Von Carsten Volkery, London
Volker Beckers ist ein Strommann. Seit 17 Jahren arbeitet er für den deutschen Energieriesen RWE, die vergangenen sieben Jahre davon im englischen Swindon. Als Chef der britischen Tochter RWE npower trommelt er für die Renaissance des Atomstroms auf der Insel. Zwei neue Atomkraftwerke plant das Unternehmen in einem Joint Venture mit dem Rivalen E.on. Die beiden Standorte in Wales haben die Deutschen bereits für viel Geld ersteigert - eine Millioneninvestition.
Chris Huhne hingegen wird eher zu den Atomkraftgegnern gezählt. Von ihm stammt der Spruch, die Nukleartechnologie führe in eine "Sackgasse". Seine Partei, die britischen Liberaldemokraten, kämpfen seit Jahren mit ähnlicher Leidenschaft gegen die strahlenden Meiler wie die deutschen Grünen.
Die beiden Männer, die gegensätzlicher kaum sein könnten, treffen in diesen Tagen häufiger aufeinander. Seit zwei Monaten ist Huhne in der liberalkonservativen Koalitionsregierung Minister für Energie und Klimawandel - und damit zuständig für die Atompolitik in Großbritannien. Für Beckers und seine Kollegen von den "Big Six", den anderen großen Energiefirmen, ist Huhnes Ernennung eine politische Katastrophe.
Vor der Unterhauswahl im Mai hatte es so ausgesehen, als könne nichts den Siegeszug der Atomkraft im Königreich aufhalten. Die wirtschaftsfreundliche Labour-Regierung hatte den Bau einer neuen AKW-Generation vorangetrieben, die konservativen Tories wollten daran anknüpfen. Schon 2017 sollte das erste neugebaute britische AKW seit mehr als zwei Jahrzehnten ans Netz gehen. Die sperrigen Liberaldemokraten hatte niemand ernst genommen. Doch ausgerechnet einer dieser Atomgegner sitzt nun im entscheidenden Ministerium.
Zwar versuchen die Energiebosse, ihren Frust zu überspielen. Huhne sei "ein Mann, mit dem wir Geschäfte machen können", sagt der Chef der britischen Tochter von EDF Energy, Vincent de Rivaz. Auch RWE-Mann Beckers fand bei einem Abendessen mit Journalisten in London nur lobende Worte für den früheren Banker Huhne.
Keine Subventionen für neue Atomkraftwerke
Aber es ist ein Kampf der Kulturen, und es ist nicht abzusehen, wer am Ende gewinnen wird. "Die Liberaldemokraten haben sich im Wahlkampf gegen neue AKW ausgesprochen, und diese Position scheint nun den Ton für die Regierungspolitik vorzugeben", sagt Ian Parrett, Analyst bei der britischen Energie-Unternehmensberatung Inenco. Die Personalie Huhne sorge für Unsicherheit in der Branche.
Auf dem Papier läuft alles weiter wie bisher: Im Koalitionsvertrag hat sich die liberalkonservative Regierung zum Bau neuer Atomkraftwerke bekannt. Aber es gibt eine wichtige Einschränkung: Es dürfen keine öffentlichen Subventionen fließen. Alle Kosten für Bau, Betrieb und Entsorgung soll die Branche selbst tragen.
In Zeiten knapper Kassen lassen sich Milliardengeschenke an Energiekonzerne nur schwer der Öffentlichkeit vermitteln - und die Cameron-Regierung hat bereits gezeigt, dass es ihr mit dem Sparen ernst ist. Wenn sie hart bliebe, wäre der Atomtraum wohl ausgeträumt. "Ohne Subventionen wird kein neues AKW auf britischem Boden gebaut werden", sagt Walt Patterson von der unabhängigen Denkfabrik Chatham House.
Es wird nun davon abhängen, wie strikt Energieminister Huhne den Koalitionsvertrag auslegt. Was ist eine Subvention? Und was ist eine zulässige Hilfestellung? Es gibt eine ganze Reihe von indirekten Subventionen, die Investitionen in Atomkraft attraktiver machen würden.
Diskutiert wird etwa über einen staatlich gesetzten Mindestpreis für CO2-Emissionen. Beckers fordert auch, die staatliche Förderung von erneuerbaren Energien künftig auf alle emissionsarmen Technologien, inklusive der Atomkraft, auszudehnen. Die Regierung müsse stärkere Investment-Anreize setzen, sagte er dem "Sunday Telegraph".
"Sehr begrenztes Zeitfenster" für notwendige Investitionen
Der Regierungswechsel hat die Energiefirmen in beträchtliche Unruhe versetzt. Sie können den neuen Minister nur schwer einschätzen. Ihr Verdacht, er werde den Planungsprozess verschleppen, hat sich bereits bestätigt: Huhnes Ministerium kündigte vergangene Woche überraschend an, die Nachhaltigkeitsstudie zur Atomkraft, die die Vorgängerregierung durchgeführt hatte, noch einmal zu überprüfen. Das dauert mindestens ein halbes Jahr.
