20 Jahre Mauerfall: Aufschwung im ehemaligen Zonenrandgebiet

Aus Dannenberg und Upahl berichtet Julian Trauthig

Der Mauerfall hat eine Region zum Verlierer gemacht - das Zonenrandgebiet. Trotz des drastischen Subventionsabbaus nach der Wende blieben einige Unternehmen im Westen, andere zogen gen Osten, den staatlichen Hilfen nach. Eine Geschichte über Heimatverbundenheit und Pragmatismus.

Ehemaliges Zonenrandgebiet: Zwischen Heimat und Ostsubventionen Fotos
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Dannenberg/Upahl - Wer nach Dannenberg im Wendland will, muss auf die Landstraße. Schon im niedersächischen Lüneburg verlässt man die A250 und schlängelt sich auf der B216 rund 50 Kilometer durch Dörfer, Alleen und Wälder. Erst dann erreicht man die 5000-Einwohnerstadt, in der zwischen Backsteinkirchen und Fachwerkhäusern die Zentrale des Familienunternehmens Nya Nordiska liegt. In einem Neubau mit Glasfassade betreibt Diete Hansl-Röntgen dort mit ihren vier Kindern einen internationalen Textilverlag. 125 Mitarbeiter arbeiten für den Entwickler und Hersteller von hochwertigen Dekorations- und Möbelstoffen.

Im 730-Einwohnerort Upahl in Mecklenburg-Vorpommern ist von ländlichem Idyll dagegen nichts zu spüren: Im Minutentakt fahren Milchtanklastwagen von der A20 ab und erreichen nach wenigen Metern das Pförtnerhäuschen einer Wellblechfabrik mit Milchsilos und einem riesigem Schornstein. Hier hat die Hansano-Molkerei ihren Stammsitz, eine Genossenschaft im Besitz der lokalen Bauern. 1995 zog das Traditionsunternehmen mit 250 Mitarbeitern aus Lübeck ins 50 Kilometer entfernte Upahl.

Zwei Milliarden Mark pro Jahr

Was so unterschiedlich wirkt, hat eine Gemeinsamkeit: die abgeschiedene Lage dort, wo einmal das sogenannte Zonenrandgebiet war. Jener 40 Kilometer breite Streifen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze, der zirka 20 Prozent der damaligen Fläche des Bundesgebietes ausmachte. Wegen der abgelegenen Grenzlage gab es nach dem Zonenrandförderungsgesetz für Unternehmen Zuschüsse, Sonderabschreibungen von bis zu 50 Prozent auf Anschaffungs- und Herstellungskosten etwa. Rund zwei Milliarden DM hat die Bundesrepublik nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums vor der Einheit pro Jahr für Wirtschaftsförderung ausgegeben, davon allein 40 Prozent für das Zonenrandgebiet.

Dann kam die Wende und mit ihr das Ende der Förderung, die 1994 auslief.

Das Geld, das vorher jahrelang an den Rand der alten Bundesrepublik geflossen war, wurde jetzt in die neuen Bundesländer gepumpt. Der erste Solidarpakt galt von 1995 bis 2004, mit insgesamt 105 Milliarden Euro sollte eine moderne Infrastruktur aufgebaut und die zu geringe Finanzkraft der ostdeutschen Kommunen ausgeglichen werden. Bis heute gibt es neben den von Bund und Ländern bereitgestellten Mitteln zusätzliches Geld aus dem Länderfinanzausgleich.

Tatsächlich sind es nur wenige Kilometer, die auch Diete Hansl-Röntgen von der Förderung trennen. Nur 15 Kilometer sind es von Dannenberg bis zur ehemaligen Grenze - und doch waren Subventionen und Infrastruktur nie ein Argument, um Dannenberg zu verlassen. Sie erinnert sich gut an die Diskussionen innerhalb der Familie nach dem Mauerfall: "Natürlich haben wir uns geärgert, dass sich ein Raumausstatter auf der anderen Seite der Elbe eine Nähmaschine für 30.000 Euro mit 50 Prozent Subvention kaufen kann, und wir diese Subvention nicht bekommen", sagt sie. "Bei 65 Prozent weltweitem Export ist es im Prinzip egal, wo der Firmensitz ist, jedoch sind die Junioren hier aufgewachsen, die Mitarbeiter hängen auch am Standort, die Zusammenarbeit mit der Stadt ist harmonisch - soll man dann wegen der höheren Subvention auf die andere Seite der Elbe wechseln?"

"Die einen kamen mit dem Golf, die anderen mit dem Trabi"

Das sah man bei Hansano anders: Schon Mitte der achtziger Jahre wollte die 1878 gegründete Genossenschaft aus Platzgründen an den Lübecker Stadtrand ziehen, fand aber kein Grundstück. Mit der Wiedervereinigung verdoppelte sich dann plötzlich das Einzugsgebiet - und man traf deshalb sehr schnell die Entscheidung für Upahl im Osten.

Wenn Geschäftsführer Roland Frölich an die Jahren nach dem Mauerfall denkt, fällt ihm ein Lied ein. "Wir wollen aufstehen, aufeinander zugehen, voneinander lernen, miteinander umzugehen", spielte seine Tochter im Posaunenchor - doch das war einfacher gesagt als getan: Die ersten Jahre seien von Vorurteilen geprägt gewesen. "Ein Teil der Mitarbeiter kam mit dem Golf aus Lübeck, der andere Teil mit dem Trabi aus Schwerin - die lebten in ganz verschiedenen Welten", sagt Frölich. Der Umgang miteinander musste erst gelernt werden.

