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10.06.2010
 

Karstadt-Investor Berggruen

"Der Kauf ist vielleicht etwas wagemutig"

Karstadt-Filiale in Münster: "Ich kann nicht sagen, welche T-Shirts im Regal liegen müssen" Zur Großansicht
DPA

Karstadt-Filiale in Münster: "Ich kann nicht sagen, welche T-Shirts im Regal liegen müssen"

Nicolas Berggruen gesteht ein, nicht viel vom Warenhausgeschäft zu verstehen - dennoch avanciert er jetzt zum Hoffnungsträger für Karstadt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagt der Investor, wie er das marode Unternehmen retten will - und welche Rolle sein Bauchgefühl beim Kauf spielte.

SPIEGEL ONLINE: Herr Berggruen, Sie sind der neue Mr. Karstadt - ein Hoffnungsträger für 25.000 Mitarbeiter. Wie fühlen Sie sich als Retter?

Berggruen: Ich mag es nicht, im Rampenlicht zu stehen, ich finde das sehr unangenehm.

SPIEGEL ONLINE: Kramen Sie doch bitte einmal in Ihren Erinnerungen: Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal in einer Karstadt-Filiale waren? Sie sind nicht der typische Karstadt-Kunde - was haben Sie gedacht?

Berggruen: Das erste Mal war das KaDeWe …

SPIEGEL ONLINE: … das schmucke Flaggschiff des Unternehmens. Das zählt nicht. Wir meinen eines der etwas biedereren Häuser.

Berggruen: Natürlich war ich auch in anderen Filialen, hier in Berlin zum Beispiel.

SPIEGEL ONLINE: Und?

Berggruen: Ich fand die Präsentation ordentlich - aber nicht aufregend. Das muss sich ändern. Aber wie, das fragen Sie besser die Experten. Ich kann nicht sagen, welche T-Shirts im Regal liegen müssen und ob blau oder grün gerade Mode ist. Von so was habe ich absolut keine Ahnung. Ich trage immer die gleiche Kleidung.

SPIEGEL ONLINE: Warum um Gottes Willen haben Sie sich dann für den Kauf von Karstadt entschieden?

Berggruen: Das war keine Entscheidung in exakt wissenschaftlichem Sinne. Ich habe die Branche untersucht und für gut befunden. Karstadt war da. Ich suche Möglichkeiten, nachhaltig zu investieren. Und mir ist es mehrfach gelungen, kaputtgesagte Firmen zu übernehmen und für Gewinn zu sorgen. Bespiele sind unter anderem eine Blumenfirma in Holland genauso wie ein Brillengeschäft in den USA und ein Softdrinkhersteller in Spanien.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist Ihr Trick? Was können Sie besser als andere?

Berggruen: Ich wirke im Hintergrund, suche ein gutes Management aus, unterstützte es strategisch und mit Kapital, lasse meinen einzelnen Unternehmen aber viel Freiheit. Sie sind unabhängige Einheiten. Das Problem bei Karstadt war, dass es Teil eines Konglomerats war. Da geht oft der Fokus verloren.

SPIEGEL ONLINE: Das soll das ganze Geheimnis sein?

Berggruen: Es funktioniert bei Firmen, die eine besondere Substanz haben, eine bestimmte Existenzberechtigung, einen Grund, warum dieses Unternehmen nicht untergehen darf. Das sind übrigens schon oft Firmen gewesen, bei denen alle gesagt haben: Vergiss es, das wird nichts mehr.

SPIEGEL ONLINE: Das sagen viele Handelsexperten auch von Karstadt. Das Konzept wirkt vorvorgestrig, die Konkurrenz von großen Fachmarktketten und schicken Einkaufscentern ist übermächtig.

Berggruen: 2007 haben in der Finanzkrise auch viele Experten gesagt, die Welt werde bald untergehen. Und was ist nach drei Jahren daraus geworden? Ich halte wenig von solchen Prognosen. Der Kauf von Karstadt ist vielleicht etwas wagemutig. Wenn ich einen Fonds, also das Kapital Dritter, verwalten würde, würde ich das auch sicherlich nicht machen. Aber ich als Privatperson kann es probieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Sie das Business nicht kennen und Experten nicht vertrauen - was hat dann den Ausschlag gegeben für Ihre Entscheidung? Reines Bauchgefühl?

Berggruen: Bauchgefühl spielt bei solchen Entscheidungen auch eine Rolle, vielleicht am Ende des Tages sogar die wichtigste. Aber ich verfolge Karstadt seit Jahren. Seit Monaten erstellt mein Team Evaluationen. Und als ich gehört habe, dass auch Sanierungsexperte Thomas Fox bei Karstadt dabei ist, war ich interessiert. Er hat mir schon beim Möbelhersteller Schieder, von dem ich 2007 Teile gekauft habe, gute Ratschläge gegeben und das Unternehmen auf Vordermann gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Karstadt wird als "Milliardärsgrab" verspottet. Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz hat bei der Karstadt-Mutter Arcandor fast ihr ganzes Vermögen verloren. Wann sagen Sie: Stopp, jetzt habe ich genug Geld verpulvert?

