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30.04.2010
 

Massenprotest in New York

Wutdemo lässt die Wall Street kalt

Von Marc Pitzke, New York

Massendemo: Die Main Street begehrt auf
Fotos
AFP

Der Zorn auf Amerikas Banken wächst: Tausende Protestler legten die Wall Street lahm. Den Geldmanagern dürfte das egal sein, sie haben wichtigere Probleme. In Washington forciert der Senat die Finanzmarktreform - und die Justiz ermittelt nun gegen Goldman Sachs.

Die "Main Street" überrennt die Wall Street - so jedenfalls lautete der Plan, als am Donnerstag Tausende Demonstranten in die engen Beton-Canyons von Lower Manhattan strömen und das gesamte Viertel stundenlang lahmlegen. Sie winken mit Schildern ("Erobert Amerika zurück!"), sie recken die Fäuste, sie putschen sich mit Sprechchören auf: "Scham und Schande! Zerschlagt die großen Banken!"

Es ist der größte Massenprotest gegen die Wall Street seit dem "Bailout" vor zwei Jahren, als die US-Regierung die Finanzbranche mit 700 Milliarden Dollar vor dem Kollaps rettete. Die Polizei schätzt die Zahl der Demonstranten im Finanzdistrikt auf 7500. Die Veranstalter, allen voran der US-Gewerkschaftsverband AFL-CIO, sprechen von 15.000.

Langsam bewegt sich die Menschenmenge über den Broadway, auf dem sich Busse, Taxis und Bagel-Karren kilometerweit stauen. Die Protestler drängeln sich auf Plätzen und in Parks. Der Wind wirbelt Flugblätter an den Fassaden hoch: "Wir brauchen die Wall-Street-Reform!"

Wir sind die Zukunft

Sie tragen Transparente und Puppen - etwa Schweine, als Banker verkleidet. Eins trägt einen Zylinder mit der Aufschrift "CEO". "Ich rate der Wall Street, uns ganz genau zuzuhören", ruft Adolfo Abreu, ein 17-jähriger Schüler, der eine politische Aktivistengruppe aus der Bronx vertritt. "Wir sind die Zukunft!"

Es sind Gewerkschafter, Lehrer, Bauarbeiter, Angestellte, verschuldete Hausbesitzer, Bankkunden, Arbeitslose, Geistliche, Gemeindeführer. Ein paar hundert haben es sogar geschafft, kurz die gläsernen Eingangshallen von JP Morgan Chase Chart zeigen und Wells Fargo Chart zeigen in Midtown zu stürmen, mit geballten Fäusten, bevor die Polizei sie friedlich abführte.

Am frühen Abend erreichen die Demonstranten den "Charging Bull", das Wahrzeichen der Wall Street. Sie umringen die berühmte Bronzestatue am Bowling Green, beschimpfen sie, erklimmen sie, halten feurige Protestreden, nehmen triumphale Siegerposen ein wie Großwildjäger. "People power!", skandieren sie beglückt.

Flucht durch den Seitenausgang

Leider hat das alles einen Schönheitsfehler: Es sind hauptsächlich Touristen, die das Spektakel beobachten. "Flower power?", fragt der Vater einer dänischen Familie.

Die Banker und Broker, denen die Wut gilt, sind dagegen längst verschwunden. Es ist nach 16 Uhr, die Börse hat Feierabend. Wer drüben im neuen Goldman-Sachs-Hauptquartier noch länger arbeitet, etwa die Firmenanwälte, die den Konzern gegen die Milliardenklage der US-Börsenaufsicht SEC verteidigen müssen, der entkommt dem Mob unerkannt durch einen Seitenausgang.

Es ist auch nicht die wütende Meute, die den Geldmanagern Sorgen bereitet. So deutlich der Protest auch ist, in den USA haben solche Demonstrationen heutzutage in der Regel keinerlei Wirkung mehr. Was die Wall Street wirklich bewegt, spielt sich an anderer Stelle ab.

In Washington zum Beispiel, wo sich der Senat am Donnerstag endlich darauf geeinigt hat, die Plenardebatte über die Neuregulierung der US-Finanzmärkte offiziell zu eröffnen. Drei Tage lang haben die Republikaner das mit allen möglichen Verfahrenstricks blockiert, dann knickten sie ein.

Das Reformpaket, das die Demokraten geschnürt haben, ist von der Bankenlobby zwar schon ziemlich verwässert worden, aber immer noch scharf genug, um die Wall Street zu vergrätzen. Eine Forderung zumindest konnten die Republikaner durchsetzen: Eine staatliche Stützung wankender Banken, wie sie es vor zwei Jahren gab, soll es künftig nicht geben.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Neue Probleme drohen der Finanzbranche außerdem in der eigenen Nachbarschaft. Die US-Staatsanwaltschaft für den Bezirk New York Süd, die nur ein paar Straßen von der Wall Street entfernt sitzt, nimmt nun ebenfalls die Großbank Goldman Sachs unter die Lupe.

Die "New York Times", die "Washington Post" und das "Wall Street Journal" berichten übereinstimmend, die US-Börsenaufsicht SEC, die Betrugsklage gegen Goldman Sachs Chart zeigen erhoben hat, habe den Fall an die Justiz weitergereicht. Die habe nun ein separates "strafrechtliches Verfahren" eingeleitet. Eine Entscheidung über Klageerhebung sei aber noch nicht gefallen.

Am Abend haben sich die Demonstranten in Lower Manhattan wieder verlaufen. Das Finanzviertel liegt im Dunkeln, abgesehen von jenen Ex-Zentralen umgezogener Banken, die heute Luxus-Wohnhäuser sind. Vor der New York Stock Exchange patrouillieren Polizisten.

Der Dow-Jones-Index stieg am Donnerstag um 1,1 Prozent auf 11.167 Punkte. Es war der größte Tagessprung in mehr als einem Monat. Die Eroberung der Wall Street wurde verschoben.

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Die Akteure in der Goldman-Affäre

Goldman Sachs

REUTERS
Die US-Investmentbank soll Investoren um eine Milliarde Dollar geprellt haben. Die Börsenaufsicht SEC hat eine Zivilklage gegen die Bank eingereicht. Im Zentrum der Klage: Sogenannte "collateralized debt obligations" (CDO). Die fragliche CDO trug den Namen "Abacus 2007-AC1". Dieses "synthetische" Spekulationsvehikel war nichts anderes als ein Portfolio aus weiteren Kunstprodukten: "Credit default swaps" (CDS) - virtuelle Versicherungsverträge, mit denen sich Großbanken gegen Verluste auf dem Immobilienmarkt absicherten.

Der Hedgefonds-Milliardär John Paulson soll von Anfang an auf ein Scheitern von "Abacus" spekuliert haben - und zwar mit dem Wissen der Goldman-Sachs-Verantwortlichen. Die Bank streitet die Vorwürfe als "völlig haltlos" ab und will sich und die eigene Reputation "energisch verteidigen".

Fabrice Tourre

John Paulson

Börsenaufsicht SEC

Finanzmakler ACA

IKB


CDO

Was sind CDOs?

Als Collateralized Debt Obligation, kurz CDO, bezeichnet man eine bestimmte Klasse Finanzprodukte. In CDOs werden zahlreiche Wertpapiere zu neuen Paketen zusammengeschnürt - Papiere mit hohem Ausfallrisiko werden dabei mit sichereren Anlagen kombiniert.

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