Auch in Dannenberg prallten die Welten aufeinander. Vier Frauen aus dem Osten kamen schon wenige Wochen nach der Wende in den Betrieb von Diete Hansl-Röntgen und ihrem Sohn Remo. "Die neuen Mitarbeiterinnen mussten zum Beispiel erstmal lernen, wie man Kundengespräche auf Englisch führt", erzählt Hansl-Röntgen. Und doch hat man sich zusammengerauft: Drei der vier Frauen arbeiten immer noch im Betrieb.

Solidarpakt II läuft noch bis 2019

Eine von ihnen ist Renate Kribus. "Wir wussten damals gar nicht, was Nya Nordiska genau macht", sagt sie. Wie Kribus wurden mittlerweile viele Mitarbeiter im Betrieb ausgebildet. Denn es ist nicht einfach, in der Region qualifizierte Kräfte zu finden, zu weit liegt Dannenberg von den Modezentren der Welt entfernt. Die Ausbildung ist zwar arbeitsintensiv, trotzdem hat sich die Geschäftsleitung bewusst für den Standort Dannenberg entschieden - nicht zuletzt auch wegen der emotionalen Verbundenheit. Denn auch sie hängt an dem Standort: "Ich empfinde es als ein großes Privileg, wenn ich morgens mit meinem Hund auf dem Elbdeich spazierengehe, dabei die Kraniche beobachten kann und tagsüber mit der ganzen Welt zu tun habe", sagt Remo Röntgen.

Auch bei der Molkerei Hansano entschied man sich bewusst für den Standort Upahl - zumal die ländliche Lage wenig Nachteile hat: "Wir haben uns bei der Standortwahl gefragt, wo sind die Landwirte und wo sind die Kunden?", sagt Geschäftsführer Frölich. Die Genossenschaft beliefert nur Kunden in Norddeutschland, auch deshalb hat man sich damals für Upahl entschieden. Wenn man umrechne, wie viel Meter die Milchwagen des Unternehmens pro Liter Milch führen, komme man auf 15 Meter. "Dieser ökologische Fußabdruck ist deutlich kleiner als bei bundesweit liefernden Großmolkereien", sagt Frölich. Zudem seien durch den Biotrend der letzten Jahre regionale Produkte sehr gefragt.

Dazu kommt: Auf Subventionen ist Hansano nicht mehr angewiesen. Zwar gilt der zweite Solidarpakt mit insgesamt 156 Milliarden Euro noch bis 2019, doch die Molkerei ist davon finanziell nicht abhängig. Deshalb kann Geschäftsführer Frölich damit leben, dass die Leistungen von 2005 an degressiv sind, das heißt, es wird von Jahr zu Jahr weniger Geld für die neuen Bundesländer ausgegeben.

Auch in Dannenberg sind die Subventionen schon lange kein Thema mehr - man hat ganz andere Sorgen: Auch bei Nya Nordiska spürt man die Krise. Vor allem der Export nach Russland, Großbritannien und die USA sei deutlich zurückgegangen, sagt Remo Röntgen. Doch auch hier bleibt man optimistisch - und setzt auf die Zukunft: Seit letztem Jahr ist zwischen den Backsteinmauern und Fachwerkhäusern in der Innenstadt eine Großbaustelle. Der Firmensitz wird erneut ausgebaut.

Ein klareres Bekenntnis zum Standort gibt es wohl nicht.

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insgesamt 4376 Beiträge
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1.
DJ Doena 27.08.2009
Die Frage ist, ob das je ganz passieren wird. Großbritannien ist technisch gesehen auch ein Land, dennoch gibt es da die Waliser, die Schotten und eben die Engländer.
2.
CMH 27.08.2009
Zitat von sysopDie ökonomische Kluft zwischen Ost- und Westdeutschland vergrößert sich wieder. Was ist nach der Wiedervereinigung schief gelaufen?
Wäre toll, wenn der sysop das anhand einer Quelle belegen könnte. Ich bin mir ziemlich sicher, letzte Woche in der FAZ einen Bericht gelesen zu haben, der das Gegenteil darstellte.
3. # 3
sysop 27.08.2009
Kommt gleich.
4.
Reziprozität 27.08.2009
Zitat von DJ DoenaJa, das ist so, in Hamburg sagen wir, alles was südlich der Elbe liegt ist feindliches Ausland ;-) Der Osten hat fasst keine Ausländer, kein Wunder, ist ja auch Ausländerfeindlich. Der Westen hat viele Ausländer und Wunder, kaum Ausländerfeindlichkeit. Leider gibt es immer wieder Ausnahmen, die die Regel bestätigen.
Hmm, Tostedt zum Beispiel. Liegt aber suedlich der Elbe....
5.
DJ Doena 27.08.2009
Zitat von DJ DoenaJa, das ist so, in Hamburg sagen wir, alles was südlich der Elbe liegt ist feindliches Ausland ;-)
Alles nördlich des Mains gehört ja auch zu Südschweden. ;-)
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