Von Dinah Deckstein und Matthias Schepp
Hamburg - Unter normalen Umständen wären sich Alexander Lebedew, 51, und Jörn Hellwig, 42, wohl nie begegnet. Die Unternehmer trennen Welten - auch wenn beide aus dem ehemaligen Ostblock stammen.
Der eine, Lebedew, stieg nach seinem Ausscheiden als KGB-Offizier aus dem Staatsdienst schnell zu einem der reichsten Oligarchen Russlands auf und besitzt heute Beteiligungen an Banken, Zeitungen, Hotels und Fluggesellschaften. Hellwig musste sich seine Karriere dagegen mühsam erkämpfen. Nach der Wende jobbte der DDR-Jurist zunächst als Kellner und Autoverkäufer, bevor er sich 2002 mit Hilfe von Partnern einen langgehegten Traum erfüllte: die Gründung seiner eigenen Fluglinie unter dem Namen Blue Wings.
Sie brachte die beiden ungleichen Männer einst zusammen - und hat sie inzwischen zu erbitterten Gegnern gemacht. Lebedew hatte 2006 knapp die Hälfte der Blue-Wings-Anteile erworben, um mit seinem Luftfahrtimperium auch im Westen Fuß zu fassen. Doch seit die kleine Airline Anfang Februar Insolvenz anmelden musste, tobt zwischen den einstigen Geschäftspartnern eine heftige Fehde.
Lebedew wirft Hellwig vor, die gemeinsame Firma ausgeplündert zu haben. Der weist die Vorwürfe scharf zurück und klagt, sein Ex-Partner habe das Unternehmen finanziell ausbluten lassen. Ende April erstattete die renommierte Wirtschaftskanzlei Wessing Rechtsanwälte im Auftrag des russischen Oligarchen in Düsseldorf Strafanzeige gegen Hellwig.
Alle umstrittenen Vorgänge vom Aufsichtsrat genehmigt
In dem gut zehnseitigen Schriftsatz, der mit Hilfe einer namhaften Wirtschaftsprüfungskanzlei erarbeitet wurde, erheben Lebedews Rechtsbeistände massive Anschuldigungen gegen Hellwig. Bereits 2008 soll der Blue-Wings-Chef mutmaßliche Einnahmen aus zwei anhängigen Prozessen in Höhe von rund 30 Millionen Euro als Aktivposten in die Bilanz eingestellt haben, um das Eigenkapital zu stärken. Da die Klagen substanzlos gewesen seien, argumentieren die Wessing-Anwälte, sei dies unzulässig gewesen.
Ob Hellwig sich womöglich der Bilanzfälschung oder Insolvenzverschleppung schuldig gemacht hat, prüfen nun die Düsseldorfer Ermittler (Aktenzeichen 120 JS 609/10). Der Blue-Wings-Gründer bestreitet jegliches Fehlverhalten und beruft sich auf ein vorher erstelltes Rechtsgutachten. Danach hätten die Beträge zunächst sogar bilanziert werden müssen. Spätere Korrekturen seien in Absprache mit dem überwiegend von Lebedew-Getreuen besetzten Aufsichtsrat und namhaften Wirtschaftsprüfern erfolgt.
Außerdem behaupten der russische Milliardär und seine Mitstreiter, Hellwig habe in seiner Amtszeit immer wieder Bargeldbeträge aus dem Firmenvermögen erhalten und einer Dienstleistungsfirma, an der er selbst beteiligt ist, Aufträge zugeschanzt. Und er habe ohne Genehmigung des Aufsichtsrats Grundstücke gekauft.
Hellwig bezeichnet die Anschuldigungen als "Verleumdungsversuch", das Geld sei entnommen worden, weil Blue Wings von März bis Mai vergangenen Jahres mit einem Flugverbot belegt gewesen sei. "In dieser Zeit", erläutert er, "mussten wir sämtliche Rechnungen in bar und im voraus bezahlen". Alle umstrittenen Vorgänge seien "expressis verbis vom Aufsichtsrat genehmigt" worden.
Wer von beiden Männern sich am Ende durchsetzt - der mächtige Milliardär aus Moskau oder der Selfmade-Unternehmer aus Mecklenburg-Vorpommern - ist noch völlig unklar. Fest steht bislang nur eins: Am Niedergang der ehemals aufstrebenden Airline dürften wohl beide Männer nicht ganz unschuldig gewesen sein.
"Der Himmel braucht Blue Wings"
Noch zur Jahreswende 2008/2009 sah es so aus, als hätte Blue Wings eine glänzende Zukunft vor sich. "Der Himmel braucht Blue Wings", schrieben begeisterte Kunden in Internet-Foren. Mit seinen zehn Jets und 400 Beschäftigten erwirtschaftete die Airline über 150 Millionen Euro pro Jahr, beförderte über eine Million Passagiere und war zur fünftgrößten Fluglinie in Deutschland aufgestiegen. Bis 2012, hieß es in einer PR-Broschüre, sollte die Flotte sogar auf bis zu 30 Maschinen anwachsen.
Doch bereits kurze Zeit später ging es steil bergab - unter anderem, weil Blue Wings einen wichtigen Großkunden verlor: den Türkei-Reiseveranstalter Öger Tours. Das Unternehmen hatte dem Carrier bis dahin attraktive Zusatzeinnahmen beschert, weil Blue Wings für den Partner im großen Stil Urlauber an türkische Sonnenstrände beförderte.
Nachdem Lebedew 2008 vergeblich versucht hatte, den Veranstalter zu übernehmen, kündigte Öger die Verträge mit Blue Wings. Die wichtige Einnahmequelle versiegte. Auf Druck des Luftfahrt-Bundesamtes mussten die Blue-Wings-Flieger im Frühjahr 2009 volle fünf Wochen am Boden bleiben, das überlebt normalerweise keine Airline.
Doch Hellwig startete wieder durch, schaffte es aber nicht, das Vertrauen der Kunden und seines Großaktionärs Lebedew zurückzugewinnen. Im Januar musste Blue Wings aus Geldnot erneut den Betrieb einstellen. Kurz darauf wurde das Konkursverfahren eröffnet.
Nun muss vor Gericht geklärt werden, ob Hellwig tatsächlich seinen Einfluss als Geschäftsführer missbraucht hat und wer die Verantwortung für den Absturz von Blue Wings trägt: Lebedew oder Hellwig. Beide beteuern ihre Unschuld. Und Hellwig ist umtriebig wie eh und je. Er plant schon wieder die Gründung einer neuen Airline - unter dem Projektnamen "Phönix".
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