Streit um 28-Stunden-Woche IG Metall weitet Warnstreiks aus

Vor den nächsten Warnstreiks um die Arbeitszeiten in der Metallbranche hat IG-Metall-Boss Hofmann die Arbeitgeber attackiert. Er wirft ihnen ein "Familienmodell aus dem letzten Jahrtausend" vor.

Werftarbeiter bei einem Warnstreik (Archiv)
DPA

Werftarbeiter bei einem Warnstreik (Archiv)


Die Auftragsbücher in der Metallbranche sind voll, viele Arbeitgeber stöhnen über die 35-Stunden-Woche. Doch die Gewerkschaft will noch kürzere Arbeitszeiten durchsetzen - Lohnausgleich zum Teil inklusive.

Für diese Forderung und ein kräftiges Lohnplus von sechs Prozent weitet die IG Metall ab kommender Woche ihre Warnstreiks aus. Schwerpunkte der Aktionen in dem bundesweiten Tarifkonflikt sind laut Gewerkschaft vor allem in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Sachsen geplant. Allein im Südwesten und in NRW sollen rund 750 Betriebe betroffen sein.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann hat die Arbeitgeber vor den Streiks scharf kritisiert. Ein vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall bestelltes Rechtsgutachten zu den Forderungen sei ein "peinliches Manöver", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Das Gutachten lege ein "Familienmodell aus dem letzten Jahrtausend zugrunde". Die geforderten Ausgleichszahlungen würden all jene Beschäftigten benachteiligen, die schon in Teilzeit arbeiten und dafür nichts bekommen, heißt es in dem Papier. Hofmann entgegnete, so würde ein altes Rollenmodell beibehalten: "Der Mann geht arbeiten, die Frau kümmert sich um die Kinder."

Das Gutachten stelle zudem "die Tarifautonomie infrage, indem es Arbeitskampfmaßnahmen als rechtswidrig brandmarkt", sagte Hofmann. Das vergifte das Verhandlungsklima. Das Papier stuft die geforderten Regelungen zur Teilzeitarbeit mit Lohnausgleich als gesetzeswidrig und die damit verbundenen Streiks als illegal ein.

Arbeitgeber bieten zwei Prozent mehr Geld - und fordern Flexibilität

Der Gewerkschaft schwebt für den größten deutschen Industriezweig ein Recht auf eine 28-Stunden-Woche für maximal zwei Jahre vor. "Verkürzte Vollzeit" nennt sie das. Gesamtmetall lehnt die Idee ab. Es gebe ohnehin schon zu wenige Fachkräfte. "Es wäre daher ein standortpolitischer Wahnsinn, die bestehende Fachkräftelücke mit Gewalt zu vergrößern", hatte der Verband mitgeteilt. Die Arbeitgeber haben bislang Lohnzuwächse von zwei Prozent plus einer Einmalzahlung angeboten - aber auch eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten verlangt. Die Warnstreiks seien eine unnötige Verschärfung des Konflikts.

Im Fokus der Streiks sollen kommende Woche auch mehrere Autozulieferer wie etwa Kirchhoff Automotive in Iserlohn stehen. Es ist das Unternehmen des nordrhein-westfälischen Verhandlungsführers der Arbeitgeber, Arndt Kirchhoff. Bis zum Beginn der dritten Verhandlungsrunde in den kommenden Wochen sollen die Proteste andauern.

Bereits am Donnerstag hatte die Gewerkschaft beim Autobauer Porsche in Stuttgart und beim Getriebehersteller ZF in Brandenburg an der Havel zum Streik aufgerufen - insgesamt beteiligten sich rund 3000 Beschäftigte an der Aktion.

Arbeitszeit in Deutschland

33 Jahre nach dem letzten großen Kampf um die Arbeitszeiten droht nun also die nächste große Auseinandersetzung. Damals hatte die IG Metall in einem sieben Wochen langen Streik in Hessen und Baden-Württemberg erfolgreich kürzere Arbeitszeiten durchgesetzt. "Die Beschäftigten wollen Arbeitszeiten, die zu ihrem Leben passen", hatte nun Hofmann den neuen Vorstoß begründet.