Berggruen: Darauf gebe ich keine konkrete Antwort. Ich habe meinen Plan im Kopf. Aber das ist nicht wichtig. Karstadt ist eine sehr starke Marke. Eine Kultmarke, sonst säßen wir nicht hier. Mit 120 Standorten in ganz Deutschland ist Karstadt sehr präsent. Der Umsatz ist mit über drei Milliarden Euro im Jahr sehr hoch. Nur strategisch ist das Unternehmen etwas desorientiert. Aber: Karstadt verdient zurzeit Geld.

SPIEGEL ONLINE: Das liegt vor allem daran, dass das Unternehmen ein Insolvenzverfahren hinter sich hat. Lieferanten und Gläubiger haben einen Großteil ihrer Forderungen abgeschrieben. Die Mitarbeiter verzichten bis 2012 auf Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld.

Berggruen: Trotzdem: Karstadt verdient Geld. Das ist ein Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden in jedem Fall sparen müssen. Den größten Kostenblock, die Personalkosten, wollen Sie aber nicht anrühren. Gilt das noch?

Berggruen: Ja.

SPIEGEL ONLINE: In ein paar Jahren drohen die Kosten dann deswegen zu explodieren - schon weil der Vertrag ausläuft, in dem die Mitarbeiter auf Leistungen über 150 Millionen Euro verzichten. Sie wollen dennoch keinerlei Zugeständnisse mehr fordern? Auch nicht bei Themen wie etwa den verkrusteten Arbeitszeitregelungen?

Berggruen: Nein. Wir müssen schließlich gut zusammenarbeiten und die Zukunft managen. Natürlich muss gespart werden. Aber ich bin überzeugt: Das Hauptthema ist nicht das Personal, sondern das sind die hohen Mieten, die Karstadt bezahlen muss...

SPIEGEL ONLINE: ... und bei denen Sie noch keine Vereinbarung erreicht haben. Das Konsortium Highstreet, dem 86 Häuser gehören, hat Ihnen stattdessen schon eine Kampfansage gemacht: Man sei bereit, 230 Millionen Euro Mietminderung in den kommenden Jahren zuzugestehen. Mehr nicht. Ist das akzeptabel?

Berggruen: Zu den laufenden Verhandlungen kann ich nichts sagen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn sie scheitern, platzt der gesamte Kaufvertrag - eine Einigung ist Voraussetzung für das Inkrafttreten. Sind Sie da nicht leicht erpressbar?

Berggruen: Nein. Denn den Schaden hätten nicht wir, sondern - außer den Mitarbeitern - die Vermieter. Viele Immobilien sind sehr speziell auf Karstadt ausgerichtet. Man kann dort nicht von einem Tag auf den anderen ein neues Unternehmen hereinholen. Aber Highstreet ist ein sehr komplexes Konsortium mit vielen unterschiedlichen Interessenlagen. Es gibt Dutzende beteiligte Firmen, und längst nicht alle sind in allen Immobilien drin. Dementsprechend kompliziert sind die Verhandlungen.

SPIEGEL ONLINE: Das kann sich also noch Wochen hinziehen?

Berggruen: Nein. Das muss schneller gehen. Man kann Karstadt nicht so lange in der Schwebe lassen.

SPIEGEL ONLINE: Mit einer Einigung zu den Mieten ist es nicht getan. Das gesamte Konzept von Karstadt gilt als unendlich altbacken. Sie müssen viel investieren - Ihr Partner Max Azria hat aber nur 60 Millionen Euro pro Jahr in Aussicht gestellt. Die anderen Bieter hatten sehr viel mehr versprochen.

Berggruen: Diese Summe ist das absolute Minimum.

Das Interview führte Anne Seith

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07.10.2010 von socsss: ...

Klingt heftig viel, aber man muss bedenken, welch unglaublicher Personalaufwand mit der Verwaltung eines solchen Insolvenzverfahrens zusammen hängt. Die Unternehmensteile müssen ja auch vor Ort betreut und begleitet werden, ganz [...] mehr...

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Grossunternehmen haben in Deutschland Existenzgarantie. Es gehen zwar keine Arbeitsplätze "verloren", denn die Leute kaufen dann ja bei der erfolgreicheren Konkurrenz, es werden nur ineffiziente Modelle konserviert. [...] mehr...

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Zur Person

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Nicolas Berggruen, Sohn des berühmten Kunstsammlers Heinz Berggruen, wurde am 10. August 1961 in Paris geboren. Er wuchs in England, Frankreich und der Schweiz auf und verdiente nach einem Finanzwirtschaftsstudium schon früh an der Wall Street sein eigenes Vermögen. Seit einigen Jahren konzentriert sich der Investor, der keinen festen Wohnsitz hat und in Hotels wohnt, auf nachhaltige Investments. So gehören zu seinem Firmen- und Immobilienimperium auch Reisfarmen in Kambodscha und eine Ethanolfabrik. Mehr auf der Themenseite...

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