Hamburg - Munich-Re-Chef Nikolaus von Bomhard macht sich Sorgen um Großbritannien und die USA: "Die Situation dort, etwa die wachsenden staatlichen und die hohen privaten Schulden sowie die impliziten Defizite aus den Sozialversicherungen, halte ich für besorgniserregend", sagte der Vorstandschef des größten Rückversicherers der Welt dem SPIEGEL. Die Konjunkturentwicklung im zweiten Halbjahr sehe er "deutlich skeptischer".
Bomhard ist nicht der einzige, der eine neue Konjunkturflaute fürchtet. Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sieht die Gefahr einer neuen Finanzkrise, die erneut auf den realwirtschaftlichen Sektor überschwappen würde. Die BIZ gilt als "Notenbank der Notenbanken" und hat ein gutes Frühwarnsystem für internationale Krisen. Bereits Jahre vor Ausbruch der Finanzkrise Mitte 2007 hatte sie vor einer Überhitzung am US-Immobilienmarkt gewarnt. Die BIZ fordert eine rasche Sanierung der Staatshaushalte und eine geldpolitische Kehrtwende der Notenbanken.
Auch Euler Hermes warnt vor einer neuen Krise. Allerdings gehen die Experten des Kreditversicherers gerade davon aus, dass eine zu radikale Sanierung der Staatshaushalte den Aufschwung abwürgen würde. "Die von einigen Staaten angekündigten Konsolidierungspläne drohen den Rhythmus des europäischen Aufschwungs vor allem 2011 spürbar zu bremsen", erklärte Karine Berger, Chefvolkswirtin von Euler Hermes.
Während die Experten schon vor einer neuen Krise warnen, sind die Unternehmen noch optimistisch. 54 Prozent gehen davon aus, dass sich die Konjunktur 2011 besser entwickeln wird als 2010. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter gut 1200 europäischen Managern, die die Marktforschungsinstitute Psephos und Innofact im Auftrag des "Handelsblatt" vergangene Woche durchgeführt hatten.
Enttäuschender G-20-Gipfel
Munich-Re-Chef Bomhard sorgt sich indes nicht nur um die Konjunktur - sondern auch um die Regulierung der Finanzmärkte. Er sei "eher enttäuscht" von den Ergebnissen des G-20-Gipfels in Toronto, was neue Regulierungsgesetze angeht. Man müsse "die Erwartungen zurückschrauben. Auch sollte die Politik nicht die Hoffnung nähren, dass weltweite Lösungen greifbar nahe sind. "Regionale und nationale Regelungen sind wahrscheinlicher - und nicht immer schädlich für den Wettbewerb."
Noch immer aber sei eine "grundlegende Frage" laut Bomhard unbeantwortet: "Wie müsste ein effektives und effizientes Bankensystem zukünftig aussehen, und wie müsste man es steuern? Hier müssen auch radikalere Ansätze gedacht werden", fordert Bomhard. "Die extreme Verknüpfung der Banken untereinander ist jedenfalls ein Problem."
Die G-20-Staaten hatten sich vergangenes Wochenende in Toronto nur auf sehr vage gemeinsame finanzpolitische Maßnahmen einigen können. Deutschland dagegen prescht mit ersten Regulierungsschritten vor: Nach dem Kabinett segnete am Freitag auch das Parlament ein Verbot von riskanten Aktien- und Wertpapiergeschäften ab. Die Opposition kritisierte das Verbot sogenannter ungedeckter Leerverkäufe allerdings als Symbolpolitik.
ssu
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