Von Corinna Jessen, Athen
Nikos Sidas steht in sengender Hitze vor dem Athener Transportministerium. Inmitten lautstark debattierender Lastwagenfahrer telefoniert er mit Popi Tsapanidou, einer der bekanntesten Talkmasterinnen des griechischen Fernsehens: "Der Minister hat uns verraten", brüllt er in sein Mobiltelefon. Die Menge skandiert: "Judas, Judas!"
"Unsere Familien sind ruiniert, wir haben nichts mehr zu verlieren", sagt der 58-jährige Tanklastwagenbesitzer seiner Gesprächspartnerin und damit auch den Zuschauern des Fernsehsenders Skai. Er habe gehofft, seine Lizenz in zwei Jahren verkaufen und sich mit dem Erlös zur Ruhe setzen zu können. Nun werde er von einer "Hungerrente" von 590 Euro leben müssen.
Für Sidas und seine Kollegen geht es um Geld und Privilegien. Sie beharren auf einem staatlichen Protektionismus, dessen Abschaffung seit Jahren immer wieder angekündigt wurde und der dennoch bis heute Bestand hat. Jetzt muss sich Premier Georgios Papandreou darum kümmern. Nicht zuletzt, weil der Kreditvertrag mit der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds, der Griechenland vor dem Staatsbankrott bewahrt hat, ihn zur Liberalisierung des Arbeitsmarktes verpflichtet.
Doch die Transportunternehmer wollen davon nichts wissen. Es kümmert sie nicht. Sie gehören zu den "geschlossenen Berufsgruppen", wie viele andere auch. Ihre heute etwa 33.000 gültigen Lizenzen sind Anfang der siebziger Jahre von der damaligen Militärjunta gegen eine geringe Verwaltungsgebühr vergeben worden. Danach hat der Staat keine weiteren mehr erteilt. So war sichergestellt, dass die geschlossene Zahl der Lizenzen weiterverkauft werden konnte - und das zu ständig steigenden Preisen.
Transport um die halbe Welt billiger als Inlandsroute
Die Tanklastwagenbesitzer, die derzeit streiken, haben für ihre Genehmigungen bis zu 300.000 Euro bezahlt. Erteilt der Staat nun schrittweise so gut wie kostenfreie Lizenzen, verlieren die alten ihren Wert - Männer wie Sidas fürchten um ihre finanzielle Zukunft. Denn bislang waren die Fuhrunternehmer auf ihrem Markt konkurrenzlos, selbst EU-Ausländer konnten keine Transportlizenzen erwerben.
Der Ökonom Ioannis Stournaras spricht von "sowjetisch" anmutenden Strukturen, die entscheidend zur mangelnden Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft beigetragen haben. Das soll sich jetzt ändern. Preissenkungen bis zu 30 Prozent erhoffen sich die Inspekteure von EU und IWF durch die Öffnung des Transportwesens.
Wie griechische Medien immer wieder vorrechnen, ist es momentan teurer, eine Lkw-Ladung von Athen nach Thessaloniki zu schicken, als einen Container aus Fernost nach Piräus zu verschiffen. Im Herbst sollen außerdem sämtliche "geschlossenen Berufszweige" wie die der Taxiunternehmer, Anwälte oder Architekten liberalisiert werden.
Gruppenfahrten zum Flughafen
Weitere Proteste dürften die Folge sein. Denn wie hart der Widerstand gegen die Aufgabe jahrzehntelanger Privilegien ist, zeigt die Rücksichtslosigkeit, mit der die Trucker das Land lahmlegen.
Mitten in der Haupturlaubszeit sitzen Tausende Touristen ohne Sprit fest. Auf der Insel Kreta haben Urlauber ihre Mietwagen am Straßenrand mit leeren Tanks stehengelassen, mehr als 200 hat die Polizei bereits eingesammelt.
Auf der nordgriechischen Halbinsel Chalkidiki macht sich der Mangel besonders dramatisch bemerkbar. Vor allem Urlauber aus den benachbarten Balkanländern reisen dort mit dem Privatwagen an. "Meine Gäste", sagt Hotelier Nikos Mandis, "können nicht einmal mehr zum nächsten Geldautomaten fahren, und die Taxis haben auch keinen Sprit mehr."
