Von Anne Seith, Frankfurt am Main
Nicolas Berggruen muss sich auf einiges gefasst machen. Es ist noch keine 24 Stunden her, dass der dandyhaft wirkende US-Unternehmer den Vertrag für die Übernahme von Karstadt unterschrieben hat, da deutet sich schon reichlich Ärger für den Sohn des verstorbenen Kunstsammlers Heinz Berggruen an. Die Mietkonditionen für 86 der 120 Warenhäuser, die zentral für eine erfolgreiche Sanierung sind, sind noch nicht ausgehandelt. Außerdem brodelt es nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auch im Unternehmen.
So hat mancher Karstadt-Mitarbeiter Sorge, der als reichlich raubeinig geltende Unternehmensberater Thomas Fox - derzeit Sanierungsexperte im Team des Insolvenzverwalters Klaus Görg - könnte auch unter der neuen Führung längerfristig eine zentrale Rolle spielen. Fox und Berggruen nämlich kennen sich schon länger. Berggruen hatte 2007 Teile des Möbelmachers Schieder gekauft, den Fox ebenfalls nach der Pleite restrukturiert hatte.
Bei Karstadt soll Fox nun "bis auf weiteres" die Geschäfte weiterführen - wenn nötig auch noch nach der endgültigen Übernahme, sagt ein Sprecher Berggruens SPIEGEL ONLINE. Erst wenn das Unternehmen "zukunftsfähig" sei, sei seine Arbeit getan. "Auf mittlere Sicht" solle aber ein neuer Vorstandsvorsitzender berufen werden.
Diese vage Aussicht könnte so mancher Führungskraft zu wenig sein. Führende Manager hatten Insidern zufolge schon angedeutet, das Unternehmen verlassen zu wollen, sollte Fox nach dem Kauf Vorstandschef werden.
Ein Jahr seit Anmeldung der Insolvenz
Beim Insolvenzverwalter Görg will man dies nicht kommentieren. Im Umfeld der Gläubiger gibt man sich gelassen. Es habe einige Kündigungen auf zweiter und dritter Führungsebene gegeben, heißt es. Es sei aber nicht ungewöhnlich, dass Manager in einer solchen Phase "von anderen abgeworben werden".
Vor allem, wenn sich das Insolvenzverfahren derart zäh hinzieht. Genau ein Jahr ist es an diesem Mittwoch her, dass der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor Insolvenz angemeldet hat. Die lange Zeit der Unsicherheit hat an allen Beteiligten gezehrt. Der Erfolgsdruck, bei der Sitzung des Gläubigerausschusses am Montag endlich eine tragfähige Lösung zu präsentieren, war dementsprechend hoch. Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg sagte im Vorfeld unumwunden, wenn an diesem Tage keine Lösung gefunden werde, dann wäre es das eben gewesen.
Das einzig denkbare Szenario wäre dann eine Zerschlagung von Karstadt gewesen. Der Handelskonzern Metro, Mutterkonzern von Karstadt-Konkurrent Kaufhof, lauerte schon lange auf die Schmuckstücke des Gegners.
Berggruen schien wie der Retter in der Not. Ein Kandidat, auf den sich eine Mehrheit einigen konnte.
Highstreet bot Mitarbeitern eine Beteiligung an
Dabei heißt es aus Gläubigerkreisen heraus, das Konzept von Bieterkonkurrent Triton sei "ausgefeilter" gewesen. Trotzdem entschied sich das Gremium am Ende der achtstündigen Sitzung mit großer Mehrheit für Berggruen.
Lediglich zwei Vertreter stimmten offenbar nicht für den Kunstsammler: Karstadt-Betriebsratschef Hellmut Patzelt, der gemeinsam mit einem Entsandten von Ver.di die Arbeitnehmerseite in dem Kreis vertrat; und das Konsortium Highstreet, dem 86 Karstadt-Immobilien gehören und das selbst für die Warenhauskette geboten hatte.
Dass Triton und Highstreet am Ende leer ausgingen, hängt unter anderem mit den Einschnitten zusammen, die der Arbeitnehmerschaft drohten. Durch die Triton-Pläne sah die Gewerkschaft Ver.di Tausende Jobs in Gefahr. Highstreet wiederum forderte flexiblere Arbeitszeiten von den Arbeitnehmern sowie eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 37,5 auf 39,5 Stunden an.