Es war nicht der erste Rückschlag für die Atombranche. Zuvor hatte die Regierung im Juni bereits eine Kreditzusage über 80 Millionen Pfund an den Stahlbauer Sheffield Forgemasters zurückgezogen. Mit dem Geld sollte eine neue Stahlpresse finanziert werden. Die Absage führe dazu, dass EDF Energy kein neues AKW bis 2017 bauen könne, sagt Inenco-Analyst Parrett.
Angesichts des Gegenwinds haben die Wirtschaftsverbände ihre Lobbyanstrengungen vervielfacht. Mit Schreckensszenarien versuchen die "Big Six" die Regierung zur Eile anzutreiben. Wenn nichts getan werde, könnten in wenigen Jahren in Großbritannien die Lichter ausgehen, warnen sie. Es gebe nur ein "sehr begrenztes Zeitfenster" für die notwendigen Investitionen, warnte der Verband der herstellenden Industrie EEF in einem "Energy Action Plan".
Tatsächlich ist die britische Energie-Infrastruktur stark veraltet. Zwischen 2015 und 2020 gehen rund 30.000 Megawatt an Kapazität verloren, weil viele Anlagen abgeschaltet werden - darunter etliche Gas- und Kohlekraftwerke sowie sieben der zehn AKW-Standorte. Bei den erneuerbaren Energien aus Wind, Sonne und Wasserkraft hinkt Großbritannien hinterher - sie machen nur sechs Prozent des Energiemixes aus. Zum Vergleich: In Deutschland sind es mehr als 15 Prozent.
Huhne sendet gemischte Signale
Für die Renovierung der maroden Infrastruktur sind laut nationaler Energiebehörde Ofgem rund 200 Milliarden Pfund bis 2020 nötig - eine Verdoppelung der Investitionen im Vergleich zum abgelaufenen Jahrzehnt. Bislang ist vollkommen unklar, woher die gewaltige Summe kommen soll.
Doch die Warnung vor Blackouts ist Experten zufolge weit übertrieben. Laut dem Fachblatt "New Power" sind bereits neue Gaskraftwerke mit einer Kapazität von 14.000 Megawatt genehmigt. Weitere könnten in kurzer Zeit gebaut werden. Zudem sorgt die Wirtschaftskrise dafür, dass der Energieverbrauch auf absehbare Zeit stagniert. "Das Risiko, dass in diesem Jahrzehnt die Lichter ausgehen, ist durch den Abschwung deutlich verringert worden", sagt Dominic Maclaine, Chefredakteur von "New Power". Im Notfall könnten immer noch die Restlaufzeiten der bestehenden Atommeiler verlängert werden.
Für RWE und E.on sind das keine guten Nachrichten. Bisher betreiben sie nur Gas-, Kohle- und Windkraftwerke auf der Insel. 2009 hatten sie das Joint Venture Horizon Nuclear Power gegründet, um an der britischen Atom-Renaissance zu verdienen. Bis 2025 sollen zwei Atomkraftwerke mit je 3000 Megawatt Leistung in Wales entstehen. Eine zweistellige Milliardensumme ist für den Bau veranschlagt.
Noch sei man im Zeitplan, sagt ein Sprecher von Horizon Nuclear Power. Doch mit Bangen blickt die Firma darauf, was dem Minister wohl als nächstes einfällt. Bislang sendet Huhne gemischte Signale. Er betont in Gesprächen und Reden, er wolle der Atomindustrie keine Steine in den Weg legen. Aber er bleibt bei seinem Nein zu Subventionen. "Ich sehe keine Anzeichen, dass er davon abweicht", sagt Energieexperte Patterson. "Politiker sind Politiker, wenn sie unter Druck geraten. Aber er scheint ziemlich überzeugt zu sein".
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Herzlichen Dank für die kompetente Erklärung. Es ist schwer etwas zu diesem Thema zu finden - danke. Wenn es nach den Atom-Managern geht, wurden die deutschen AKWs schon immer so ausgerüstet, dass ein schneller Lastwechsel [...] mehr...
Nun, glauben tue ich schon mal gar nix. Das überlasse ich den Priestern. Auch wenn mir, als Nachrichtenmensch, alle Spannungen über 60V eigentlich suspekt sind, reicht mein Wissen, ein solches Papier zu beurteilen, durchaus. [...] mehr...
Ich weiß jetzt nicht was ich in meiner Argumentation mit der Strombörse zu tun hatte, aber wie Börse funktioniert (und auch die Strombörse) ist doch bekannt. Jemand bietet Aktien oder halt Stromemngen zum Kauf an und jemand [...] mehr...
Ja so ist das nun mal, man kann es glauben oder einfach als "Lobbyistenpapier" beschimpfen. Ich wollte auch garnicht mit Ihnen über eine Laufzeitverlängerung und den Einfluss auf die EE diskutieren, dass machen wir [...] mehr...
Zugegeben, etwas missverständlich. Hier ist mit KKW Kohlekraftwerk gemeint. ---Zitat--- .... Da Sie mir nicht so richtig glauben wollen, hier ein Papier zu diesem Thema: [...] mehr...
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