Über die Tarifautonomie will die Gewerkschaft das durchsetzen, was politisch keine Mehrheit fand: Ein Gesetzentwurf der damaligen SPD-Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, der Teilzeitbeschäftigten ein Rückkehrrecht in die Vollzeit ermöglichen sollte war im Mai gescheitert.

apr/AFP/Reuters/dpa

insgesamt 20 Beiträge
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AirStalz 05.01.2018
1. Die, die Arbeit haben,
Geht es offensichtlich zu gut! Die Gewerkschaft betreibt wieder Politik für Leute mit Arbeit und fordert eine Arbeitszeitverkürzung! Das kommt aus dem letzten Jahrhundert und hat in der heutigen Zeit nichts mehr zu suchen, gerade wenn es um Flexibilisierung geht. So kommen jedenfalls Zeitarbeiter und Arbeitslose keinen Meter weiter. Gebt den Leuten eine ordentliche Gehaltserhöhung (3,x%) und dann ist gut. Wer weiß, ob die Zeiten in 2 Jahren noch so gut sind. Dann rächen sich solche Wohltaten nämlich, siehe 20 Jahre in die Vergangenheit.
CMES 05.01.2018
2. Realitätsnähe
28 h - Woche für 2 Jahre ist ein unkalkulierbares Risiko für die Industrie. Vor allem mit einem entsprechend gefordertem Lohnausgleich. Wie soll ein Arbeitgeber sich darauf einstellen, dass Vollzeitkräfte für 2 Jahre 28 h / Woche = 4 Tage im Bereich Metall arbeiten wollen, und dann wieder zurückkehren in die Vollzeit mit 35 h / Woche? In dieser Zeit sollen dann evtl. prekäre Beschäftigungsverhältnisse (z.B. über Zeitarbeit) die fehlenden 7 h / Mitarbeiter / Woche auffangen und der Arbeitgeber dafür noch höhere Kosten auf sich nehmen? Das kann nicht das Ziel in einem Land sein, dass schon durch einen hohen Personalkostenanteil internationale Wettbewerbsschwierigkeiten hat. In vielen anderen Bereichen werden Arbeitszeiten notwendigerweise ausgedehnt und nicht verkürzt. Hier sollte Verdi wirklich einmal überlegen, nicht an der Realität vorbei zu argumentieren. Familie ist wichtig, aber Arbeit, die ernähren kann ebenso. Wir sind keine Wohlfühlrepublik. Es ist wichtig, dass man Prioritäten setzen kann.
Jacke 05.01.2018
3. Kann funktionieren
Wenn jemand 28h motiviert und unter guten Arbeitsbedingungen zu Werke geht kann das Ergebnis durchaus besser sein als 40h genervt, lustlos, gelangweilt etc. zu arbeiten. Schwierig wird es mit Abstimmungsrunden, Meetings etc., die möglichen Zeitfenster werden schlichtweg zu klein.
elvis79 05.01.2018
4. Bin bei der IGM aber
Diese Forderung mit 28 Stunden ist ein Schmarren. Lohnerhöhungen und allgemeine Besserung der Arbeitnehmer Verhältnisse ist in Ordnung aber die Metall und Elektro Industrie hat jetzt schon nur 140 Stunden Verträge. Man muss realistisch bleiben. 4-5% Lohnsteigerungen passen aber einer weitere Arbeitszeit Verkürzung ist dem Arbeitgeber gegenüber unverschämt und frech.
Das schwarze Schaf 05.01.2018
5.
Eine Arbeitszeitverkürzung hat in Deutschland noch nie zu mehr Arbeitsplätzen geführt. Die eingesparte Zeit bedeutet nur, dass man dann in der verbliebenen Zeit mehr leisten muss. Also muss ich in 28 Stunden genau so viel arbeiten wie in 35 Stunden. Am Ende verlangt der Arbeitgeber von mir 100 Prozent Arbeitsleistung, die kann ich bei 35 Stunden vielleicht relativ entspannt erbringen kann, bei 28 Stunden sieht das ganz anders aus. Die Manager werden deswegen nicht mehr Personal einstellen, sondern den menschlichen Rohstoff (Human Ressources) nur noch mehr ausbeuten. Deswegen kämpft für höhere und angemessenere Löhne. Obwohl ich kein FDP-Anhänger bin finde ich den Slogan **Leistung muss sich lohnen!** richtig. Dies sollte aber nicht nur für die Besserverdiener gelten, sondern für alle die Wertschöpfungsprozess beteiligt sind.
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