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09.09.2010
 

Leben als Leiharbeiter

Wenn die Probezeit ewig dauert

Von Martin Heller

Foto: dapd

In Deutschland gibt es fast eine Million Leiharbeiter. Kaum eine Branche wächst schneller - und keine ist so umstritten: Immer wieder werden üble Tricks und Fälle von Ausbeutung bekannt, die Gewerkschaften laufen Sturm. SPIEGEL ONLINE hat Jobber auf Zeit und ihre Auftraggeber getroffen.

Berlin - Patrick Bredy sieht sich als Opfer der Zeitarbeit. Vor dem Arbeitsgericht kämpft er gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber, eine Zeitarbeitsfirma. Es geht um die Bezahlung von Überstunden, Urlaub und vieles mehr. Und doch hat der 23-Jährige wieder einen Job als Leiharbeiter angenommen: "Man ist froh, dass man Arbeit hat."

Der gebürtige Thüringer fährt im blauen Dress einen Gabelstapler der Firma Pipp Papierverarbeitung durch die nagelneue Fabrikhalle in Essenbach bei Landshut. Für 8,22 Euro brutto pro Stunde. "Es gibt die Chance, übernommen zu werden", sagt der gelernte Facharbeiter für Lagerlogistik. Und so fährt er seine Runden, hebt Paletten auf Lkw.

Ob man einen weiteren Leiharbeiter zum Interview treffen könne? Bredys Chef überlegt, er ist der Regionalleiter des Zeitarbeitsunternehmens, begleitet wird er von der Mitarbeiterin einer PR-Agentur. Der Manager hat eine Idee, der Kandidat, der ihm vorschwebt, sei allerdings etwas "schwankend". Die PR-Agentin greift ein - und flüstert etwas zu laut: "Nicht, dass der sagt, Zeitarbeit ist scheiße." Das war's mit dem Interview. Die Branche ist nervös.

Jürgen Pipp findet dagegen klare Worte. Er ist Inhaber und Geschäftsführer des Betriebs, in dem Bredy arbeitet. Ihm gehe es nicht so sehr um billige Arbeitskräfte, sondern darum, die Schranken des Arbeitsrechts zu umgehen. "Die Probezeit kann ich durch die Leiharbeit auf unbestimmte Zeit verlängern", bekennt er offen. Bei normalen Arbeitnehmern sei das anders, und das sei für ihn ein "roter Punkt", sagt Pipp etwas ungelenk (siehe Video oben).

"Ich wär fast hops gegangen"

Wie wichtig Flexibilität für sein Unternehmen ist, hat Pipp im Krisenjahr 2009 gelernt. Für alle 50 festangestellten Mitarbeiter hat er Kurzarbeit angemeldet, die Aushilfen waren nur im Betrieb, wenn es Aufträge gab. "Ich wäre fast hops gegangen", sagt Pipp. Jetzt ist die Firma ausgelastet, der Unternehmer muss sogar Aufträge ablehnen. Erwartetes Umsatzplus: 25 Prozent.

Erst die Kurzarbeit, jetzt die Leiharbeit. Trägt das flexible deutsche Arbeitsrecht zur rasanten Konjunktur-Erholung bei? Oder missbrauchen die Unternehmer die gesetzlichen Möglichkeiten?

Dass viele Langzeitarbeitslose über die Zeitarbeit zurück ins Arbeitsleben finden, ist unstrittig. Fakt ist: Jede dritte Einstellung in Deutschland findet derzeit in der Zeitarbeitsbranche statt.

Auch Marcus Schulz, Deutschland-Chef der Zeitarbeitsfirma USG People, freut sich über einen rasant wachsenden Personalbestand. 40 Prozent Zuwachs in nur fünf Monaten. Mittlerweile fehlen schon geeignete Bewerber. "Bestimmte Qualifikationen sind auch für uns kaum noch zu rekrutieren."

Der smarte Manager kämpft aber nicht nur um Personal. Das schlechte Ansehen der Branche macht ihm ebenfalls zu schaffen. "Schlecker war unser Alptraum", sagt Schulz. Der Drogeriemarkt stand lange Zeit in der Kritik, weil er festangestellte Mitarbeiter in eine Zeitarbeitsfirma auslagern wollte. Dies seien zwar Machenschaften dubioser Konkurrenten, sagt Schulz. Doch sie hätten den Ruf der gesamten Zeitarbeitsbranche ruiniert.