Verzweifelt versuchen Hoteliers und Wirte die Gäste bei Laune zu halten, lassen anschreiben und organisieren Gruppenfahrten für die, die ihre Flüge erreichen müssen. "Enttäuschend und extrem verlustreich" sei das Bild eines von ständigen Streiks lahmgelegten Griechenlands, beklagt der griechische Hoteliersverband in einer Pressemitteilung. Auf der Chalkidiki seien im Juli fünf Prozent der Buchungen storniert worden, im August fürchte man sogar Stornierungen von bis zu 30 Prozent.
Trucker gegen Hoteliers, Bauern gegen Trucker, jeder gegen jeden: Mitten in der Krise zerfällt das Land in Interessengruppen, die hartnäckig ihre Privilegien verteidigen.
Kein Mitleid mit den Lastwagenfahrern hat zum Beispiel Manolis Paxevanidis. Der Bauer aus dem nordgriechischen Veria kippt theatralisch seine Pfirsiche auf die Straße. Könne er seine empfindliche Ernte nicht verladen, stehe er vor dem Ruin, schreit er in die Fernsehkameras. Doch ein streikender Lastwagenfahrer erwidert ungerührt, die Transportunternehmer hätten im vergangenen Winter ebenfalls vor dem Ruin gestanden, als Bauernproteste die Autobahnen blockierten.
"Sollen sie doch kommen und uns alle einsperren"
Nun muss Premier Papandreou seinen Landsleuten erklären, dass es keine Alternative zu den Einschnitten gibt. "Wir sind aufgerufen, die Revolution des Selbstverständlichen durchzuführen", sagt der Regierungschef.
Jetzt droht die Regierung mit der "zivilen Mobilmachung". Folgt ein Lkw-Besitzer dem auf seinen Namen persönlich ausgestellten "Marschbefehl" nicht, könne er sofort festgenommen und einem Schnellgericht überstellt werden, das Fahrzeug könne beschlagnahmt werden, droht Transportminister Dimitris Reppas. Doch selbst diese drakonische Maßnahme beeindruckt die Streikenden wenig. Viele der Lkw-Besitzer haben inzwischen die Nummernschilder ihrer Fahrzeuge abgeschraubt, um der Identifizierung zu entgehen.
Widersetzen sich die Spediteure geschlossen, würden 30.000 Inhaftierte und ebenso viele Gerichtsverfahren den Staatsapparat völlig überlasten. "Sollen sie doch kommen und uns alle einsperren", fordert also Nikos Sidas die Regierung heraus. Für ihn und seine Kollegen ist der Staat zum "Verräter" geworden.
Auch die Kabinettsentscheidung, die Armee für die Versorgung wichtiger Einrichtungen wie Krankenhäuser, Stromwerke und Flughäfen einzusetzen, lässt die Transporteure nicht aufgeben. Sie wollen schon nächste Woche ihre Notstandsrekrutierung vor Gericht anfechten.
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Das hat mit Enteignung nichts zu tun. Die griechischen Trucker dürfen ihre Lizenz behalten. Es werden noch viele weitere schmerzliche Einschnitte folgen um sicher zu stellen, daß Griechenland seine Schulden bei IWF und EU [...] mehr...
... Wer so etwas in angenehmer Umgebung besprechen möchte, den lade ich ein, das in den nächsten beiden Wochen nahe Heraklion mit mir zu tun oder am letzten Septemberwochende in der Universität von Rethymnon bei der Tagung der [...] mehr...
Was hat das mit der *Enteignung* der bisherigen Lizenzinhaber zu tun, per plötzlicher federstrichartiger juristischer Wende um 180°, letztlich erzwungen per EU-Dekret ? Und der kleinste negative Einfluss ist ja wohl eine [...] mehr...
Leider ja. Außerdem gab es schon mehrfach Versuche dieses System aufzubrechen die an Lobby arbeit gescheitert sind. Jedem Trucker muß klar gewesen sein was da möglicherweise auf sie zukommt aber sie haben sich auf das korrupte [...] mehr...
Sie wissen aber schon was genau Insolvenz bedeutet? Der Bundesbankbericht 06/2002 wurde hier nun zur genüge gepostet. Was aber natürlich nichts daran ändert das die Bevölkerung des östlichen teils Deutschlands Ihr System in die [...] mehr...
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