Im Gegenzug bot das Konsortium den Mitarbeitern eine Beteiligung an Karstadt über 15 Prozent an. Außerdem versprach Highstreet nach Informationen von SPIEGEL ONLINE, in den kommenden fünf Jahren 400 bis 500 Millionen Euro aus dem operativen Cashflow in die Warenhäuser zu investieren.
Betriebsratschef Patzelt, der für eine Stellungnahme nicht zu erreichen war, sympathisierte wohl mit diesen Ideen. Den Rest des Gremiums dagegen konnte Highstreet nicht überzeugen. Das Konsortium war als erster Bieter aus dem Rennen. Einem Insider zufolge lag das auch an Auseinandersetzungen über eine Summe in zweistelliger Millionenhöhe für Verbindlichkeiten, die im Laufe der Insolvenzphase aufgelaufen seien. Ein Highstreet-Sprecher wollte das nicht kommentieren.
Zentrale Frage der Mieten noch ungeklärt
In dieser Frage hatte Berggruen offenbar bessere Antworten als die Highstreet-Vertreter. Viele andere für die Rettung von Karstadt zentrale Fragen sind dagegen noch offen.
So sind vor allem die neuen Mietkonditionen für die 86 Karstadt-Häuser, die Highstreet gehören, noch nicht ausgehandelt. Eine Einigung auf niedrigere Preise aber ist nach einhelliger Meinung Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Sanierung - und "Kernbestandteil, um Karstadt zu retten", sagt der Highstreet-Sprecher.
Highstreet sei bereit zu weiteren Mietsenkungen von 230 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren, zusätzlich zu dem schon im Insolvenzplan zugesagten Sanierungsbeitrag von 160 Millionen Euro über drei Jahre. Konkret hatte Goldman-Sachs-Banker Alexander Dibelius am Montag vorgeschlagen, die Mindestmieten für 2010 von derzeit rund 250 Millionen Euro auf 210 Millionen Euro abzusenken. 2011 und 2012 sollen sie dann bei je 211 Millionen Euro liegen. Bis 2018 sollen sie dann wieder auf 250 Millionen Euro steigen.
Viel Verhandlungsspielraum besteht offenbar nicht. "Wenn das für alle Bieter geltende Angebot zu Mietsenkungen nicht angenommen wird, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Liquidation von Karstadt erheblich", sagt der Hightstreet-Sprecher. "Das kann doch nicht das Ziel sein!"
Entscheidung für die Mitarbeiter
Hinzu kommt, dass über die konkreten Pläne Berggruens für Karstadt bisher ziemlich wenig bekannt ist. Der neue Hausherr sprach ungerührt von einer "Kultmarke", erklärte, er wolle Karstadt "glamouröser" machen. Und er betonte entgegen anders lautender Gerüchte, alle Standorte und alle 25.000 Mitarbeiter behalten zu wollen. Das war es im Großen und Ganzen.
Konkrete Summen, wie viel und wo in den kommenden Jahren investiert werden soll, nannte Berggruen nicht. Solche Angaben seien "Gegenstand des Businessplans, der nicht öffentlich ist", sagt sein Sprecher.
Ver.di scheinen die Angaben darin jedenfalls zu reichen. Die Gewerkschaft steht hinter Berggruen. Die Frage der Nachhaltigkeit sei wichtig gewesen bei der Entscheidung, sagt eine Sprecherin. Außerdem habe sich die Frage gestellt, wie viel Geld in die Sanierung gesteckt werden soll, und ob der neue Eigner bei Investitionsentscheidungen von Banken abhängig sei - was im Falle des Milliardärs offensichtlich nicht der Fall ist. "Ganz eng mit diesen beiden Fragen verknüpft ist die Frage nach weiteren Opfern der Beschäftigten", sagt die Sprecherin.
Berggruen habe in diesen Punkten am besten abgeschnitten, heißt es bei Ver.di weiter. Die Entscheidung sei "vernünftig". Und sie richte sich nicht gegen andere Bieter.
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