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22.07.2010
 

Bahn-Streit mit ZDF

Hickhack im Hitzestau

Von Sven Böll

ICE-Reisende: Immer neuer Ärger mit dem PrestigezugZur Großansicht
DPA

ICE-Reisende: Immer neuer Ärger mit dem Prestigezug

70 Grad in einem ICE: Kann das sein? Das ZDF enthüllt ein internes Bahn-Dokument mit der Zahl, der Bericht wird dementiert. Jetzt legt der Sender nach - der Konzern gerät in Erklärungsnot und steht blamiert da. Ein Lehrstück in misslungener Krisenkommunikation.

Hamburg - Wer schon mal auf einen verspäteten Zug gewartet hat, ist mit der Informationspolitik der Bahn vertraut. Erst ist von "etwa fünf Minuten Verspätung" die Rede, nach zehn Minuten von "etwa 20 Minuten", bis es schließlich 30 Minuten werden - und als Begründung gibt es dann Worte wie "Verspätete Bereitstellung". Nun ist eine Verspätung kein Weltuntergang. Aber die Bahn könnte sich viel Groll ersparen, wenn sie gleich die ganze Wahrheit sagen würde.

Das Vorgehen des Staatskonzerns wirkt wie Salami-Kommunikationstaktik: Nur zugeben, was sich nicht mehr abstreiten lässt. Auch die Kommunikation rund um die Ausfälle der ICE-Klimaanlagen folgt diesem Prinzip. Erst wurde die brutale Hitzefahrt am 10. Juli im ICE 846 von Berlin nach Köln zu einem von drei vergleichbaren Störfällen an diesem Tag erklärt. Nach und nach wurden mehr Pannen bekannt - und schließlich kam noch heraus, dass es ähnliche technische Störungen schon in der Vergangenheit gab.

Nun macht das ZDF-Magazin "Frontal 21" ähnliche Erfahrungen mit der Kommunikationspolitik der Bahn. Reporter haben recherchiert, dass in einem Unternehmensdokument vom Hitzesamstag die Temperaturangabe 70 Grad auftauchte - Titel des Berichts: "Geheime Störfallanalyse - Über 70 Grad im Hitze-ICE". Zuvor sei bloß von rund 50 Grad die Rede gewesen.

Der Konzern widersprach der Darstellung sofort. "Der Deutschen Bahn liegen keinerlei Anhaltspunkte für diese Behauptung vor", sagte ein Sprecher. Eine interne Störfallanalyse habe zwar bis zu 61 Grad Temperatur ergeben, aber am sogenannten Energieversorgungsblock der Klimaanlage. Und dieses Aggregat befinde sich unter dem Zug. Die Botschaft: Keine Ahnung, woher "Frontal 21" seine Horrorzahl hat, in einem Bahndokument steht sie nicht.

PDF-Download

Die Redakteure standen düpiert da - und wollten den indirekten Vorwurf schlechter Recherche nicht auf sich sitzen lassen. Deshalb veröffentlichte das ZDF am Donnerstag die Unterlage, auf die sich ihr Bericht stützte (siehe PDF).

Es handelt sich um die Störfallanalyse der Betriebsstelle Bielefeld vom 10. Juli, die für Feinschmecker der deutschen Sprache ein besonderer Genuss ist: "Klimaanlage im ICE 846 ausgefallen (...) Reisende hatten wegen zu großer Hitze von über 70 Grad Celsius in Wagen 27 Scheibe eingeschlagen. Weiterfahrt mit Reisenden nicht möglich."

Die Bahn hätte intern also durchaus einen Ansatzpunkt für die Behauptungen des ZDF gehabt.

Ein Sprecher sagt SPIEGEL ONLINE dazu, abschließend könne man bisher nicht nachvollziehen, woher "Frontal 21" die Behauptung von mehr als 70 Grad gemessener Innentemperatur habe. Man überprüfe das Dokument noch. Bahn-Chef Rüdiger Grube persönlich erneuerte am Donnerstag die Kritik an dem Bericht ("Falschinformation") und verwies nochmals auf die 61 Grad am Energieversorgungsblock unterm Zug.

Nichts ist ausgeräumt

Dies ist nun noch eine interessante Wendung. Das ZDF macht klar, woher es die Zahl hat - die Bahn weicht aus und zieht indirekt erneut in Zweifel, dass im Zug tatsächlich 70 Grad gemessen wurden.

Damit hat sie an sich nicht mal unrecht. Denn die zitierte Störfallanalyse lässt tatsächlich offen, ob die 70 Grad auf Schilderungen und Eindrücke von Fahrgästen zurückgehen oder auf Messungen. Die Frage, wie heiß es in dem ICE wirklich war, ist offener, als es die ZDF-Überschrift "Geheime Störfallanalyse - Über 70 Grad in Hitze-ICE" glauben lässt. Nachgewiesen ist durch das Dokument nichts.

Aber ausgeräumt eben auch nichts.

Die Bahn hätte sich wappnen können - wenn sie schon in den vergangenen Tagen dem Dokument mit den 70 Grad und den Fakten hinterherrecherchiert hätte. So bleibt wieder nur: Salamitaktik.

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Zur Person

REUTERS
Rüdiger Grube ist seit Mai 2009 Chef der Deutschen Bahn. Der 58-Jährige hat sich von der Hauptschule über eine Berufsausbildung und ein Studium bis an die Spitze eines der größten deutschen Konzerne hochgearbeitet. Vor seinem Wechsel zum Staatskonzern war er im Vorstand des Autobauers Daimler für die Konzernentwicklung zuständig. Davor arbeitete Grube mehrere Jahre bei der Daimler-Benz Aerospace (DASA), die später im Luft- und Raumfahrtkonzern EADS aufging. Der Top-Manager ist verheiratet und hat zwei Kinder. mehr auf der Themenseite...






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