"Man kann schummeln"

Tatsächlich wird immer wieder systematisch gegen Arbeits- und Tarifverträge verstoßen. Die Arbeitnehmer - froh über den neuen Job - merken das meist zu spät. Es gebe neben vielen seriösen Anbietern Firmen, "die versuchen, den Ertrag auf dem Rücken der Mitarbeiter zu optimieren", beklagt Schulz. "Es raubt mir den Schlaf."

Die Mitarbeiter würden etwa nicht korrekt in die Entgeltgruppen der Tarifverträge eingruppiert, erläutert Schulz. In manchen Fällen weigerten sich Zeitarbeitsfirmen, ihren Leuten Gehalt zu zahlen, wenn es für sie gerade keinen Einsatz gebe. Und bisweilen werde das Entgelt im Krankheitsfall ebenfalls nicht korrekt gewährt.

"Man kann schummeln", erklärt der Personalprofi - zum Beispiel, wenn ein Mitarbeiter für eine Nachtschicht vorgesehen ist. "Wird er krank, steht ihm trotzdem der Zuschlag für die Nachtarbeit zu. Diesen Zuschlag kann ich ihm aber vorenthalten und spare eine Menge Geld. Das ist Missbrauch."

Eigentlich soll das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz solche Fehler verhindern. Das Regelwerk ist wahrscheinlich das meistreformierte Gesetz im deutschen Arbeitsrecht. Auch im Herbst 2010 werden Politik und Interessengruppen über Änderungen streiten.

Gewerkschaften planen Proteste

So plant Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) unter anderem eine "Schlecker-Klausel". Betriebe dürfen demnach Arbeitnehmer nicht entlassen und innerhalb von sechs Monaten als Leiharbeiter wieder beschäftigen, es sei denn zu gleichen Konditionen.

Den Gewerkschaften geht der Gesetzentwurf nicht weit genug. "Die Leiharbeit vermehrt sich rasant und verdrängt mehr und mehr Stammbeschäftigung", sagt der zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, zu SPIEGEL ONLINE.

Die IG Metall kündigt deshalb für den Herbst Proteste an. "Gegen das Bestreben, durch Leiharbeit ein zweites, niedrigeres Tarifniveau zu etablieren, werden wir Gegenwehr in den Betrieben organisieren", sagt Wetzel. Er spricht von einer "modernen Form der Ausbeutung".

Es klingt nach Klassenkampf in der Zwei-Klassen-Arbeitsgesellschaft.

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02.10.2010 von marant: Nachtrag:

Nachtrag: die Nacht-Nebel Aktion der "Leiharbeiter" aus den polnischen Niederlassungen von Randstadt und Adecco mit freundlicher Unterstützung der heimischen Johnnson Controls Werke der Automobilbranche war wohl eine [...] mehr...

25.09.2010 von marant: Es geht noch billiger !

"Leiharbeit" ist Ausbeutung hoch drei ! keine Frage. Und zwar grenzenlos! Neuerdings werden in einer bei uns ansässiger Firma Leute aus dem polnischen Werk schubweise, darunter auch viele "Leiharbeiter", [...] mehr...

24.09.2010 von atypischversklavt: atypische Beschäftigung

Hört sich doch gut an wie die Arbeitslosenzahlen zurückgehen wen interessiertes wenn die Arbeiter von ihrem Lohn nicht mehr leben können oder am Existenzminimum leben. Und in den Medien hört man 1/3 weniger Lohn das ist doch eine [...] mehr...

12.09.2010 von **Kiki**: .

Machen Sie sich um meinen Seelenfrieden mal keine Sorgen, und meine Gedanken finden Sie mühelos in mehreren Beiträgen Ihres Threads, falls Sie sich dazu überwinden sollten, sie vielleicht doch auch mal zu lesen, anstatt [...] mehr...

11.09.2010 von herkurius: persönliche Verhältnisse

Vielleicht hilft es Ihrem Seelenfrieden, wenn Sie sachlich antworten, also einen Gedanken zum Thema des Artikels äussern, wenn Sie einen haben, der andere interessieren könnte, anstatt irgendwie dauernd auf meine vermeintlichen [...] mehr...

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Arbeitslosengeld I

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Was ist Hartz IV?

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Hartz IV ist die größte und umstrittenste Arbeitsmarktreform in der Geschichte der Bundesrepublik. Benannt ist sie nach dem damaligen Volkswagen-Personalchef Peter Hartz, der als Leiter einer Regierungskommission die Grundlagen der Reform vorgeschlagen hatte. Am 1. Januar 2005 trat das entsprechende Gesetz in Kraft.

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