" werden. Man muss einfach nur dabei helfen, das Chaos zu beseitigen und finanzielle Rückendeckung geben. Bsp. Die Regierung wusste bisher [...] mehr...

13.07.2010 von fatalismo: Aber doch nicht ausgerechnet Kreta...

...wissen wir doch, dass alle Kreter Lügner sind. Spaß beiseite. Die Griechen mögen uns alles in allem ganz schön beschwindelt haben. Aber eine Entschuldung müsste bei gutem Willen innerhalb des Euro-Systems möglich sein. Wir [...] mehr...

25.06.2010 von redhead72: Jetzt verkaufen die Griechen wirklich ihre Inseln...

Tja, da haben die Griechen wohl in der Tat den Rat eines deutschen Politikers befolgt, und verkaufen zur Schuldentilgung ein paar Inseln: http://www.guardian.co.uk/world/2010/jun/24/greece-islands-sale-save-economy Also, [...] mehr...

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Wie Rating-Agenturen arbeiten

Die Agenturen

Rating-Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten. Dabei fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen oder eine Beurteilung des Managements. Die weltweit einflussreichsten Rating-Agenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch .

Bedeutung des Ratings

Die Einstufung

Kritik


Bewertungen der Rating-Agenturen
Land  Fitch  Standard & Poor's Moody's
Portugal AA- A- Aa2
Italien AA- A+ Aa2
Irland AA- AA Aa1
Griechenland BBB- BB+ A3
Spanien AAA AA Aaa
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC
Ca CC CCC
- D D Zahlungsausfall

Darf die EU Griechenland helfen?

Griechenlands Schuldenchaos belastet den Euro - und verunsichert die Finanzmärkte. Nun diskutieren andere EU-Staaten über mögliche Hilfen für Athen. Aber welche Maßnahmen sind rechtlich überhaupt zulässig?

Wie schlecht steht es um Athens Haushalt?

Welche Soforthilfe ist möglich?

Gibt es Ausnahmeregeln?

Was kann Griechenland selbst tun?

Wer könnte noch aushelfen?

Bedroht Griechenland die Währungsunion?

Kommentare zum Sparpaket

"Gott helfe uns"

"Gott helfe uns", schrieb die in Athen erscheinende konservative Zeitung "Apogevmatini". Es werde kein Geld für den Konsum geben. Nicht nur der Kleinhändler, sondern auch der Mittelstand könnte aussterben.

"Damit wir nicht bankrott gehen"

"Der Markt stirbt aus"

"Unvergesslich"

"Das Jüngste Gericht"


EU-Rettungsplan für Griechenland

Die Hilfe

Kombinierte Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Euro-Staaten sollen hochverschuldete Länder wie Griechenland vor der Pleite bewahren. Auf diesen Vorschlag von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy einigten sich die Euro-Länder. Laut dem Einigungstext sind "bedeutende Finanzhilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF)" und bilaterale Kredite der Euro-Staaten vorgesehen.

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